POLITIK

Pflegeeinrichtungen: MDK-Prüfungen allein sorgen nicht für eine gute Pflege

Dtsch Arztebl 2009; 106(1-2): A-14 / B-13 / C-13

Hibbeler, Birgit

Foto: Superbild
Heime und ambulante Dienste werden künftig mit Schulnoten bewertet – ein erster Schritt in Richtung mehr Transparenz. Eine Garantie für eine menschenwürdige Betreuung ist das aber nicht.

Die Zahlen sprechen für sich: 70 Prozent Menschen in Deutschland haben Angst davor, ihren Lebensabend in einem Pflegeheim zu verbringen. Jeder Achte würde sogar lieber sterben, als ins Heim zu gehen. Kein Wunder angesichts der Schlagzeilen über Pflegemissstände und nicht zuletzt der Prüfberichte des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Wohl auch unter dem Druck der Öffentlichkeit wurden in das Pflegeweiterentwicklungsgesetz, das der Bundestag im März 2008 verabschiedet hat, einige Passagen aufgenommen, die sich auf die Pflegequalität beziehen. Ein wichtiger Punkt: Die Qualitätsprüfungen finden künftig unangemeldet statt, die Ergebnisse werden veröffentlicht.

Nach langen Diskussionen über das Für und Wider einer Ampelregelung steht nun fest: Ab 2009 werden Pflegeheime mit Schulnoten bewertet. Grundlage dafür sind MDK-Prüfungen, in denen dann 82 Einzelkriterien bewertet werden. Diese stammen aus fünf Bereichen:
- Pflege und medizinische Versorgung
- Umgang mit Demenzkranken
- soziale Betreuung und Alltagsgestaltung
- Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene
- Befragung der Bewohner.

Analog zu den Heimen wird der MDK in Zukunft auch die Qualität von ambulanten Pflegediensten beurteilen. 49 pflegerelevante Kriterien spielen dabei eine Rolle.

Verantwortlich für die Veröffentlichung der Prüfergebnisse sind die Landesverbände der Pflegekassen. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollen sich künftig im Internet informieren können. In den Pflegeheimen müssen die Noten außerdem gut sichtbar ausgehängt werden. „Wir hoffen, dass das marktregulierend wirkt“, sagte Paul Schiffer vom Verband der Angestellten-Krankenkassen bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Deutschen Caritasverbands (DCV) und des Berliner Instituts für christliche Ehtik und Politik (ICEP) zum Thema „Das Menschenrecht auf gute Pflege“. Auch der Medizinische Dienst des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (MDS) lobte die Neuerung. „Das ist ein entscheidender Schritt in Richtung Qualitätsverbesserung und Verbraucherfreundlichkeit“, meinte MDS-Geschäftsführer Dr. Peter Pick.

Schulnoten ersetzen nicht den persönlichen Eindruck
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) begrüßte die Regelung grundsätzlich, wies zugleich aber darauf hin, dass die Noten nur Anhaltspunkte sein könnten, wenn etwa ein Haus- oder Facharzt von Pflegebedürftigen oder Angehörigen um eine Empfehlung gebeten werde. „Schulnoten können bei der Suche nach einem geeigneten Heim eine Hilfe sein. Sie ersetzen aber nicht den persönlichen Eindruck“, stellte KBV-Sprecher Dr. Roland Stahl klar.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste zeigte sich optimistisch, dass sich durch die neue Regelung auch die Prüftätigkeit des MDK verändern werde. Die Ergebnisqualität werde künftig im Vordergrund stehen, hieß es in einer Erklärung. Diese Hoffnung teilt Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer, Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke, nicht. Sie bezweifelt, dass die Schulnoten wirklich aussagekräftig sind. „Die Ergebnisqualität kommt bei den MDK-Prüfungen nach wie vor zu kurz“, kritisiert die Professorin für klinische Pflegeforschung. Die 82 Prüfkriterien seien nicht mehr als alter Wein in neuen Schläuchen. Somit bestehe nach wie vor die Gefahr, dass vermeintliche Mängel in der Prozessqualität als Versorgungsdefizite interpretiert würden. Um die Qualität von Heimen zu bewerten, sei es dringend erforderlich, valide, reliable Kriterien zu entwickeln, mit denen sich klinisch relevante Pflegeergebnisse abbilden ließen.

In der Tat sind in der Vergangenheit die MDK-Prüfungen immer wieder in die Kritik geraten. So wurde bemängelt, im Mittelpunkt habe die Prozess- und nicht die Ergebnisqualität gestanden – wenn etwa geprüft werde, ob ein Dekubitusrisiko dokumentiert sei, und nicht, ob wirklich ein Dekubitus vorliege. Außerdem, so die Forderung, müssten die Kriterien der Qualitätsprüfungen von unabhängiger Stelle entwickelt werden und nicht vom MDK selbst.

Auch bei kritischer Betrachtung der MDK-Berichte komme man zu der Erkenntnis, dass es in der Versorgung Pflegebedürftiger „erhebliche Verstöße gegen Menschenrechte“ gebe. Das erklärte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundeärztekammer (BÄK), anlässlich des 60. Jahrestages der Menschenrechtserklärung. Sicher seien Kontrollstruktur und Auswertung der Berichte zu hinterfragen, und die Daten des MDS seien nicht in allen Punkten repräsentativ, dennoch müsse man die Frage stellen, wieso in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik die Ernährung und Flüssigkeitsversorgung von 41 Prozent der Heimbewohner gravierende Mängel aufwiesen. „Eine flächendeckende menschenwürdige Grundversorgung von Pflegebedürftigen ist offensichtlich nicht mehr gewährleistet“, sagte Montgomery, der auch Menschenrechtsbeauftragter der BÄK ist. Es sei zu vermuten, dass zum Teil die individuellen Rechte auf angemessene Unterbringung verletzt würden. Gesundheitspolitik lasse sich nicht von der Menschenrechtsfrage trennen, betonte Montgomery. Er beklagte eine zunehmende Rationierung von Gesundheitsleistungen. Unter ihr litten nicht nur Menschen am Rand der Gesellschaft, sondern auch große Bevölkerungsgruppen, wie alte Menschen.

Charta als Leitbild für eine menschenwürdige Pflege
Mit dem Menschenrecht auf gute Pflege befasst sich auch die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen. Sie entstand auf Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sowie des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Erstellt hat sie eine Arbeitsgruppe des Runden Tisches Pflege, der 2003 ins Leben gerufen wurden. In der Charta sind unter anderem das Recht auf Selbstbestimmung und eine qualifizierte Pflege verankert. Rechtsverbindlich ist die Charta nicht. Unterzeichnet haben sie bislang 337 Einzelpersonen und 211 Institutionen. Angesichts einer Zahl von allein rund 10 400 Pflegeheimen in Deutschland ist die Beteiligung also gering.

Für Mario Junglas vom Deutschen Caritasverband ist die Charta trotzdem ein Erfolg. „In ihr ist eine Linie beschrieben, hinter die wir nicht mehr zurückwollen“, erklärte er bei der Tagung von DCV und ICEP in Berlin. Auch Dieter Hackler, Abteilungsleiter im BMFSFJ, lobte die Charta. Er forderte, die Diskussion über die Pflege dürfe nicht unter rein ökonomischen Gesichtspunkten geführt werden. „ Wir müssen uns den Luxus – wie manche sagen – leisten, zu fragen, was wir in der Pflege brauchen“, verlangte Hackler. Die Charta sei eine konkrete Grundlage für die menschenwürdige Ausgestaltung von Pflege.

„Normalität und Stadtteilbezug“ seien zwei wichtige Voraussetzungen für eine menschenwürdige Pflege. Darauf wies Alexander Künzel von der Bremer Heimstiftung hin. Das Motto für die Pflege der Zukunft müsse lauten „Quartier statt grüne Wiese“ und „Netzwerk statt Käseglocke“. Er plädierte für kleine Pflegeheime, die gut in ihre Stadtteile eingebunden seien. Das sei die beste Kontrolle für ein Heim.

Pflege findet unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen statt. Viel kritisiert worden ist aber auch die Systematik der rein an körperlichen Defiziten orientierten Pflegestufen. Der bereits 2006 eingesetzte Beirat zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs wird nach Angaben des BMG im Januar seine Beratungen abschließen und dann eine Empfehlung abgeben. Geplant ist ein neues Begutachtungsverfahren. Außerdem soll es voraussichtlich nicht mehr drei, sondern fünf Pflegestufen geben, um den Hilfebedarf differenzierter abbilden zu können.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Neu seit 1. Januar
Schulnoten für Pflegeheime
Die Qualität von Heimen wird künftig mit Noten von „sehr gut“ bis „mangelhaft“ bewertet. Grundlage sind unangekündigte Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Die Noten werden im Internet veröffentlicht und im Heim an gut sichtbarer Stelle ausgehängt. Der MDK wird alle Heime bis Ende 2010 einmal prüfen, danach gibt es jährliche Kontrollen.

Rechtsanspruch auf Pflegeberatung
Pflegebedürftige haben Anspruch auf kostenlose Beratung. Diese wird in der Regel von geschulten Mitarbeitern der Pflegekassen übernommen und kann in Pflegestützpunkten stattfinden. Ob solche Stützpunkte eingerichtet werden, ist Sache der Bundesländer. Für Privatversicherte ist die Compass-Private-Pflegeberatung GmbH zuständig, die eine aufsuchende Beratung anbietet – also zu Hause, im Heim oder im Krankenhaus.

Charta der Rechte Pflegebedürftiger
„Jeder Mensch hat uneingeschränkten Anspruch auf Respektierung seiner Würde und Einzigartigkeit.“ Das ist der erste Satz aus der Präambel der Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen. Das Grundsatzpapier enthält acht Artikel, in denen unter anderem das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und ein würdevolles Sterben festgehalten ist. Eine qualifizierte Pflege und individuelle Betreuung sowie das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind ebenfalls wichtige Punkte. Die Charta entstand auf Initiative der zuständigen Bundesministerien. Erarbeitet wurde sie von Experten einer Arbeitsgruppe des Runden Tisches Pflege.
Weitere Informationen im Internet: www.pflege-charta.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige