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Einsparungen im Gesundheitswesen: Rechnen mit Berechnung

Dtsch Arztebl 2009; 106(3): A-55 / B-51 / C-51

Rieser, Sabine

Sabine Rieser Leiterin der Berliner Redaktion
Rechnen können sie, aber vom Gesundheitswesen haben sie keine Ahnung“, seufzt die Journalistin auf dem Nachbarstuhl, als die Präsentation der Studie „Effizienzreserven im Gesundheitswesen“ zu Ende geht. Recht hat die Kollegin, denkt man. Zumindest im Fall dieser Studie.

Die beiden Ökonomen Prof. Dr. Stefan Felder von der Universität Duisburg-Essen und Dr. Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung haben gerade ihr Arbeitsergebnis erläutert, das angesichts von Gesundheitsfonds und Wirtschaftskrise aufhorchen lässt: Die Krankenkassen brauchen nicht mehr, sondern weniger Geld. 5,6 bis 9,8 Milliarden Euro jährlich könnten sie je nach Szenario einsparen, und zwar ohne Qualitätseinbußen, wenn Effizienzreserven gehoben würden. Das käme einer Senkung des Beitragssatzes zwischen 0,6 und einem Prozentpunkt gleich.

Grund des Ausgabenübels ist nach Ansicht der Wissenschaftler mangelnder Wettbewerb im Verhältnis der Kassen zu den Leistungserbringern. Die Einzelposten ihrer Rechenwege sind bekannt, weil sie sich seit Jahren in entsprechenden Studien wiederholen: überhöhte Preise, zu hohe Fallzahlen, überzogene Handelsmargen. Dieses Mal kommen die Milliardenreserven dadurch zustande, dass Felder und Augurzky Preise und Mengen medizinischer Leistungen in den 16 Bundesländern verglichen haben. Dann haben sie errechnet, wie viel Geld sich sparen ließe, wenn in vergleichsweise teuren Regionen nur so viel ausgegeben würde wie in vergleichsweise günstigen.

Das Ergebnis ist verständlich, wenn man weiß, dass der Auftraggeber der Studie die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ist. Sie wird vor allem von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert. Hanebüchen sind einige Rechnungen der Gesundheitsökonomen dennoch.

Beispielsweise haben sie Punktwerte der einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen aus dem Jahr 2005 aufgelistet. Ganz oben steht da das böse, teure Hamburg mit 4,91 Cent, ganz unten das löblich günstige Niedersachsen mit 3,45 Cent. Von den dazugehörigen Mengenbegrenzungsstrategien ist keine Rede, ebenso wenig davon, dass der Begriff „Preise“ hier fehl am Platz ist.

Andererseits scheint den Wissenschaftlern entgangen zu sein, dass die Weichen sowohl in Praxen als auch in Kliniken längst in Richtung bundeseinheitliche Honorierung gestellt wurden. Oder dass es mittlerweile gute Belege für einen Zusammenhang zwischen hoher Arbeitslosigkeit in einer Region und erhöhter Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen gibt.

Ahnung vom Gesundheitswesen? Anhand dieser Studie hat man nicht den Eindruck. Natürlich gibt es Effizienzreserven. Allein schon aufgrund der anhaltenden Schnittstellenprobleme zwischen den Sektoren lässt sich das nicht bestreiten. Hilfreich in der Diskussion über die Zukunft unseres Gesundheitswesens sind aber doch längst nicht mehr Studien darüber, welche Milliardenbeträge man auf dem Papier zusammenbekommt, wenn man nur holzschnittartig genug rechnet.

Hilfreich sind Erkenntnisse zu anderen Themen, mit denen sich Felder und Augurzky befassen. So analysiert Felder beispielsweise die Wirkungen von Wahltarifen in der Krankenversicherung und beteiligt sich am Projekt „Priorisierung in der Medizin“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Solche Arbeiten sind wichtig und interessant, auch wenn ihnen zuweilen die Medientauglichkeit fehlt.
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