POLITIK

Häusliche Gewalt erkennen und verhindern: „Pflege heißt Krise“

Dtsch Arztebl 2009; 106(4): A-118 / B-104 / C-100

Hempel, Ulrike

Angehörige zu Hause zu pflegen, ist anstrengend und kann zu Übergriffen führen. Hilfe bieten Dienste wie die Berliner Beratungs- und Beschwerdestelle „Pflege in Not“.

Gewalt ist noch zu oft ein Tabuthema“, erklärte die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Marion Caspers-Merk, kürzlich beim internationalen Symposium „Gewalt macht krank – Herausforderungen an das europäische Gesundheitssystem“ (DÄ, Heft 48/2008). Auf Einladung der Weltgesundheitsorganisation, der Bundesärztekammer und des BMG erörterten Expertinnen und Experten verschiedener europäischer Nationen Strategien, um dem Gesundheitsrisiko Gewalt mit neuen Lösungsansätzen begegnen zu können. Sie waren sich einig darüber, dass eine Qualifizierung aller Gesundheitsberufe sowie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit nötig sind, damit Gewalt als Ursache von Gesundheitsproblemen wahrgenommen und dagegen vorgegangen wird.

Geduld, Zeit, Freude aneinander – schön wäre es. Frauen und Männer, die dauerhaft Angehörige pflegen, sind stattdessen oft überfordert. Ärzte sollten deshalb darauf achten, was mit ihren pflegebedürftigen Patienten geschieht. Foto: Photothek
Um auf das Thema „Gewalt gegen alte, pflegebedürftige Menschen“ aufmerksam zu machen, veranstalteten vor Kurzem der Menschenrechtsausschuss der Ärztekammer Berlin und der Berliner Arbeitskreis Pflege eine Fortbildung für Ärzte, pflegende Angehörige und Pflegekräfte. Zwei Drittel aller pflegebedürftigen Menschen werden nach Angaben von „Pflege in Not“, der Berliner Beratungs- und Beschwerdestelle des Diakonischen Werks bei Konflikt und Gewalt in der Pflege, zu Hause versorgt, meist von nahen Angehörigen. Ohne darauf vorbereitet oder dafür ausgebildet zu sein, übernehmen vor allem Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter die Pflege der Betroffenen, zunehmend aber auch Ehemänner und Söhne. Für wie lange, ist meist nicht absehbar. Durchschnittlich beträgt die Zeitspanne etwa zehn Jahre.

Die große körperliche und seelische Nähe zwischen Pflegenden und Gepflegten kann zu Aggressionen führen, weil nicht verarbeitete Beziehungskonflikte aufbrechen und Angehörige durch die Pflege überfordert werden. Sie fühlen sich häufig alleingelassen damit, den Spagat zwischen den Bedürfnissen der eigenen Familie und den Anforderungen der Pflege zu meistern.

In der Folge könne Gewalt entstehen, erklärte die Projektkoordinatorin von „Pflege in Not“, Gabriele Tammen-Parr, während der Fortbildung. Die Sozialpädagogin und Mediatorin berichtete aus ihrer langjährigen Beratungspraxis, etwa von jener Frau, die sagte: „Manchmal kann ich meinen Mann einfach nicht mehr sehen, dann muss ich raus aus der Wohnung, und er bleibt lange allein.“ Oder vom Anruf der Mitarbeiterin einer Sozialstation, die um Unterstützung bat: „Frau Müller, die ich betreue, hat einige kahle Stellen am Kopf. Die alte Frau gibt an, dass die Schwiegertochter sie an den Haaren reiße, wenn ihr Sohn nicht zu Hause sei.“

Konflikte, Druck? Schnell den Pflegedienst gewechselt
Aktuelle Daten zu Ausmaß, Ursachen und Ausprägung von Gewalt gegen pflegebedürftige Familienangehörige in Deutschland lägen nicht vor, so Tammen-Parr. Doch Experten zufolge gehören neben direkter körperlicher Gewalterfahrung Vernachlässigung beziehungsweise ein missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten, zum Beispiel um zu Pflegende ruhigzustellen, zu den häufigsten Formen, die die Opfer erleben.

So schilderte Dr. med. Martin Warnach, Ärztlicher Leiter des Berliner Wichernkrankenhaus – Evangelisches Johannesstift, dass in einem Fall der Sohn und gesetzliche Betreuer seiner pflegebedürftigen, von einem Schlaganfall schwer betroffenen Mutter vorsätzlich das verordnete Antiepileptikum nicht gab – warum, blieb unklar. Mitarbeiter der mit der Pflege beauftragten Sozialstation fanden sie mehrmals im postiktalen Status vor. Als sie nicht mehr weiterwussten, informierten sie das Vormundschaftsgericht. Am Ende wechselte der Sohn den Pflegedienst. „Das geschieht in solchen Situationen häufig“, weiß Warnach. So lassen sich Konflikte besser verschleiern.

Nach Warnachs Kenntnis wenden sich Misshandelte auch nur selten an Außenstehende. Denn sie könnten manchmal nur noch schwer sprechen und seien häufig sozial isoliert. Ein weiterer Grund sei die Angst, dass ihre Angehörigen dann den Kontakt und damit die häusliche Pflege beenden könnten. Deshalb sei es für Außenstehende schwierig, zutreffende Auskünfte über Vernachlässigung und Misshandlung zu erhalten.

Tammen-Parr verwies auf einen weiteren Aspekt der nicht vernachlässigt werden dürfe: dass pflegebedürftige Menschen Machtmittel einsetzen wie mangelnde Wertschätzung, Essensverweigerung oder gezieltes Einkoten. Damit wollen sie pflegende Angehörige verletzen beziehungsweise bestrafen. Deshalb plädierte Tammen-Parr dafür, besser keine Opfer-Täter-Begriffe zu verwenden. In der Pflegesituation könnten diese Rollen stündlich wechseln.

Ärzte sollten das Pflegeklima aufmerksam beobachten
„Pflege heißt Krise“, betonte die Expertin. Stets müsse man sich von Lebensentwürfen und Träumen verabschieden, wenn etwa der Partner nach einem Schlaganfall pflegebedürftig sei und der Alltag nur noch von seinen Bedürfnissen bestimmt werde. Oder wenn der Bruder die pflegebedürftige Mutter nicht einmal dann betreue, wenn die pflegende Schwester erkrankt sei. Gespräche könnten helfen, mit Hoffnungen und Wünschen abzuschließen oder Konflikte aufzuarbeiten.

Wie aber können Ärzte erkennen, dass sich Konflikte zwischen Pflegenden und Gepflegten entwickeln und Vernachlässigung beziehungsweise Gewalt stattfindet? Die Teilnehmer der Fortbildung verständigten sich darauf, dass vor allem Hausärzte, professionelles Pflegepersonal und Fachkräfte im ambulanten Bereich aufmerksam das Pflegeklima beobachten sollten. Offensichtlich überforderte Pflegende solle man ansprechen und mit dem Hinweis auf Hilfs- und Beratungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel in Berlin „Pflege in Not“, informieren. Ärzte könnten als Vertrauens- und Autoritätspersonen signalisieren, dass sie um die Problematik häuslicher Gewalt in der Pflege wissen. In der Praxis ausgelegtes Informationsmaterial weise darauf hin, dass das Thema dort nicht tabu sei.

Als vorteilhaft gelten zudem gute Kontakte zwischen Ärzten und Anbietern wie beispielsweise ambulanten Pflegediensten. Gelegentlich böten sich zur Vermittlung und zum Schutz der Betroffenen institutionsübergreifende Einzelfallbesprechungen an, betonten die Fortbildungsteilnehmer.
Ulrike Hempel

Rat vor Ort
Im Internet findet man eine Vielzahl von Hinweisen auf örtliche Beratungs-, Beschwerde- und Schlichtungsstellen zum Thema Pflege. Was sie genau anbieten, muss man vor Ort klären. Hier drei Links als Beispiele:
- Das Berliner Projekt „Pflege in Not“ steht allen offen: ob Gepflegten, pflegenden Angehörigen, Ärzten oder Nachbarn. Angeboten werden telefonische Beratungen, persönliche Gesprächstermine, Mediation und Vermittlungsgespräche in Einrichtungen, Fortbildung und Supervision für in der Pflege Tätige. Weitere Infos: www.pflege-in-not.de.
- Einige Beschwerde- und Schlichtungsstellen Pflege, wie die beim Seniorenamt Nürnberg, stellen Tätigkeitsberichte ins Netz. „Ein zentrales Problem ist nach wie vor die mangelnde Kommunikation der Beteiligten“, heißt es im jüngsten Bericht. Weitere Infos: www.senioren.nuernberg.de/beratung/beschwerde.
- Im Juni hat sich der Verein „Wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland“ gegründet. Weitere Infos: www.wir-pflegen.net.

Literaturtipps
- „Gesundheit im Alter“ – Texte und Materialien der Bundesärztekammer zur Fort- und Weiterbildung (1998). Im Kapitel „Misshandlung und Gewalt gegen alte Menschen“ wird ausführlich geschildert, warum es für Ärzte oft schwierig ist, das Problemfeld richtig abzuschätzen.
- „Gesundheitliche Folgen von Gewalt unter besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt gegen Frauen“, Robert-Koch-Institut, Berlin, 2008, Heft 42. Enthält Ergebnisse nationaler und internationaler Forschung zum Thema sowie Beispiele zum erfolgreichen Umgang mit Gewaltbetroffenen.
- „Gewalt in der Pflege“, Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, 2008. Bezugsstelle: Diakonisches Werk, Telefon: 0 30/82 09 72 03, Schutzgebühr: 3,50 Euro. Der Ratgeber enthält unter anderem einen Fragebogen für Menschen, die entscheiden müssen, ob sie einen Angehörigen pflegen wollen oder nicht.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige