POLITIK

Reform des Pflegebegriffs: Das Ende der Pflege im Minutentakt

Dtsch Arztebl 2009; 106(6): A-230 / B-196 / C-188

Hibbeler, Birgit

Mehr Zeit für menschliche Zuwendung? – Zumindest soll es bei den Pflegestufen künftig nicht mehr allein nach dem zeitlichen Aufwand für die körperliche Pflege gehen. Foto: laif
Fünf statt drei Pflegestufen und ein neues Begutachtungsverfahren, das auch kognitive und psychische Probleme erfasst: Die Empfehlung des „Beirates zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs“ ist ein Paradigmenwechsel.

Die Reaktionen sind durchweg positiv – kaum eine Presseerklärung oder Stellungnahme, in der die Pläne für eine neue Definition von Pflegebedürftigkeit nicht ausdrücklich gelobt werden. Künftig soll es nicht mehr drei, sondern fünf Pflegestufen geben, um den Bedarf genauer abzubilden. Außerdem soll es nicht mehr nur um die Hilfe beim Waschen, Anziehen oder Kämmen gehen. Der neue Pflegebegriff soll auch den Bedürfnissen Demenzkranker gerecht werden.

Das Gutachten des Beirates ist zwar nur eine Empfehlung, doch es gibt eine breite Zustimmung. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bezeichnete die Vorschläge als sehr gelungen. „Wir wollen weg von der Minutenpflege“, kündigte sie an. Auch Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) unterstützen die neuen Kriterien. „Die seit Langem kritisierte strikte Ausrichtung an körperlichen Defiziten wäre damit vom Tisch“, sagte Klaus-Dieter Voß, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes.

Zu eng, zu verrichtungsbezogen, zu sehr an körperlichen Gebrechen orientiert – die Liste der Kritikpunkte an den bisherigen Pflegestufen ist lang. Deshalb setzte das Bundesministerium für Gesundheit bereits 2006 einen Beirat mit 32 Vertretern – unter anderem von Sozialverbänden, der Pflegewissenschaft und der Krankenkassen – ein. Das Gremium hat nun ein Verfahren empfohlen, das der Medizinische Dienst der Krankenkassen Westfalen-Lippe und Wissenschaftler der Universität Bielefeld entwickelt haben. Demnach soll die Begutachtung einer anderen Logik folgen: Es geht nicht mehr um Defizite und Zeitfenster für körperliche Pflege, sondern um erhaltene Fähigkeiten. Das neue Begutachtungsassessment (NBA) erfasst auch kognitive, psychische und soziale Aspekte. Es ermittelt Parameter aus sechs Modulen:
- Mobilität
- kognitive und kommunikative Fähigkeiten
- Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
- Selbstversorgung (Körperpflege, Essen, Ankleiden)
- Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen (zum Beispiel Medikamenteneinnahme)
- Alltag und soziale Kontakte.

Das Verfahren teilt die Pflegebedürftigen in fünf Bedarfsgrade ein. Dazu werden die Punktwerte aus den sechs Modulen zusammengerechnet. Die Experten unterscheiden in geringe, erhebliche, schwere und schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit sowie eine besondere Bedarfskonstellation. Das NBA wurde im vergangenen Jahr in der Praxis erprobt und wissenschaftlich ausgewertet. Aus Sicht des Beirates ist es praxistauglich und unbürokratisch. Die Reliabilität sei gut, die Validität sogar sehr gut.

Die Vorschläge des Beirates haben bei Sozial- und Pflegeverbänden eine regelrechte Euphorie ausgelöst. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Der Bericht sei nur der erste Schritt auf einem langen Reformweg, sagte die pflegepolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Elisabeth Scharfenberg. Man solle nicht davon ausgehen, das die Ideen eins zu eins umgesetzt würden. „Die Große Koalition wird es in dieser Wahlperiode nicht mehr schaffen, dieses Projekt in Gesetzesform zu bringen. Damit hat sie eine weitere Ankündigung des Koalitionsvertrages nicht eingehalten.“

Unklar ist, woher das Geld kommen soll, wenn mehr Leistungen gewährt werden. Je nach Szenario entstehen Zusatzkosten von bis zu 3,6 Milliarden Euro jährlich für die Pflegeversicherung. Dabei ist diese ohnehin angeschlagen. In den ersten drei Quartalen 2008 hat sie mit einem Minus von 100 Millionen Euro abgeschlossen – trotz der Beitragssatzerhöhung zum 1. Juli.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnte bereits vor einer reinen Umschichtung. Es dürfe nicht sein, dass die Verbesserungen für Demenzkranke zulasten anderer Hilfsbedürftiger gingen. In einem ergänzenden Bericht soll der Beirat bis voraussichtlich Mai konkrete Umsetzungsvorschläge machen.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Der Bericht des Beirates im Internet:
www.aerzteblatt.de/plus0609
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige