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In fast allen europäischen Ländern herrscht ein Mangel an Fachkräften im Gesundheitswesen. Die EU sucht nach Lösungen. Sie will die Freizügigkeit von Ärzten und Pflegekräften fördern und Versorgungslücken schließen.
Klischees zu ausländischen Ärzten? Habe ich eigentlich nicht. Na ja, höchstens, dass man die manchmal schlecht versteht.“ Antworten wie diese gaben junge Berliner auf die Frage: „Was fällt Ihnen spontan zu dem Begriff ausländische Ärzte ein?“ So berichtet das Monatsblatt der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin in seiner Februarausgabe. Ausländische Ärzte haben längst ihren festen Platz im deutschen Gesundheitswesen. Rund 17 000 Ärzte aus dem Ausland waren 2007 in Deutschland berufstätig. Ihr Anteil an der medizinischen Versorgung beträgt insgesamt rund fünf Prozent.
Auch Pflegekräfte, insbesondere aus Osteuropa, zieht es zunehmend nach Deutschland. Schätzungen zufolge geht die Zahl der legalen und der auf dem Schwarzmarkt für die häusliche Pflege tätigen Personen in die Hunderttausende. Nicht immer aber herrsche in den Einwandererstaaten eine „echte“ Unterversorgung, berichtet Elisabeth Kidd aus der für Gesundheitsfragen zuständigen Abteilung der Europäischen Kommission. Ungarn zum Beispiel bilde gezielt nur wenige Krankenschwestern aus, um die Versorgungslücken dann mit Personal aus dem Ausland zu schließen. Die ausländischen Fachkräfte verließen ihre Heimat dabei in erster Linie aus wirtschaftlichen Erwägungen, sagt Michael Wilks, Präsident des Ständigen Ausschusses der Europäischen Ärzte.
WHO: Noch kein kritischer Fachkräftemangel in Europa
Deutschland zählt für Ärzte und Pflegekräfte nicht zu den attraktivsten Einwanderungsländern der Europäischen Union (EU). In Großbritannien etwa stammt knapp ein Drittel der Ärzte aus dem Ausland. In Norwegen beträgt ihr Anteil rund 16 Prozent. Im Vereinigten Königreich übersteigt zudem seit einigen Jahren die Zahl der neu zugelassenen Pflegekräfte aus dem Ausland die des britischen Fachpersonals, teilt Stephan von Bandemer vom Institut für Arbeit und Technik der Fachhochschule Gelsenkirchen (IAT) mit. Das IAT hatte im Auftrag der EU die Jobmobilität im Gesundheits- und Sozialwesen in Nordwesteuropa untersucht. Hintergrund der Studie: Der Arbeitsmarkt für Fachkräfte im Gesundheitswesen steht aus Sicht der EU-Kommission vor gewaltigen Herausforderungen.
Dazu gehört zum einen die zunehmende Überalterung von Ärzten und Pflegepersonal. So sei die Zahl der Ärzte im Alter von über 45 Jahren zwischen 1995 und 2000 europaweit um 50 Prozent gestiegen und die der unter 45-jährigen zeitgleich um 20 Prozent gesunken, heißt es in einem Diskussionspapier der Brüsseler Behörde (Kasten). Bei den Pflegekräften steige das Durchschnittsalter seit Jahren ebenfalls kontinuierlich an. Zum anderen mangele es EU-weit an Aus-, Weiter- und Fortbildungsplätzen, um den erforderlichen Bedarf an medizinischem und pflegerischem Personal zu decken und die berufliche Mobilität innerhalb der EU sinnvoll zu fördern, erklärt EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou.

Lernen für Europa:
Philippinische Krankenschwestern
lernen
in Manila an einer
Puppe mit europäischen
Gesichtszügen
und Ausmaßen.
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Wie hoch der Bedarf an gut ausgebildetem Personal ist, um in den EU-Ländern eine qualifizierte Versorgung gewährleisten zu können, lässt sich derweil nicht genau feststellen. Zwar litten die meisten europäischen Länder unter Personalengpässen, berichtet die EU-Behörde, von einem kritischen Fachkräftemangel in Europa könne entgegen oftmals anders lautenden Behauptungen aber bislang nicht gesprochen werden, heißt es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Zu geringe Investitionen in qualifizierte Ausbildung
Sicher ist nur, dass der Gesundheitssektor einer der bedeutendsten und personalintensivsten Zweige der EU-Wirtschaft ist und wohl auch bleiben dürfte. Etwa jede zehnte Arbeitskraft in der EU ist im Gesundheitswesen beschäftigt. „Das eigentliche Problem Europas besteht darin, dass viele Staaten zu wenig in eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung von Arbeitskräften im Gesundheitswesen investieren“, sagt von Bandemer. Dies gelte auch für Deutschland.
Die Folge dieser Entwicklung sei eine Zuwanderung von Fachkräften aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die in diesen Staaten wiederum zu einer bedrohlichen Unterversorgung führe. Am meisten sei Südafrika vom Braindrain betroffen, so die Kommission. Mehr als ein Drittel aller Ärzte dieses Landes arbeitet nach einem WHO-Bericht aus dem Jahre 2006 im Ausland, in der Rangliste folgen Ghana (28 Prozent) und Angola (18 Prozent). Statt einfach nur Personal abzuwerben, um die Versorgungslücken im eigenen Land zu stopfen, sollten die Industrieländer gezielte Aus- und Weiterbildungsangebote für Arbeitskräfte in wichtigen Zielländern wie Indien und Afrika entwickeln und vermarkten, rät von Bandemer. Solche Angebote könnten zugleich zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor für die gesamte deutsche Gesundheitswirtschaft werden.
Internationale Fachleute fürchten indessen, dass die weltweite Wirtschaftskrise auch im Gesundheitswesen zu gravierenden finanziellen Engpässen und somit zu einem Abbau von Arbeitsplätzen führen wird. „Die Auswirkungen der Krise für die medizinische Versorgung sind derzeit nicht absehbar“, betont François Decaillet von der WHO-Niederlassung bei der EU. Umso wichtiger sei es, nicht vertretbare Praktiken bei der grenzüberschreitenden Abwerbung von Fachkräften im Gesundheitswesen zu unterbinden, um den Personalmangel in einigen Ländern nicht noch weiter zu verschärfen. Sinnvoll sei zum Beispiel eine staatliche Begrenzung für die Einstellung von ausländischem Personal, wie es sie inzwischen in Großbritannien, Norwegen und den Niederlanden gebe. Ausländische Fachkräfte sollten ferner Anreize bekommen, nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Ein verstärkter gegenseitiger Erfahrungsaustausch über bewährte personalpolitische Strategien und über Spezialisierungen von Gesundheitsberufen könnte ebenfalls zur Problemlösung beitragen, sagt von Bandemer. Die EU hat sich ferner dazu verpflichtet, einen Verhaltenskodex für die Anwerbung von Fachkräften im Gesundheitswesen in Nicht-EU-Ländern auszuarbeiten.
Petra Spielberg
Diskussionspapier
Die Europäische Kommission hat Mitte Dezember 2008 ein Dokument veröffentlicht, das zu einer EU-weiten Diskussion über die Zukunft der Arbeitskräfte im Gesundheitswesen anregen soll. Das Grünbuch kann im Internet aufgerufen werden unter: http://ec.europa.eu/health/ph_systems/ docs/workforce_gp_de.pdf.
Stellungnahmen hierzu sind noch bis Ende März möglich.
Die Kommission geht dabei davon aus, dass die EU-Länder gemeinsame Antworten finden müssen, um den Herausforderungen im Gesundheits- und Pflegebereich zu begegnen. Hierzu zählen vor allem
- die geringe Popularität von Gesundheitsberufen bei jungen Menschen
- die ungleiche Mobilität von Fachkräften aus dem Gesundheitswesen innerhalb der EU (vornehmlich von Ost nach West)
- veränderte Anforderungen an die Aus-, Weiter- und Fortbildung von Gesundheitsberufen
- der Abfluss von Fachkräften aus Drittländern.
Stellungnahmen sind zu richten an:
SANCO-health-workforce@ec.europa.eu
oder an:
Europäische Kommission, B-1049 Brüssel.
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