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POLITIK

Wissenschaftsbetrug/Gefälschte Studien: Auswirkungen auf die S3-Leitlinie?

Dtsch Arztebl 2009; 106(15): A-703 / B-599 / C-583

Neugebauer, Edmund A. M.; Becker, Monika; Sauerland, Stefan; Laubenthal, Heinz

Eine Stellungnahme deutscher Schmerzforscher zu den Empfehlungen der
„Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen“

Seit Mai 2008 ging das Baystate Medical Center, Springfield (Massachusetts, USA), Hinweisen nach, dass der US-amerikanische Anästhesist Dr. Scott S. Reuben über zwölf Jahre hinweg Studien zur perioperativen Schmerztherapie gefälscht haben soll. Als Ergebnis dieser Untersuchungen veröffentlichte die Zeitschrift „Anesthesia and Analgesia“ am 20. Februar eine Liste mit 21 Studien, die einer unabhängigen Untersuchung zufolge auf gefälschten Daten basieren (1). In der S3-Leitlinie – „Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen“ (2) – wurden insgesamt sieben Studien zitiert, die Reuben als Erstautor erstellte. Vier dieser Studien sind laut dieser Liste gefälscht (36) (Tabelle).



In dem Kapitel „Eingriffe an der Wirbelsäule“ existieren zwei Kernaussagen, zu denen neben anderen Studien jeweils eine der gefälschten Studien angeführt wurde. Dabei handelt es sich zum einen um die Aussage, dass die prophylaktische präoperative Gabe von Nichtopioiden bei Nukleotomien/Laminektomien aufgrund fehlender wissenschaftlicher Belege der prozedurenspezifischen Wirksamkeit einer prä- versus postoperativen Gabe nicht empfohlen werden kann (Empfehlungsgrad = Grade of Recommendation/GoR: C).

Zum anderen geht es um die Aussage, dass nach Eingriffen am Beckenkamm intraoperativ ein lang wirksames Lokalanästhetikum in Kombination mit einem Opioid lokal appliziert werden sollte (GoR: B). Die Studien von Reuben et al. werden aus der Reihe der Studien, die zur Begründung dieser Aussagen angeführt wurden, entfernt. Dies wird aber nichts an den Kernaussagen selbst ändern, da die darüber hinaus zitierten Studien und die Konsistenz der Studienergebnisse (auch ohne die Studien von Reuben et al.) die formulierten Empfehlungen ausreichend belegen.

Des Weiteren existieren im allgemeinen Teil der S3-Leitlinie („Medikamentöse Verfahren“ und „Nachstationäre Weiterbehandlung und ambulante Chirurgie“) vereinzelte Aussagen, zu denen Studien von Reuben et al. als Referenz angegeben wurden. Hierbei handelt es sich allerdings um keine expliziten Empfehlungen wie bei den beiden oben genannten Kernaussagen. Die entsprechenden Aussagen sollen bei Fehlen weiterer Belege gestrichen werden.

Da in dem Zusammenhang mit dem Fälschungsskandal in der Wissenschaft in der Presse häufig auch mögliche Probleme der Finanzierung durch die Pharmaindustrie genannt werden, sei hier nochmals darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der S3-Leitlinie „Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen“ durch keine Industrieförderung beeinflusst wurde. Explizit heißt es dazu in der Leitlinie (2):

„Die Erstellung der Leitlinie erfolgte in redaktioneller Unabhängigkeit von den mitherausgebenden Organisationen/Fachgesellschaften. Mittel für die Aufwandsentschädigung für die methodische Unterstützung, Kosten für Literaturbeschaffung und Büromaterial wurden von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS) und dem Institut für Forschung in der Operativen Medizin (IFOM) der Universität Witten/Herdecke zur Verfügung gestellt. Die DIVS hat über Verträge mit verschiedenen Pharmafirmen einen Finanzpool geschaffen. An der Finanzierung waren die Firmen Bristol Myers Squibb, Pfizer und Mundipharma beteiligt. Die Firmen haben keinerlei Einfluss auf die Leitlinienerstellung gehabt und keine Vorabinformationen über die Inhalte erhalten. Für die Unterstützung bei der Realisierung der Leitlinie sei ausdrücklich gedankt.

Die im Rahmen des Konsensusverfahrens angefallenen Reisekosten für die Teilnehmer wurden von den jeweils entsendenden Fachgesellschaften/Organisationen übernommen. Alle Teilnehmer der Konsensuskonferenz legten potenzielle Interessenkonflikte schriftlich offen (Formblatt in der Internetversion unter http://leitlinien.net), um der Gefahr von Verzerrungen entgegenzutreten.“

Prof. Dr. rer. nat. Edmund A. M. Neugebauer,
Monika Becker,
Priv.-Doz. Dr. med. Stefan Sauerland,
Prof. Dr. med. Heinz Laubenthal

Anschriften der Verfasser
Ifom – Institut für Forschung
in der Operativen Medizin
Private Universität Witten/Herdecke gGmbH
Ostmerheimer Straße 200, 51109 Köln
Prof. Dr. med. Heinz Laubenthal
Präsident der Deutschen Interdisziplinären
Vereinigung für Schmerztherapie,
Heckertstraße 50, 44807 Bochum

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1509
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2.
Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS) (Gesamtverantwortung: Laubenthal H, Becker M, Sauerland S, Neugebauer E): S3-Leitlinie „Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen“ 2008 Deutscher Ärzte-Verlag Köln und (AWMF-Reg.-Nr. 041/001). http://www.awmf.org.
3.
Reuben SS, Buvanendran A, Kroin JS Raghunathan K: The analgesic efficacy of celecoxib, pregabalin, and their combination for spinal fusion surgery. Anesth Analg 2006; 103: 1271–7. MEDLINE
4.
Reuben SS, Connelly NR, Maciolek H: Postoperative analgesia with controlled-release oxycodone for outpatient anterior cruciate ligament surgery. Anesth Analg 1999; 88: 1286–91. MEDLINE
5.
Reuben SS, Ekman EF: The effect of cyclooxygenase-2 inhibition on analgesia and spinal fusion. J Bone Joint Surg Am 2005; 87: 536–42. MEDLINE
6.
Reuben SS, Vieira P, Faruqi S, Verghis A, Kilaru PA, Maciolek H: Local administration of morphine for analgesia after iliac bone graft harvest. Anesthesiology 2001; 95: 390–4. MEDLINE

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