MEDIEN

Eugenik: Faszinierende Materialsammlung

Dtsch Arztebl 2009; 106(22): A-1152 / B-988 / C-960

Geisler, Linus

Richard Fuchs hat eine weitgehend lückenlose Chronik der Eugenik vorgelegt. Sie beginnt mit Sir Francis Galtons Vorstellungen zur Verbesserung des Erbgutes und führt über Ernst Haeckels Deszendenztheorie, den ersten rassenhygienischen Bestrebungen in den USA, den eugenischen Barbareien des Dritten Reiches bis hin zu den selektionistischen Ansätzen der modernen Humangenetik, zum Beispiel durch Präimplantationsdiagnostik.

Die „Magna Therapia“ des Dritten Reiches hatte schon nicht mehr die Gesundheit des einzelnen Individuums, sondern die Utopie künftiger Generationen ohne Krankheit und mit absoluter rassischer Überlegenheit als Phantom eines neuen Menschen im Auge. Diese Vision taucht in beklemmender Weise als Gedankenfigur des genetic enhancement engineering durch Eingriffe in die Keimbahn im Repertoire moderner gentechnologischer Manipulationen wieder auf. Der Leser wird von den ersten eugenischen Ideen und Träumen in logisch-psychologisch konzisen Schritten durch das beklemmende Panorama der Manipulationen des menschlichen Erbguts bis hin zu den neuesten Visionen und Fantasmen der modernen Humangenetik mit all ihren Konsequenzen geführt. Forderungen einiger EU-Abgeordneter sprechen aktuell bereits von „Ausmerzung“ seltener Erbkrankheiten.

Im Ausblick seines Buchs sieht Richard Fuchs nicht nur das naturgegebene genetische Konzept des Menschen und dessen unmanipulierte Entfaltung gefährdet, sondern letztlich den Fortbestand der Humanität. Das Werk präsentiert eine faszinierende und umfassende Materialsammlung der Ideen, Entdeckungen, Theorien und politischen wie gesellschaftlichen Anschauungen und Wandlungen der Eugenik der letzten rund 200 Jahre. Trotz der Datenfülle erleichtert die systematische und übersichtliche Aufarbeitung des Materials dem Leser die Orientierung und stimuliert seine Neugier und den Wunsch, sich in eine der grundlegenden Themenkreise der Life Sciences zu vertiefen. Insofern liegt hier der seltene Fall einer Enzyklopädie vor, die nicht nur dem Nachschlagen dient, sondern intensiv zum Lesen anregt. Eine Fundgrube für Ärzte, Biologen, Genetiker, Bioethiker sowie politisch und gesellschaftlich Interessierte und Verantwortliche. Linus Geisler

Richard Fuchs: Life Science. Eine Chronologie von den Anfängen der Eugenik bis zur Humangenetik der Gegenwart. Reihe: Zeittafel, Band 1. Lit Verlag, Berlin 2008, 512 Seiten, kartoniert, 49,90 Euro
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