POLITIK

Pflegeeinrichtungen: „Pflege-TÜV“ in der Kritik

Dtsch Arztebl 2009; 106(23): A-1180 / B-1013 / C-985

Hibbeler, Birgit

Wie misst man gute Pflege? Darüber streiten Experten und Politiker. Foto: Caro
Ab Juni sollen Heime und ambulante Dienste nach Schulnoten bewertet werden. Doch es gibt grundsätzliche Zweifel, ob das Bewertungssystem des MDK die Qualität der Einrichtungen überhaupt korrekt abbildet.

Manche Erfolgsgeschichten sind kurz. Als das Pflegeweiterentwicklungsgesetz im März 2008 vom Bundestag verabschiedet wurde, da lobten Politiker der Großen Koalition noch, damit werde endlich Klarheit und Transparenz über die Qualität von Pflegeheimen geschaffen. Denn – so steht es seitdem im Gesetz: Die Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) finden unangekündigt statt, die Ergebnisse werden veröffentlicht.

Doch nun, etwas mehr als ein Jahr später, hagelt es Kritik. Voraussichtlich ab Juni soll der MDK bei seinen Kontrollen nach einem neuen Prüfkatalog vorgehen. Aus den Ergebnissen der verschiedenen Testbereiche ergibt sich eine Gesamtbewertung – in Form einer Schulnote von „sehr gut“ bis „mangelhaft“. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) bezeichnete das Verfahren als „reine Volksverdummung“. Der SPD-Politker Karl Lauterbach monierte: „Nach den Tests werden wir genauso schlau sein wie vorher.“

Die Kritik richtet sich vor allem dagegen, wie die Note zustande kommt. Der MDK bewertet 64 Kriterien. Zum Beispiel: Dokumentieren die Pflegekräfte das individuelle Dekubitusrisiko der Bewohner? Gibt es ein Angebot zur Sterbebegleitung? Können die Pflegebedürftigen die Uhrzeit, zu der sie essen möchten, innerhalb bestimmer Zeitkorridore frei wählen? Die Prüfpunkte stammen aus vier Bereichen:

- Pflege und medizinische Versorgung
- Umgang mit Demenzkranken
- soziale Betreuung und Alltagsgestaltung
- Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene.

Aus den Ergebnissen dieser vier Blöcke errechnet der Prüfer eine Gesamtnote. Das bedeutet: Mängel in einem Bereich kann das Heim mit guten Resultaten in einem anderen ausgleichen. „Um im Bild der Schulnoten zu bleiben: Da wird eine Sechs in Mathematik durch eine Eins in Schönschrift zu einer Drei“, sagte Lauterbach. Die Ergebnisse von 18 Kriterien des fünften Bereichs – der Bewohnerbefragung – gehen nicht in die Endnote ein.

Der Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) weist die Einwände zurück. „Das ist Transparenz auf hohem Niveau, die zu einer besseren Pflegequalität in Deutschland führen wird“, versicherte Klaus-Dieter Voß, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes. Mit den Pflegenoten gebe es erstmals vergleichbare Ergebnisse aller Heime. Dabei stehe die bewohnerbezogene Pflegequalität im Mittelpunkt. Die Einzel-, die Bereichs- und die Gesamtnoten würden veröffentlicht. Auch der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzenverbandes, Dr. Peter Pick, verteidigte die neuen Tests: „Vor den MDK-Prüfungen kann sich niemand drücken, die Ergebnisse werden auf jeden Fall veröffentlicht, egal ob sie gut oder schlecht ausfallen.“

Damit die MDK-Kontrollen bald nach dem neuen Schema stattfinden können, hat der GKV-Spitzenverband bereits mit den Vertretern von Pflegeeinrichtungen eine „Transparenzvereinbarung“ geschlossen, darunter auch der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste. Nun müssen die Prüfungsrichtlinien an diese Vereinbarung angepasst werden. Dem muss nun noch das Bundesgesundheitsministerium zustimmen. Zuvor erfolgt eine Anhörung von Pflegeexperten. Auch in der Pflegewissenschaft gibt es allerdings kritische Stimmen. So erklärte Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer, Institut für Pflegewissenschaft, Universität Witten/Herdecke, die Ergebnisqualität komme in den Prüfkriterien immer noch zu kurz.

Läuft alles nach Plan, dann werden im Spätsommer die ersten Transparenzberichte im Internet zu lesen sein. Die Pflegeheime müssen die Prüfergebnisse außerdem an gut sichtbarer Stelle aufhängen. Alle 11 029 Heime sollen bis Ende 2010 einmal und dann jährlich geprüft werden. Ein analoges Verfahren wird es auch für die ambulanten Pflegedienste geben.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige