POLITIK

Kompetenznetze in der Medizin: Vernetzte Forschung ist das Modell der Zukunft

Dtsch Arztebl 2009; 106(27): A-1404 / B-1194 / C-1162

Zylka-Menhorn, Vera

Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens legten die „Kompetenznetze in der
Medizin“ und die „Telematikplattform – Verbund zur Förderung vernetzter Medizinischer Forschung (TMF) e.V.“ in Berlin eine positive Bestandsaufnahme vor.

Seit 1999 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) überregionale medizinische Netzwerke zu verschiedenen Krankheitsbildern; mittlerweile existieren 21 „Kompetenznetze in der Medizin“. Ihr Spektrum reicht von der Grundlagenforschung über die klinische und epidemiologische Forschung bis zur Einrichtung von Registern und Biomaterialbanken. Inzwischen sind alle 36 Universitätskliniken in Deutschland an mindestens einem Kompetenznetz beteiligt, aber auch zahlreiche Praxisnetzwerke sind entstanden.

„Die Kompetenznetze haben einen Kulturwandel der medizinischen Forschung in Deutschland angestoßen. Die Wissenschaftler haben gelernt, an einem Strang zu ziehen“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Thomas Rachel, anlässlich des zehnjährigen Jubiläums. In einer gemeinsamen Veranstaltung feierten die „Kompetenznetze in der Medizin“ und die „Telematikplattform – Verbund zur Förderung vernetzter Medizinischer Forschung (TMF) e.V.“ das Jubiläum mit einer Bestandsaufnahme.

„Vernetzte Forschung ist die Grundlage für den medizinischen Fortschritt, abgestimmt auf die Bedürfnisse der Patienten“, betonte Prof. Dr. med. Ulrich R. Fölsch, Sprecher für die Kompetenznetze in der Medizin und Vorsitzender der TMF. Traditionell auf Einzelleistung gepolt, lernten die Forscher in den Netzen die Vorteile der Gruppenarbeit kennen. „Durch Synergien werden Forschungsergebnisse schneller in die Praxis überführt sowie Zeit und Kosten gespart“, unterstrich Fölsch. Insgesamt seien 216 klinische Studien auf den Weg gebracht worden, 14 Kompetenznetze haben (Patienten-)Register eingerichtet und zehn sind in europäische Netzwerke integriert worden. Die wissenschaftlichen Erfolge zeigten sich unter anderem im Anstieg der Publikationen mit einem gesamten Impact-Faktor von 2 000. „Gemessen an der Zahl der Publikationen aus den Kompetenznetzen kann man davon ausgehen, dass jeder Beitrag einen Impact-Faktor von drei bis vier hat. Das ist ein sehr gutes Zeugnis über die Qualität der Publikationen", sagte Fölsch.

Internationales Benchmarking für Forschungsinfrastrukturen
Die TMF hat die Entwicklung der Kompetenznetze als Dachorganisation und Austauschplattform begleitet, indem sie Lösungen zu rechtlich-ethischen, technologischen und organisatorischen Fragestellungen zentral erarbeitet und bereitstellt. „So können Wissenschaftler heute über die TMF unter anderem Checklisten für Qualitätsmanagement und Patienteneinwilligungen, standardisierte Verfahrensanleitungen für klinische Studien, IT-Werkzeuge, Rechtsgutachten sowie Musterverträge nutzen“, betonte Sebastian C. Semler, wissenschaftlicher Geschäftsführer der TMF. Auf das Erreichte sei man stolz, doch die Entwicklung gehe weiter.

Prof. Dr. Otto Rienhoff, TMF-Beiratsvorsitzender, mahnte Förderer und Forscher, ihre Anstrengungen im Zusammenhang mit der Verbundforschung in den kommenden Jahren zu verstärken: „Die TMF soll sich in der methodischen Fortbildung der Primärforscher und in der Methodenentwicklung noch stärker engagieren und ein regelmäßiges internationales Benchmarking der Forschungsinfrastrukturen vornehmen.“ Den öffentlichen Förderern empfahl Rienhoff, die Methodenforschung finanziell zu unterstützen, IT-Infrastrukturen bevorzugt als Services zu fördern und mehr Gewicht als bisher auf die Nutzung von Ontologien („Klassifikationssystemen“) zu legen.

Nach Ansicht von Prof. Dr. med. Karl-Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, führe die Vernetzung (nur) dann zum Erfolg, wenn sie inhaltsgetrieben sei. Der „bottom up“-Ansatz sei auf jeden Fall dem „top down“-Ansatz vorzuziehen. Einhäupl sieht in der Ausgestaltung der Vernetzung allerdings auch kritische Punkte: „Die Gefahr besteht, dass man thematisch nur Mainstream-Forschung verfolgt.“ Zudem könne die Suche nach Mehrheiten unter den Forschern zu einem Verlust der inneren Hygiene führen: „Vom Netzwerk zur Seil- und Beutegemeinschaft ist es ein kurzer Weg“, mahnte Einhäupl. Und da viele Kompetenznetze ihren Fortbestand nach Ablaufen der staatlichen Förderung noch nicht geregelt hätten, fürchtet Einhäupl, dass die Kompetenznetze nur ein „Strohfeuer sind, das nach dem Versiegen der öffentlichen Mittel verlöscht“.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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