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Medizinische Fachangestellte im Krankenhaus: Ärzte und Pflegekräfte werden entlastet

Dtsch Arztebl 2009; 106(27): A-1431 / B-1219 / C-1187

Pless, Harald; Schafmeister, Sylvia

Delegation statt Substitution – die Arztsekretärinnen Nadine Streng (l.) und Kathrin Ölzner übernehmen administrative Tätigkeiten, die keine spezielle medizinische Ausbildung erfordern. Harald Pless (l.) und Dirk Günthel gewinnen Zeit für ihre Patienten. Foto: Harald Pless
Erfolgreiches Pilotprojekt am Klinikum Coburg

Freie Assistenzarztstellen zu besetzen, ist in vielen Kliniken nicht mehr möglich. Nicht nur deshalb stellt sich die Frage, ob Ärztinnen und Ärzte auf den Stationen qualifikationskonform eingesetzt werden. Zweifelsfrei kann man seit Einführung der diagnoseorientierten Fallpauschalen und der damit einhergehenden drastischen Verkürzung der Verweildauer von stationären Patienten eine Veränderung des Aufgabenprofils von Stationsärzten in Kliniken konstatieren.

Der Arbeitsalltag der Ärzte ist heute oft mangelhaft organisiert und überfrachtet mit Tätigkeiten, die von nicht ärztlichem Assistenzpersonal erledigt werden könnten. Die Pflege sieht – zu Recht – ihre Aufgaben in der Patientenversorgung und nicht im Service für den Arzt. Ärzte führen Tätigkeiten zuweilen doppelt aus, müssen unnötige Telefonate führen, werden häufig gestört. Nicht eingehaltene oder nicht existente Zeitvorgaben erschweren die Zusammenarbeit mit den anderen Berufsgruppen und verärgern die Patienten.

Es gilt, Auswege aus diesem Dilemma zu finden. Der ärztliche Arbeitstag ist daraufhin zu prüfen, inwieweit die Tätigkeiten zwingend nur mit ärztlicher Kompetenz zu erbringen sind. Diese Erkenntnis und die oberärztliche Erfahrung, dass die Stationsärzte häufiger am Computer als beim Patienten angetroffen wurden, führte zu zwei in einem Schwerpunktkrankenhaus durchgeführten Projekten: Im ersten Projekt wurden alle Aufgaben des stationsärztlichen Personals zweier internistischer Stationen mit kardiologischem Schwerpunkt aufgelistet, der Zeitbedarf abgeschätzt und die Art der Erledigung bewertet. Das zweite Projekt beschäftigte sich in der Folge mit der Einführung von Medizinischen Fachangestellten (früher: Arzthelferinnen) als neue Berufsgruppe auf der Station, mit dem Ziel, den ärztlichen Dienst zu entlasten.

Als nicht überraschendes Ergebnis des ersten Projekts bildete sich die enorme Arbeitsverdichtung der Stationsärzte, insbesondere im administrativen Bereich, ab. Ursache dieser Mehrbelastung war die Steigerung der Fallzahl bei verkürzter Liegedauer und gleichzeitig gestiegender Zahl der während des Aufenthalts durchgeführten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen. Allerdings bestätigte sich auch die zumindest partielle Ineffizienz des ärztlichen Personaleinsatzes: Unter anderem werden Befunde lange gesucht, Disketten hin- und hergetragen, Arztbriefe von Ärzten selbst geschrieben und viele Telefonate mit Funktionsabteilungen geführt, die rein logistischer Natur sind. Das Ergebnis des Projekts 1 erschütterte vor dem Hintergrund, dass in dem Krankenhaus bereits grundlegende Organisationsänderungen zur Entlastung des Ärztlichen Dienstes eingeführt worden waren (medizinische Codierassistenten, Stationssekretärinnen, zentrale Bettendisposition, Entlassmanagement durch Pflege und Sozialdienst).

Auch wenn ein Teil der aufgelisteten Probleme durch wenige Änderungen gelöst werden konnte, war es die wesentliche Erkenntnis des ersten Projekts, dass eine effektive Entlastung der Stationsärzte nur mit Unterstützung durch direkt zugeordnetes Assistenzpersonal möglich ist. Mit Blick auf gut organisierte Arztpraxen, die ebenfalls hohe Patientenzahlen zu meistern haben, fiel die erste Wahl auf die Medizinische Fachangestellte. In der Arztpraxis gehört es zu den Aufgaben der Fachangestellten, die ärztliche Arbeit vor- und nachzubereiten und auf das Notwendige zu beschränken. In keiner Praxis wird ärztlicherseits daran gedacht, Termine selbst zu vereinbaren, Befunde zu sortieren oder Patienten ins Behandlungszimmer zu holen.

Die Einführung der Medizinischen Fachangestellten als zusätzliche Berufsgruppe auf einer Krankenstation ist keineswegs trivial. Nachdem über Jahrzehnte die Arbeit des stationsärztlichen Dienstes wenig Beachtung seitens der Verwaltung gefunden hat, kommt der Neudefinition der Aufgaben und die Erbringung eines Teils derselben durch nicht ärztliches Personal einem Paradigmenwechsel gleich. In einem komplexen und traditionell gewachsenen Gefüge eines großen Krankenhauses sind hausinterne politische Überlegungen genauso zu beachten wie die zahlreichen Schnittstellen der Tätigkeiten.
Folgende Aufgaben wurden am Klinikum Coburg von den Arztsekretärinnen übernommen:
- Strukturierung des ärztlichen Arbeitstages
- Vor- und Nachbereitung der Visiten sowie aller Kontakte des Arztes mit Patienten und Angehörigen
- Begleitung der Visiten, Dokumentation des Behandlungsverlaufs und der ärztlichen Anordnungen
- Informationsaustausch mit der Pflege, den Funktionsabteilungen, sowie Patienten und Angehörigen
- Eingabe von Anforderungen mit den Vorbefunden und bei der Visite kommunizierten Fragestellungen in das Krankenhausinformationssystem
- Präsentation und Einordnung der Befunde
- Erledigung aller logistischen Aufgaben und Vereinbarungen
- Filterung der Telefonate insbesondere bei der Visite
- Vorbereitung der Aufklärungsgespräche sowie
- Blutentnahmen.

Vor der Einführung der Arztsekretärinnen auf der Station waren einige Hemmnisse zwischen den Berufsgruppen zu überwinden: mögliche Überschneidungen der Aufgaben von Arzt, Arztsekretärin, Pflegekraft, Stationsleitung und Stationssekretärin, der beengte Raum auf dem Stützpunkt durch weitere Mitarbeiter, die Vidierungskompetenz im EDV-System und vieles mehr.

Im Zuge der Projektumsetzung wurde der historisch entstandene Workflow überprüft und verbessert. Im Ergebnis wurde ein Teil der bisher im Stützpunkt durchgeführten Arbeiten der Pflege sinnvoll in weniger genutzte Nebenräume verlagert und baulich eine Trennung zwischen Arbeitsraum Pflege und Arbeitsraum Ärzte/Arztsekretärin vollzogen. Dadurch konnten die sich bisher oft überkreuzenden Wege der verschiedenen Berufsgruppen entflochten werden. Der Umbau der Stationszimmer brachte eine zusätzliche Ordnung: Statt eines engen Büros mit flankierenden schmalen Gängen gibt es nun zwei optisch und akustisch getrennte Arbeitsräume, die auch Platz für Computerarbeitsplätze für ärztliches, pflegerisches und zusätzliches Assistenzpersonal bieten.

Neben den baulichen und organisatorischen Änderungen war die begleitende Schulung der neuen Mitarbeiterinnen sowie der Stationsärzte und Pflegekräfte ein wichtiger Bestandteil für die erfolgreiche Umsetzung des Projektes.

Mittlerweile sind die Arztsekretärinnen im Stationsalltag kaum mehr wegzudenken und als „Wettbewerbsvorteil“ bei der Akquise neuer ärztlicher Mitarbeiter einzubringen. Auch in der Pflege wechselte die Stimmung von anfänglicher Ablehnung über Skepsis hin zu ausdrücklicher Befürwortung.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist die Delegation administrativer ärztlicher Tätigkeiten auf nachgeordnetes Assistenzpersonal effektiv und effizient. Gerade in Zeiten des Ärztemangels lässt sich die Leistungsfähigkeit einer Abteilung steigern, wenn nicht an die Person des Arztes gebundene Tätigkeiten sinnvoll delegiert werden. Für eine Arztstelle können die Personalkosten von zwei bis drei Medizinischen Fachangestellten refinanziert werden. Mit Unterstützung der Arztsekretärinnen entstehen professionelle, von Kontinuität getragene Arbeitsabläufe. Vor allem gewinnen die Ärzte wieder mehr Zeit für ihre Weiterbildung. Hierdurch erhöht sich die Arbeitszufriedenheit deutlich. Zusätzlich steigt die Patientenzufriedenheit, weil die Ärzte mehr Zeit mit Patienten- und Angehörigengesprächen verbringen können.
Dr. med. Harald Pless MBA
Dr. rer. oec. Sylvia Schafmeister
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