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BRIEFE

Ergänzung: Etwas undifferenziert

PP 8, Ausgabe September 2009, Seite 412

Raible, Roland

Bei diversen körperlichen Erkrankungen „. . . sollten bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Behandlung psychische Faktoren in Betracht gezogen werden.“ Denn „eine Psychotherapie begleitend zur somatische Behandlung verbessert die Prognose. . .“. Ich finde es recht erfreulich, dass das Deutsche Ärzteblatt PP unter Bezugnahme auf ein Symposium der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung in einem Editorial eine Lanze bricht für eine Körper und Seele gleichermaßen beachtende Perspektive. Und trotzdem habe ich etwas zu kritisieren.

Etwas undifferenziert wird eine Assoziation hergestellt zwischen der Beteiligung psychischer Faktoren bei körperlichen Erkrankungen und der Zuständigkeit von Psychotherapeut(inn)en für deren Beachtung. „Eine Psychotherapie begleitend zur somatischen Behandlung verbessert die Prognose. . .“ Eine Psychotherapie? Die Beachtung psychologischer Faktoren erfordert nicht zwangsläufig eine Psychotherapie. Genauso wenig wie die Beachtung seelischer Aspekte bei familiären Problemen, bei Mobbing oder bei Verschuldung eine Psychotherapie notwendig macht. Klinische Psychologie ist mehr als Psychotherapie. Nur weil unser Gesundheitssystem so strukturiert ist, dass Klinische Psycholog(inn)en ohne Approbation darin keine Abrechnungsmöglichkeit haben, besteht noch kein Grund, den sinnvollen Einsatz psychologischer Hilfen mit einer psychotherapeutischen Behandlungsbedürftigkeit gleichzusetzen. Dieser „Kurzschluss“ ist wohl eher einer eingeschränkten psychotherapeutischen Perspektive und Identität geschuldet als einer fachlichen Begründung. Und er fördert zwei Einschränkungen: die Gleichsetzung psychischer Beteiligung bei körperlichen Phänomenen mit psychischer Störung und den für „Patienten“ bestehenden Engpass beim Zugang zu psychologischer Unterstützung.

Das Plädoyer für die Öffnung zu einer ganzheitlichen Betrachtung körperlicher Erkrankungen gehört ergänzt um ein Plädoyer für die Öffnung der Strukturen unseres Gesundheitssystems – auch wenn alle Realpolitiker dabei die Hände über dem Kopf zusammenschlagen sollten.
Dipl.-Psych. Roland Raible, Assessor des Lehramts, Psychologischer Psychotherapeut, Praßberg-straße 48, 88239 Wangen
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