MEDIZINREPORT

Stammzelltransplantation: Sanfte Konditionierung

Dtsch Arztebl 2009; 106(38): A-1831 / B-1571 / C-1539

Siegmund-Schultze, Nicola

Antikörper können Zytostatika bei der Vorbereitung für eine Stammzelltransplantation offenbar weitgehend ersetzen – und sind für die Patienten schonender.

Die myeloablative Konditionierung zur Stammzelltransplantation mithilfe von Zytostatika ist mit einer erheblichen Toxizität und Mortalität der Patienten assoziiert und kommt deshalb für einen Teil gar nicht infrage. Jetzt hat ein Team aus britischen, französischen und deutschen Forschern ein Regime der nicht myeloablativen Konditionierung zur Stammzelltransplantation entwickelt und klinisch getestet, welches fast völlig ohne Zytostatika auskommt: Die Unterdrückung der Hämatopoese und des Immunsystems basiert vorwiegend auf einer Antikörpertherapie. Das Ziel eines Chimärismus, also einer stabilen Proliferation und Differenzierung von blutbildenden Zellen des Spenders und eine anhaltend gute Funktion des Immunsystems, werde bei 81 Prozent der Patienten erreicht, berichten Prof. Dr. med. Persis Amrolia vom Great Ormond Street Children’s Hospital in London (Lancet 2009; online doi: 10.1016/S0140-6736[09]60945–4).

Die 16 Kinder zwischen fünf Monaten und fünfeinhalb Jahren, die in die Phase-I/II-Studie eingeschlossen wurden, litten an meist akut lebensbedrohlichen primären Immundefekten, wie schwerer, kombinierter Immundefizienz (SCID), oder mittelfristig lebensbedrohlichen Immundefizienzen wie Dyskeratosis congenita. Das zum Teil sehr geringe Lebensalter oder vorbestehende Organschäden erhöhten das Risiko für eine überwiegend auf Zytostatika basierende Konditionierung zur Stammzelltransplantation. Stattdessen erhielten die Probanden zur Myelosuppression monoklonale Antikörper gegen CD45 und CD52. Das Antigen CD45 wird auf hämatopoetischen Zellen und allen Leukozyten exprimiert, nicht aber auf nicht hämatopoetischen Zellen. Die notwendige Unterdrückung einer Immunantwort gegen den Spender wurde durch einen Antikörper gegen CD52 (Alemtuzumab) induziert, der T-Lymphozyten zerstört, und durch niedrig dosiertes Cyclophosphamid und Fludarabin. Die Stammzellspender waren entweder HLA-kompatible Geschwister oder Fremdspender.

Kompletter Chimärismus nach Antikörpertherapie
Die antikörperbasierte Konditionierung war mit einer akzeptablen Rate an akuten oder chronischen Graft-versus-Host-Reaktionen (36 und 31 Prozent) assoziiert. Das erwünschte Therapieergebnis, ein vollständiger oder fast kompletter Chimärismus, wurde bei zwei Dritteln der Patienten erzielt. Bei drei Patienten betraf der Chimärismus nur die Vorläuferzellen der T-Lymphozyten. Einmal kam es zur Abstoßung. Nach durchschnittlich 40 Monaten Beobachtungszeit waren 13 von 16 Patienten am Leben und von ihrer Grunderkrankung geheilt.

„Dies ist ein klinisch sehr gutes Ergebnis“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Eyrich (Pädiater an der Universitätsklinik Würzburg) ein Koautor der Studie. Der Therapieansatz sei attraktiv vor allem zur Vorbereitung einer Stammzelltransplantation bei erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Zytostatika, zum Beispiel bei Säuglingen, aber auch bei Immundefizienzen mit erhöhter Chromosomenbrüchigkeit wie der Fanconi-Anämie. Auch für Malignompatienten sei die Immuntherapie als Option künftig denkbar, vor allem nach intensiver Vorbehandlung und Versagen einer ersten Stammzelltransplantation.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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