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SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Depression

Dtsch Arztebl 2009; 106(40): [88] / [88] / [88]

Böhmeke, Thomas

Die Spätsommersonne wirft warme Wonnen über die liebliche Landschaft, lässt den Himmel in kräftigem Blau erstrahlen wie eine Girlande fein säuberlich aufgehängter OP-Wäsche. Dazwischen – mundschutzgleich – zart getupfte Federwölkchen. Ich habe drei Tage frei, träumerisch pulsieren meine Gedanken zwischen all den Möglichkeiten, die sich vor diesem wunderbaren Wochenende auftun. Womit kann ich Geist und Körper delektieren, wie kann ich den Stress der Sprechstunde von meiner abgeriebenen Seele tupfen? Soll ich mich den musikalischen Raffinessen eines Kammerorchesters hingeben, feinen Kontrapunkten lauschen, meine Ohren in Kadenzen wälzen? Oder doch lieber einer Lesung beiwohnen, vor den ziselierten Satzbauten wortgewaltiger Schriftsteller knien? Oder im Profanen schwelgen, Freunde einladen, um über glühender Kohle saftige Steaks zu rösten, deftige Aromen, gewürzt mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, zu goutieren? Alles erscheint möglich, unendlich reizvoll, fernab des Mühsals der Minutenmedizin.

Aber da grätscht eine schwarze Wolke durch die Verlockungen der Freizeit. Eine fatale Missstimmung macht sich breit, lässt die Lesung einsilbig werden, das Konzert monoton, das Steak verderben. Ich fühle, wie es von mir Besitz ergreift gleich einer Sepsis. Es ist diese schwere Depression, die ich schon kenne, die mich in Jahresabständen erfasst und wie ein Unwetter alle Pläne durchkreuzt, mich in eine tiefe Krise stürzt. Wie ein Novemberregen Trübsal verbreitet, mich stänkern lässt, griesgrämig die gesamte Familie in die Flucht treibend.

Ich brauche dringend Hilfe, hoch professionelle Hilfe, bevor das Wochenende, die Familie, das Konzert, die Lesung ins prognostisch Bedenkliche abgleitet. Hilfe, die mir in dieser Zeit finstersten Übels wohlwollend beisteht. In höchster Verzweiflung rufe ich die Hotline meiner Krankenkasse an und schildere die Symptome meiner annualen psychischen Nöte. Der freundliche Mitarbeiter hört mir bedächtig zu und meint schließlich: „Lassen Sie mich raten. Sie müssen Ihre Einkommensteuer vorbereiten und brauchen eine Bescheinigung über geleistete Zahlungen, stimmt’s?“ – Ach, es ist so wunderschön, wenn es Menschen gibt, die einen verstehen.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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