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Umfrage zum Nationalsozialismus: Mangelnde Grundkenntnisse

Dtsch Arztebl 2009; 106(40): A-1979 / B-1699 / C-1663

Kühl, Richard; Ohnhäuser, Tim; Westermann, Stefanie

Fotos: Archiv Deutsches Ärzteblatt, picture-alliance KPA
Was wissen und denken Studierende über die Medizin im Nationalsozialismus? Dieser und weiteren Fragen ging eine Erhebung an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen nach.

Was wissen und denken heutige Medizinstudierende über die Medizin im Nationalsozialismus? Inwieweit schreiben sie dem Thema Relevanz für die medizinische Ausbildung und das gegenwärtige ärztliche Handeln zu? Diesen Fragen widmete sich eine Erhebung unter 216 Medizinstudierenden im zehnten Semester des Modellstudiengangs Humanmedizin der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Den angehenden Ärzten wurde im April 2009 ein zehn Punkte umfassender Bogen ausgehändigt, der sowohl vorhandenes Wissen als auch Einstellungen thematisierte.

Die Untersuchung bestätigt in einigen Punkten die Ergebnisse einer 2001 – ebenfalls unter Medizinstudierenden – an der Berliner Charité durchgeführten Umfrage (dazu DÄ, Heft 13/2002): Zu den Verstrickungen der Medizin in das Regime und die „Gesundheitspolitik“ der Nationalsozialisten sind nur rudimentäre Kenntnisse vorhanden. Ziel der Aachener Erhebung war es, eine Bestandsaufnahme acht Jahre später vorzunehmen, zudem wurde der Fragenkatalog auf den eigent-lichen Verbrechenskomplex begrenzt.*

Bereits die erste Frage nach der Dimension des Organisationsgrads der Ärzteschaft in der NSDAP beantworteten mehr als 85 Prozent der Befragten nicht richtig. Dass keine andere akademische Berufsgruppe so stark in der NSDAP vertreten war – etwa 45 Prozent der Ärzte gehörten der Partei an –, war lediglich 13,7 Prozent der Befragten bekannt. Mehr als die Hälfte der Studierenden entschieden sich für die Antwortoption „Ich weiß es nicht“.

Weiterhin konnten weniger als 19 Prozent die Zahl der im „Dritten Reich“ Zwangssterilisierten mit 300 000 bis 400 000 richtig zuordnen. Demgegenüber war bei einer Frage nach der Charakterisierung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ mit rund 70 Prozent richtiger Antworten der „Wissensanteil“ so hoch wie bei keiner anderen Frage. Knapp 30 Prozent besitzen allerdings keine genaue beziehungsweise eine falsche Vorstellung vom Wesen und dem Ablauf der Ermordung von Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus. Ein vergleichbares Bild zeigte sich bei der Frage nach Josef Mengele. Der Name desjenigen Arztes, der wie kein zweiter und gleichsam synonym für die NS-Medizinverbrechen steht, sagt rund einem Drittel der angehenden Ärzte nichts.

Obwohl das Wissen zum Thema offensichtlich sehr begrenzt ist, gaben 39 Prozent der Befragten an, Medizin im Nationalsozialismus sei im Studium angemessen vertreten, sechs Prozent meinten, es nehme zu viel Raum ein. Knapp ein Drittel sah das Thema als zu wenig in den Lehrplänen berücksichtigt an, und etwa 18 Prozent wählten die Option „Dazu möchte ich mich nicht äußern“. Die letztgenannte Antwortoption lässt verschiedene Interpretationen zu: Sie kann zum einen auf ein generell mangelndes Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Fachs im Dritten Reich hinweisen, wäre aber auch als Ausdruck von Unsicherheit und einer daraus resultierenden Zurückhaltung zu deuten. Die mutmaßliche Unsicherheit der Studierenden bei dem Thema Nationalsozialismus und Medizin könnte auch als ein Erklärungsansatz für das folgende Ergebnis her-angezogen werden: 27,7 Prozent wollten sich bei der Frage nach einer „Wiedergutmachung“ für die im Nationalsozialismus Zwangssterilisierten nicht äußern. Allerdings zeigt sich dabei auch eine fehlende Selbstverständlichkeit, die eugenischen Zwangsmaßnahmen als ein Verbrechen anzusehen. So gaben knapp zehn Prozent (!) an, sie würden Wiedergutmachungsleistungen für die Opfer der NS-Zwangssterilisierungen nicht befürworten. Zwischen der Ablehnung dieser Entschädigungen und einer dem Thema Medizin im Nationalsozialismus generell abgesprochenen Relevanz fiel eine gewisse Korrelation auf. Denn überproportional viele der Entschädigungsgegner – 19 Prozent gegenüber fünf Prozent aller Befragten – verneinten auch die Aussage, dass das Thema Medizin und Nationalsozialismus für heutige Ärzte noch von Bedeutung sei.

Ingesamt aber bleibt eine deutliche Mehrheit, die eine solche Bedeutung durchaus als gegeben ansieht: 30 Prozent stimmten dieser Aussage „voll“ und 42 Prozent „eher“ zu. Wie dieser Relevanz allerdings vor dem Hintergrund des belegten mangelnden Grundwissens Rechnung getragen werden soll, bleibt fraglich. Davon abgesehen lehnt mit 22 Prozent fast jeder Vierte eine Bedeutung für die ärztliche Tätigkeit weitgehend ab.

Die Studie schloss mit einer Frage, die ohne vorgegebene Antwortoptionen bearbeitet werden konnte. Gefragt nach den aktuellen Konsequenzen aus den Erfahrungen mit der Medizin im „Dritten Reich“, bestätigten die Teilnehmer einen Eindruck, den auch Dozenten in Seminaren zum Thema häufig von einem Teil der studentischen Einstellungen gewinnen: Mit der Verbindung Nationalsozialismus und Medizin werden demnach besonders die menschenverachtenden Experimente in den Konzentrationslagern assoziiert. Zugleich aber hätten genau diese zu eminent wichtigen Ergebnissen für die medizinische Wissenschaft geführt. Obgleich über die Versuche in den Konzentrationslagern ein nur äußerst vages Wissen bei den Studierenden vorhanden ist, wird wiederholt betont, dass es notwendig sei, diese Erkenntnisse heute verwenden zu dürfen. Variationen von Sätzen wie „Die in der NS-Zeit gewonnenen Forschungsergebnisse sollten mit Bedacht verwertet, aber auch nicht verworfen werden“, findet man immer wieder. Es wäre lohnend, in künftigen Studien den Einzelheiten, Hintergründen und Implikationen des Mythos einer zwar menschenverachtenden, aber wissenschaftlich bahnbrechenden Forschungspraxis im Nationalsozialismus nachzugehen und Konsequenzen für die Lehre zu ziehen. Richard Kühl, Tim Ohnhäuser, Stefanie Westermann, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Wendlingweg 2, 52074 Aachen
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