THEMEN DER ZEIT

Studie: Kindern gleichgeschlechtlicher Eltern geht es gut

Dtsch Arztebl 2009; 106(41): A-2004 / B-1719 / C-1683

Schmitt-Sausen, Nora

Oft wird über das Wohlergehen von Kindern schwuler und lesbischer Eltern mehr spekuliert als gewusst. Nun zeigt eine repräsentative Studie, dass sie sich genauso gut entwickeln wie Kinder heterosexueller Paare. Das lässt die Politik aufhorchen.

Kinder gleichgeschlechtlicher Eltern sind häufig psychisch instabil. Sie sind verhaltens- und entwicklungsauffällig und haben Probleme mit ihrer Sexualität. Annahmen und Ängste wie diese sind in der Gesellschaft weitverbreitet. Eine repräsentative Studie unter Leitung des bayerischen Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg räumt mit diesen Vorurteilen auf – und lässt Forschungsergebnisse für sich sprechen: Mehr als 7 000 Kinder in Deutschland wachsen Schätzungen zufolge bei gleichgeschlechtlichen Eltern auf, 2 200 davon leben bei eingetragenen Lebenspartnerschaften, die seit 2001 möglich sind. Die Situation von 1 059 schwulen und lesbischen Eltern mit 852 Kindern haben die Wissenschaftlerinnen in mehr als zweijähriger Arbeit hinterfragt.

Kein Grund zur Sorge: Kinder gleichgeschlecht- licher Eltern entwickeln sich genauso wie Kinder heterosexueller Paare – wenn nicht sogar besser. Foto: VISUM
Bei der Befragung ging es um das erzieherische Engagement, die Aufgabenverteilung im Alltag, die Außendarstellung der Gemeinschaft und Diskriminierungserfahrungen. Das Fazit der Erhebung: Sogenannte Regenbogeneltern sind genauso gute Eltern wie heterosexuelle Paare. Das Kindeswohl ist bei ihnen ebenso gewahrt wie in anderen Familien. Im Detail: Die Kinder entwickeln sich positiv, der schulische und berufliche Werdegang ist normal, und es gibt keine erhöhte Neigung zu emotionalen Unsicherheiten. Wenn es Unterschiede in der Entwicklung von Kindern in Regenbogenfamilien zu beobachten gebe, „dann eher in positiver Weise“, heißt es in der Studie.

Besonders aufschlussreich ist die Untersuchung auch deshalb, weil neben Eltern und Pädagogen die Heranwachsenden selbst befragt wurden. 95 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren gaben für die Kinderstudie Wissenschaftlern des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik in München Auskunft darüber, wie sie bei ihren gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Mit klarem Ergebnis: Die Wissenschaftler stellten fest, dass Heranwachsende in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften über ein höheres Selbstwertgefühl verfügen als Kinder, die in anderen Familienformen aufwachsen. Die sogenannten Regenbogenkinder beschreiben sich zudem selbst als offen und tolerant.

Dies sei ein Resultat einer intensiven Eltern-Kind-Beziehung, vermutet Dr. rer. pol. Marina Rupp, stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung: „Die Eltern sind sich ihrer speziellen Situation sehr bewusst und auch der Anforderungen, denen sie ihre Kinder aussetzen. Sie denken sehr viel darüber nach, wie sie ihre Kinder vorbereiten und unterstützen können, und erklären ihnen, dass es verschiedene Lebensformen gibt. Das fördert das Selbstwertgefühl und die Toleranz.“

Die Untersuchung hat zudem gezeigt, dass Kinder aus Regenbogenfamilien über mehr Autonomie in der Beziehung zu den Eltern verfügen und die Partner des leiblichen Elternteils häufiger über ihre Ak-tivitäten informieren als Gleichaltrige in anderen Familienformen. Auch dies erklärt sich Rupp mit der besonderen Energie, die gleichgeschlechtliche Elternpaare in die Beziehung zum Kind stecken: „Die Eltern in Regenbogenfamilien sind sehr um das Kindeswohl bemüht, ihr Hintergrund und eigene Erfahrungen schärfen ihr Bewusstsein. Sie bringen viel Energie auf, um gut über ihre Kinder informiert zu sein, und versuchen sehr genau hinzuschauen, was mit ihnen passiert.“ Manche Eltern prüften etwa sehr genau, in welche Betreuungseinrichtung sie ihr Kind schickten.

Auch bei der Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben zeigen sich nach Auswertung der Kinderstudie eindeutige Ergebnisse: Beim Umgang mit Freundschaften und intimen Beziehungen, der Loslösung von den Eltern, der Einschätzung der eigenen Person, dem Umgang mit körperlichen Veränderungen, der Planung von Ausbildung und Beruf sowie Zukunftszielen unterschieden sich Kinder aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften nicht von Gleichaltrigen, die in anderen Lebensformen aufwachsen. Das Gleiche gilt mit Blick auf ihre psychische Entwicklung: Depressionen, Neigung zu Aggressivität oder somatische Beschwerden treten der Erhebung nach nicht häufiger auf als bei Kindern in anderen Lebensformen.

Offener Umgang mit Diskriminierungserfahrungen
Nicht zu beschönigen ist allerdings, dass Regenbogenkinder aufgrund der Lebenssituation, in der sie aufwachsen, benachteiligt werden: Fast jedes zweite Kind berichtet von Diskriminierungserfahrungen, vor allem durch Gleichaltrige. Die Erfahrungen reichen von Beschimpfungen und dem Gefühl, ausgeschlossen zu werden, bis zur Androhung von Schlägen. Auch von Erpressungen und Sachbeschädigungen berichteten die befragten Kinder, allerdings nur sehr vereinzelt.

Doch auch dem haben die Wissenschaftler etwas entgegenzusetzen. „Kinder werden wegen allem möglichen gehänselt, etwa weil sie eine Brille haben oder zu dick sind“, relativiert Rupp. Es komme einmal mehr darauf an, wie Kinder und Eltern mit den Erfahrungen umgingen. Und auch hier spielt ein offenes Verhältnis eine große Rolle: 69 Prozent der diskriminierten Kinder aus Regenbogenfamilien geben an, mit ihren Eltern über diese Erfahrungen zu sprechen. Diese Offenheit wirke möglichen negativen Einflüssen entgegen. Auswirkungen auf die nachhaltige Entwicklung des Kindes hätten Diskriminierungserfahrungen allerdings dann, wenn sie massiv seien, erläutert Rupp.

Ausländische Studien stützen Bamberger Ergebnisse
Generell gilt: Viel gewichtiger als das Risiko, negativ davon beeinflusst zu sein, mit zwei Vätern oder Müttern aufzuwachsen, sind der Studie zufolge Faktoren wie familiäre Instabilität – etwa durch wechselnde Partnerschaften der Eltern oder häufige Umzüge. Auch Konflikte zwischen den getrennt lebenden leiblichen Eltern und häufiger Streit in den aktuellen Partnerschaften strahlen negativ auf das Kindeswohl ab. Diese Umstände wirken sich auf alle Kinder gleich aus – egal in welcher Lebensform sie aufwachsen. „Die stärksten Reaktionen gibt es auf die Trennung der leiblichen Eltern. Das ist für die meisten Kinder ein schwieriges Erlebnis, das sie verarbeiten müssen“, erklärt Rupp.

Das Coming-out eines Elternteils werde von Eltern in Regenbogenfamilien dagegen als „weniger belastend“ geschildert. Aussagen der Kinder liegen dazu nicht vor, da in der Studie nur Fragen gestellt wurden, die mit der Lebenssituation von Kindern aus anderen Familienformen vergleichbar waren.

Die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), Auftraggeberin der Untersuchung, wollte auf Grundlage der Ergebnisse das volle Adoptionsrecht für homosexuelle Paare durchsetzen. Bislang ist die Adoption eines Kindes Lesben und Schwulen nur als Einzelperson erlaubt, dem Partner kann lediglich ein sogenanntes kleines Sorgerecht eingeräumt werden. „Dort, wo Kinder geliebt werden, wachsen sie auch gut auf. Entscheidend ist eine gute Beziehung zwischen Kind und Eltern und nicht deren sexuelle Orientierung“, sagte Zypries bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Zypries löste mit ihrem Vorstoß eine heftige politische Debatte aus: FDP und Grüne unterstützen die Gleichstellung der homosexuellen Paare, auf großen Widerstand stößt die Forderung der Ministerin dagegen bei CDU/CSU.

Für den Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, der anlässlich der Bundestagswahl alle im Bundestag vertretenen Parteien aufgefordert hatte, zur rechtlichen Stellung von homosexuellen Paaren Position zu beziehen, sind die Ergebnisse der Bamberger Studie keine Überraschung. „Wissenschaftliche Studien aus dem angloamerikanischen Raum zur Lebenswirklichkeit von Regenbogenfamilien attestierten lesbischen Müttern und schwulen Vätern seit Langem eine adäquate Erziehungsfähigkeit und ihren Kindern eine gelungene emotionale, soziale oder psychosexuelle Entwicklung“, kommentierte Sprecherin Uta Kehr.
Nora Schmitt-Sausen

Hintergrund der Studie
93 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen lebten bei Frauen, sieben Prozent bei Männern. 78 Prozent von ihnen stammen aus früheren heterosexuellen Partnerschaften und haben sowohl die Trennung der leiblichen Eltern als auch das Coming-out eines Elternteils miterlebt. Für die Studie wurden Vergleichsdaten von anderen Kindergruppen herangezogen. Es wurden Angaben von Kindern aus Kernfamilien, Stiefvaterfamilien und Mutterfamilien mit denen der Regenbogenkinder verglichen.
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