KULTUR

Medizingeschichte: Spannungsfeld von Kontinuität und Bruch

Dtsch Arztebl 2009; 106(41): A-2022 / B-1734 / C-1698

Kuhn, Joseph

Florian Bruns: Medizinethik im Nationalsozialismus. Entwicklungen und Protagonisten in Berlin (1939–1945). Geschichte und Philosophie der Medizin, Band 7. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2009, 225 Seiten, gebunden, 46 Euro
Die Abwägung des Gemeinwohls gegenüber individuellen Rechten rückt auf der gesundheitspolitischen Agenda nach vorn. Bruns zeigt, dass man dazu einiges aus der Geschichte lernen kann.

Der Nationalsozialismus wird häufig als absoluter Traditionsbruch interpretiert, als Hiatus der kulturellen Entwicklungslinien abendländischen Denkens. Damit soll die Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen gegenüber verharmlosenden Relativierungen sichergestellt werden. Diese moralische Grenzziehung führt aber leicht dazu, Kontinuitäten des Denkens vor und nach 1933 auszublenden und die Wurzeln nationalsozialistischer Ideologeme zu verdecken. Das gilt auch für das ärztliche Denken und Handeln. 1933 markiert einen Bruch, aber einen Bruch mit Vorgeschichte. Bereits 1905 hatte Alfred Ploetz die Gesellschaft für Rassenhygiene gegründet, bereits im Ersten Weltkrieg ließ man Tausende Behinderte in Pflegeheimen verhungern, und schon 1920 haben Karl Binding und Alfred Hoche, beide keine Nationalsozialisten, für die „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ plädiert.

Florian Bruns hat nun ein Buch vorgelegt, das unerwarteten Kontinuitäten nachgeht. Er stellt die gängige These infrage, der Nationalsozialismus hätte jede ärztliche Ethik suspendiert, die nationalsozialistischen Verbrechen seien durch eine Abwesenheit ethischer Normen gekennzeichnet. Bruns zeichnet die Herausbildung einer spezifisch nationalsozialistischen Medizinethik nach und untersucht vor diesem Hintergrund das Spannungsfeld von Kontinuität und Bruch medizinethischer Traditionen. Sein Material sind drei Biografien: Bernward Josef Gottlieb, Rudolf Ramm und Joachim Mrugowsky. Alle drei waren Wissenschaftler im Dienste der SS, alle drei hatten Schlüsselfunktionen in der nationalsozialistischen Umformung der Medizinethik inne. Bruns beleuchtet die hochschulpolitische Rolle Gottliebs (insbesondere die von ihm verfolgte Instrumentalisierung des Fachs Medizingeschichte für die Legitimation einer völkischen Medizinethik), die Bedeutung Ramms für die Entwicklung der ärztlichen Rechts- und Standeskunde (die 1939 obligatorischer Teil des Medizinstudiums wurde) und Mrugowskys Beteiligung an den Menschenversuchen in den Konzentrationslagern. Kontinuität und Bruch medizinethischer Tradition sind bei Mrugowsky in exemplarischer Weise in einer Person verkörpert. In seinem 1939 erschienenen Buch „Das ärztliche Ethos“, einer Hufeland-Edition, befürwortet er das traditionelle ärztliche Tötungsverbot, explizit auch das Verbot, über den Wert des Lebens zu entscheiden, und zugleich war Mrugowsky an nahezu allen nationalsozialistischen Medizinverbrechen in den Konzentrationslagern beteiligt. Mrugowsky habe die Rechtfertigung dafür, so Bruns, in der kollektivethischen Höherbewertung des gesunden Volkskörpers gegenüber dem Individuum gesehen.

Die These des Autors, nicht Abwesenheit von Ethik, sondern völkische Umformung der Ethik sei das Spezifikum nationalsozialistischen „Arzttums“, wird anhand der drei Biografien materialreich belegt. Hilfreich wäre allerdings gewesen, wenn Bruns das Verhältnis zwischen der empirischen Veränderung ethischer Normen im Lauf der Geschichte und dem unaufhebbaren Anspruch auf zeitlose Geltung jeder Ethik systematischer und unter Heranziehung der philosophischen Fachliteratur behandelt hätte; das Gleiche gilt für das Verhältnis zwischen Kollektivethik und Individualethik. Dies hätte ihm und dem Leser ein ethiktheoretisches Koordinatensystem jenseits der medizinhistorischen Fakten geliefert.

Der Autor greift mit dem Buch Fragen auf, die durch Public Health und die Gesundheitsökonomie hochaktuell und neu gestellt wurden: Das Bundesgesundheitsblatt verwendete 2008 und 2009 jeweils ein ganzes Heft auf das Thema Public-Health-Ethik, und die Forderung nach einer Rationierung von medizinischen Leistungen aus ökonomischen Gründen hört man derzeit allerorten.

Die Abwägung vorgeblichen oder wirklichen Gemeinwohls gegenüber individuellen Rechten rückt auf der gesundheitspolitischen Agenda wieder nach vorne. Bruns zeigt, dass man dazu einiges aus der Geschichte lernen kann. Er arbeitet seine Ausgangsthese schlüssig auf und lässt sowohl die Argumentationsweise als auch die Problematik nationalsozialistischer Medizinethik verständlich werden. Das Buch zeichnet sich durch einen klaren, übersichtlichen und didaktisch gelungenen Aufbau aus. Der Autor pflegt zudem einen angenehm unkomplizierten Schreibstil, sodass das Buch auch für eine breitere Leserschaft geeignet ist – ein aufschlussreiches und lesenswertes Buch.
Joseph Kuhn
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