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1. Weltgesundheitsgipfel: Hoffnungsvolle Premiere

Dtsch Arztebl 2009; 106(42): A-2033 / B-1745 / C-1709

Zylka-Menhorn, Vera

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport
Wissenschaft und Medizin schreiten in bisher ungekannter Weise voran. Biotechnologie, Gentechnik, Stammzellforschung und bildgebende Verfahren versprechen ein ungeahntes Potenzial an neuen Heilungs- und Präventionsformen. Doch während das System der Wissenschaft prosperiert, stellt sich immer dringlicher die Frage nach seiner Lenk- und Verantwortbarkeit. So muss dem Nutzen, den Risiken und der Finanzierbarkeit des medizinischen Fortschritts als Vorteil für das Individuum die Abschätzung der globalen gesellschaftlichen Konsequenzen gegenübergestellt werden: und das in einer Welt, die geprägt ist von sozialem Ungleichgewicht, Armut, Klimawandel und Finanzkrise. Diese „Herkulesaufgabe“ kann weder mit alten Strukturen und Denkweisen noch im nationalen Alleingang bewältigt werden. Supranationale Lösungsansätze und Verpflichtungen sind zwingend erforderlich.

Bereits anlässlich des G-8-Gipfels 2007 in Heiligendamm hatte die Bundesregierung versucht, den Themenkomplex globale Gesundheit prioritär zu verankern, allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Daraus ist – in Anlehnung an das Weltwirtschaftsforum in Davos – die Idee für einen gesonderten Weltgesundheitsgipfel entstanden. Mit Unterstützung der Bundesregierung und der französischen Regierung haben die Berliner Charité und die Université Paris Descartes dann begonnen, die „M-8-Allianz“ aufzubauen: eine Gruppe von acht führenden medizinisch-wissenschaftlichen Zentren aus Deutschland, Frankreich, den USA, Großbritannien, Russland, Japan, Australien und China in Kooperation mit 65 nationalen Akademien.

Die zentrale Aktivität der M8 wird ein jährlich stattfindender „World Health Summit“ sein, der vom 14. bis 18. Oktober seine Premiere in Berlin hat. 30 Gesundheits- und Forschungsminister aus vier Kontinenten, Nobelpreisträger, Vertreter der Weltgesundheitsorganisation, von Forschungsorganisationen und der Industrie haben ihre Teilnahme zugesagt.

Doch bereits im Vorfeld gibt es Protest. Dieser Gipfel sei nicht geeignet, weltweite Gesundheitsprobleme anzugehen, sondern drohe eher „zu den Problemen beizutragen, die er vermeintlich zu lösen gedenkt“, heißt es in einer Erklärung von 20 Organisationen, die eine Protestaktion und eine Alternativkonferenz geplant haben. Nicht gesunde Lebensbedingungen und gute Gesundheitsversorgung für alle, sondern „kurative Individualmedizin und der Einsatz von Hochtechnologie“ stünden im Mittelpunkt des World Health Summit.

Gipfelpräsident Prof. Dr. med. Detlev Ganten kann diese Vorwürfe nicht nachvollziehen. Mit der Veranstaltung wolle man gerade zeigen, dass moderne Hochleistungsmedizin und Nachdenken über die gerechte Verteilung von Gesundheitsgütern zusammengebracht werden müssten. „Wir werden mit dem Gipfel nicht die Welt verändern“, erklärte Ganten dem Deutschen Ärzteblatt, „aber wir wollen ein Zeichen setzen, dass die Ärzteschaft bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.“ Für ihn folgt die Veranstaltung in idealer Weise dem virchowschen Diktum „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen“.

Diesem Credo müssten doch auch die Gipfelkritiker folgen können, meint Ganten und setzt auf Gemeinsamkeiten. Er kündigte an, den Alternativkongress zu besuchen, ein Vertreter der Kritiker soll am Wochenende beim Gipfel zu Wort kommen.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Ressortleiterin Medizinreport
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