POLITIK

Menschenbilder in der Medizinethik: Prägend für das ärztliche Handeln

Dtsch Arztebl 2009; 106(42): A-2048 / B-1756 / C-1720

Klinkhammer, Gisela

Sind Menschen mit Behinderung krank oder werden sie erst durch die Gesellschaft dazu gemacht? Dieser Frage ging die Akademie für Ethik in der Medizin nach. Foto: vario images
Menschen mit Behinderung, Patienten in der Psychiatrie und auf der Intensivstation – über den Einfluss unterschiedlicher Menschenbilder

Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch ein Nebeneinander unterschiedlicher Vorstellungen von Menschen aus, und dies wirkt sich auch auf die Medizin und die Medizinethik aus. Doch ist es überhaupt hilfreich, auf Menschenbilder Bezug zu nehmen? Hat die Medizin den kranken Menschen oder vorrangig die Krankheit im Blick? Sind Menschen mit Behinderung krank, oder werden sie erst durch die Gesellschaft dazu gemacht? Die Akademie für Ethik in der Medizin versuchte auf ihrer Jahrestagung zum Thema „Menschenbilder in der (Medizin-)Ethik“ Ende September in Berlin Antworten auf diese Fragen zu finden.

Brigitte Huber vom Bundesverband evangelische Behindertenhilfe, München, vertrat die Auffassung, dass die Evolutionstheorie Darwins einen entscheidenden Anteil an der zunehmenden Relativierung des jüdisch-christlichen Menschenbildes gehabt habe. „Als Gesetz der Evolution wirkt die Selektion. Im Kampf ums Dasein setzen sich nur die widerstandsfähigsten Lebewesen durch.“ In den 1930er-Jahren sei Darwins Selektionstheorie auch auf die menschliche Gesellschaft angewendet und im Nationalsozialismus zur Weltanschauung erhoben worden. Die Verherrlichung der „deutschblütigen Rasse“ habe zu Zwangssterilisationen und „Euthanasie“ an „lebensunwertem Leben“ und zum millionenfachen Genozid an als minderwertig empfundenen Juden und „Nichtariern“ geführt.

Im naturwissenschaftlich-technischen Menschenbild gilt Huber zufolge der Mensch als rationales und naturbeherrschendes Wesen. Auf diesem Boden wächst ihrer Ansicht nach die utopische Vorstellung von einem Leben ohne Krankheit und Behinderung. Außerdem versteht „die technisch hoch aufgerüstete Industriegesellschaft den Menschen als Leistungswesen“. Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit stünden im Vordergrund. Das Menschenbild des Liberalismus schließlich sehe den Menschen als individuelles Freiheitswesen – unabhängig, autonom und mit angeborenen Rechten.

Huber verdeutlichte mit diesen Menschenbildern, warum behinderte Menschen immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrückt wurden: „Angesichts der einseitigen Betonung solcher Menschenbilder erscheinen Menschen, die diese Erwartungen nicht erfüllen, als defizitär.“ Das erbarmungslose Konkurrenz- und Leistungsprinzip widerspreche der Forderung nach Gleichbehandlung aller Menschen. Da Menschen mit Behinderung nicht den „Normvorstellungen“ der Leistungsgesellschaft entsprächen, sei ihr Selbstbild häufig von Minderwertigkeitsgefühlen geprägt. Von Kindheit an hätten sie ein negatives Selbstbild verinnerlicht, das sie als isolierte, diskriminierte Außenseiter zeichne. Das wird nach Ansicht Hubers durch die Fortschritte der Fortpflanzungsmedizin noch verstärkt. Sie kritisierte deshalb die pränatale Diagnostik: „Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht die Selektion bereits beim künstlich befruchteten Embryo vor der Implantation in den Mutterleib“.

Behinderung als Variante des Menschseins
Erst durch die in diesem Jahr in Deutschland in Kraft getretene UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung werde ein Paradigmenwandel möglich, Behinderung nicht als Leid oder Krankheit zu sehen (wiewohl dies auch der Fall sein kann), sondern als eine Variante des Menschseins zu akzeptieren. „Als behinderte Menschen im Sinne der Konvention gelten alle, die aufgrund von Wechselwirkungen zwischen individuellen Schädigungen und ,verschiedenen Barrieren‘ an der vollen gesellschaftlichen Teilhabe gehindert werden, erläuterte Dr. rer. nat. Sigrid Graumann vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft, Berlin, die neue Definition. „Menschen mit Behinderung vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zu holen, sie als gleichberechtigte Mitbürger und Mitbürgerinnen anzunehmen – das ist die neue Vorgabe“, forderte Huber. Auch Dr. Ursula Naue, Universität Wien, Österreich, sprach sich dafür aus, dass das „Right to be different“, das in der UN-Konvention festgeschrieben sei, soziopolitische Praxis werden müsse. Wichtig sei der „Blick auf Anderssein und Differenz in einem positiven Sinne“.

Ein Paradigmenwechsel ist nach Auffassung von Dr. Daniela Mergenthaler, Klinik am Schlossgarten Dülmen, auch im Bereich der Psychiatrie festzustellen. Keine andere Disziplin erscheine vordergründig von anthropologischen Theorien und Einschätzungen so durchdrungen wie die Psychiatrie und die Psychosomatik. Andererseits bestehe im klinischen Alltag allzu häufig die Tendenz, anthropologische Fragestellungen auszuklammern oder zu ignorieren. „Auch in einschlägigen Lehrbüchern bleiben Gedanken zum Thema Menschenbild ein Desiderat“, stellte Mergenthaler fest. Doch Krankheiten wie zum Beispiel akute oder chronische wahnhafte Störungen könnten nur im Spannungsfeld von Mensch und Umwelt als solche erkannt werden.

Ganzheitliche Anthropologie gefordert
Psychiatrische Erkrankungen gestalten sich nach Auffassung Mergenthalers in komplexen Realitäten. Sie hält die Sozialpsychiatrie, die eine Person nicht vorrangig vom krankheitsspezifischen Ansatz aus beschreibt, für einen wichtigen sozialgeschichtlichen Meilenstein in der Behandlung psychischer Erkrankungen. „Die Schaffung vielfältiger ambulanter und stationärer Wohnformen, verschiedener Betreuungs- und Behandlungsmöglichkeiten, Tagungsstätten und Werkstätten ermöglicht eine auf den Patienten zugeschnittene multimodale Behandlung, die grundsätzlich von einem Netzwerk professioneller Helfer geleistet wird.“ Selbsteinschätzungen und Selbstaussagen über den Menschen in Hinblick auf Kultur, Geschichte, Wahrnehmung, Verhalten und Selbstbewusstsein, also ein sogenanntes Menschenbild, bildeten das Fundament für das Agieren der professionellen Helfer. Insofern sei Anthropologie elementar für die Psychiatrie.

Eine ganzheitliche Anthropologie forderte Dr. med. Wolfgang Baier, Andernach, auch für die Behandlung von Menschen auf einer Intensivstation. Denn gerade auf dem letzten Weg des Lebens schlichen sich häufig Unsicherheiten ein. „Was geschieht, wenn nach und nach Organe ihren Dienst einstellen? Ist der Mensch dann eher eine Maschine oder ein bedürftiges Wesen? Kann der Arzt zugleich als Organismusexperte und als Gefährte des bedürftigen Patienten bestehen?“, fragte Baier. Es fällt seiner Ansicht nach im Krankenhausalltag häufig schwer, ein dualistisches Menschenbild mit einem ganzheitlichen zu verbinden.

Ein cartesianisches Menschenbild hält Baier zufolge die Anwendung aller technischen Möglichkeiten für adäquat. Gegenüber diesem einflussreichen Ansatz von Descartes gebe es wenig Überlegungen, die dem Anspruch auf Ganzheitlichkeit bei näherer Prüfung standhielten. Wilhelm Kamlah habe im Jahr 1972 den Begriff der „Widerfahrnisbewältigung“ geprägt. Danach ist es „Aufgabe der Medizin, dem Patienten bei seiner ,Widerfahrnisbewältigung‘ zu helfen und ihm bei einem sinnvollen, aber geschichtlich endlichen Lebensvollzug zur Seite zu stehen“. Baiers Auffassung nach ist es durchaus möglich, „mit unterschiedlichen Menschenbildern auf einer Intensivstation zu leben, wenn man – nicht allein aufseiten der Ärzte – mehr Transparenz und mehr ,Sprache‘ im Sinne Kamlahs insbesondere in Entscheidungsprozessen wagt“.
Gisela Klinkhammer

@Informationen und Abstracts weiterer Referate: www.aem-online.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige