WORLD HEALTH SUMMIT

Interview Prof. Dr. rer. nat. Regine Kollek, Universität Hamburg: „Diskussion um Individualmedizin ist noch viel zu euphorisch“

Dtsch Arztebl 2009; 106(42): A-2071 / B-1773 / C-1737

Die Expertin für Technikfolgenabschätzung warnt vor zu großen Hoffnungen in Bezug auf die individualisierte Medizin. Foto: Georg J. Lopata
Für die Ärzte wird es noch schwieriger werden, genau zu entscheiden, für welchen Patienten welche Therapie die beste ist.

Wie schätzen Sie momentan die Diskussion um die individuelle Medizin in Deutschland ein?
Kollek: Überwiegend ist die Diskussion viel zu euphorisch. Das gilt in noch stärkerem Maß für die USA. Bei uns werden auch schon kritische Stimmen laut, die auf die Grenzen der individualisierten Medizin hinweisen. Viele Leute denken, dass wir die Diagnostik immer feiner abstimmen, die Behandlung immer besser an die Eigenarten des einzelnen Menschen anpassen können und immer zielgenauere Medikamente entwickeln. Fragt man genauer nach, werden immer die gleichen Beispiele genannt, die es schon seit Jahren gibt. Natürlich gibt es ab und zu mal ein neues Beispiel sogenannter maßgeschneiderter Medikamente, aber die Geschwindigkeit der Neuentwicklungen beziehungsweise des Fortschritts ist doch eher moderat. Perspektivisch wird man bei einigen Krankheiten Patienten genauer bestimmen können, bei denen bestimmte Therapien besser funktionieren. Das gilt etwa für die Therapie bestimmter Krebserkrankungen. Insgesamt stehen diese Entwicklungen aber noch am Anfang.

Wird es Veränderungen im Verständnis von Krankheit und Gesundheit, in der Verantwortung für Gesundheit und im Arzt-Patienten-Verhältnis geben?
Kollek: Man kann das nur exemplarisch beleuchten. Manchmal ist eine prädiktive genetische Diagnostik hilfreich, um die individuellen Risiken festzustellen, etwa bei genetischen Veranlagungen wie Darmkrebs. Wenn der Patient darum weiß, kann er auch präventive Eingriffe vornehmen lassen. Aber sobald man Gentests hat, bei denen ein Risiko für eine neurologische Erkrankung festgestellt wird, für die es gar keine Vorbeugung gibt, dann kann man den Patienten dafür auch keine Verantwortung zuschreiben. Die individuelle Medizin darf trotz aller Chancen und Möglichkeiten den Menschen nicht aus den Augen verlieren.

Gibt es die Möglichkeit, die individualisierte Medizin nicht zu verfolgen?
Kollek: Nein, diese Chance haben wir nicht. Wenn Medikamente wie beispielsweise Herceptin weiterentwickelt werden und sie nachweislich besser wirksam und nebenwirkungsärmer sind, dann haben wir keine andere Möglichkeit, als diesen Weg weiterzugehen. Die Frage, die sich dann nur stellt: Wo bekommen wir zweifelsfreie Wirksamkeitsnachweise her? Wie muss eine Studie konzipiert sein, damit man die Wirksamkeit auch wirklich nachweisen kann, und in welchem Bereich wird das der Fall sein? Ich glaube, man muss davor warnen, dass dies generell auf alle Bereiche anwendbar ist und dann auch überall solche Entwicklungen zu erwarten sind. Denn das glaube ich nicht. Es kann ja auch umgekehrt sein, dass die pharmazeutische Industrie versucht, Medikamente zu entwickeln, auf die Menschen nicht unterschiedlich reagieren, dann haben wir wieder die Blockbuster.

Was wird sich für die Ärzte ändern?
Kollek: Für die Ärzte wird es noch schwieriger werden, genau zu entscheiden, für welchen Patienten welche Therapie die beste ist. Man wird noch mehr diagnostische Marker brauchen, um den Patienten genau zu klassifizieren hinsichtlich der möglichen Therapie. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Anzahl der Behandlungsfehler dabei erhöht, wenn die Ärzte nicht entsprechend ausgebildet sind. Schon heute ist die Anzahl der unerwünschten Medikamentennebenwirkungen nicht darauf zurückzuführen, dass die Patienten darauf so unterschiedlich reagieren, sondern unter anderem auf Verschreibungsfehler oder auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Wenn die individualisierte Medizin zu kompliziert wird, dann kann man fast erwarten, dass Verschreibungsfehler zunehmen werden.
Die Fragen stellte Ulrike Hempel.
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