WORLD HEALTH SUMMIT

Alternde Gesellschaften: Wie die Politik der demografischen Entwicklung begegnen will

Dtsch Arztebl 2009; 106(42): A-2074 / B-1775 / C-1739

Brunne, Viviane

Foto: dpa
Die Bevölkerungsabteilung der UN-Wirtschaftskommission für Europa koordiniert eine umfangreiche Datensammlung und hilft einzelnen Ländern, evidenzbasierte Strategien zu entwickeln, um die demografischen Entwicklungen zu beeinflussen.

Nach einer kaukasischen Sage trägt ein Mann seinen Vater auf dem Rücken den Berg hinauf, um ihn – nach altem Brauch – zu töten. Unterwegs stolpert er und fällt hin, worauf der Vater anfängt zu lachen. Gefragt, warum er lache, erklärt er, auch er habe vor vielen Jahren seinen Vater diesen Berg hinaufgetragen und sei an derselben Stelle gestolpert. Da habe auch sein Vater gelacht. Der Sohn bringt es nun nicht mehr über sich, den Vater zu töten, kehrt um und versteckt ihn im Haus. Später, als eine Dürre über das Dorf hereinbricht und eine Seuche die Schafsherden dezimiert, erteilt der Alte Ratschläge und das Volk überlebt. Daraufhin beschließen die Dorfbewohner, die Alten fortan nicht mehr zu töten.

Wie wir mit unseren Alten umgehen, ist ein wichtiger Indikator für die Beschaffenheit unserer Gesellschaft. Zum Beispiel Deutschland: Man schlage an einem x-beliebigen Tag die Zeitung auf und findet Berichte darüber, dass Gesundheit und Pflege unbezahlbar werden, dass zu wenige verdienende Arbeitskräfte für zu viele Rentner zahlen. Wer heute jung ist, wird von seiner Rente später nicht mehr leben können. Das Phänomen betrifft ganz Europa – die Bevölkerungszahlen sinken, und die Alterung von Gesellschaften nimmt zu.

Wie gut verstehen wir die Ursachen dieser Entwicklungen? Und wie gehen wir am besten damit um? Seit einigen Jahren widmet sich das Generations and Gender Programme (GGP), angesiedelt in der Bevölkerungsabteilung der UN-Wirtschaftskommission für Europa (UNECE), diesen Fragen. Es koordiniert ein Programm zur umfangreichen Datengewinnung, um das komplexe Zusammenwirken individueller und kontextueller Faktoren besser zu ergründen. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, die Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern (Generationen) und Partnern (Gender) besser zu verstehen und in diesen Beziehungen Faktoren zu finden, die die demografischen Entwicklungen beeinflussen.

Das GGP hat zwei Säulen – die erste sind die Generations and Gender Surveys (GGS), Umfragen, die in mehreren Etappen alle drei Jahre wiederholt werden. Gesucht werden Antworten auf die Fragen, warum Menschen Haushalte und Partnerschaften formen oder auflösen, warum sie Kinder bekommen oder wie Familienbeziehungen funktionieren. Dabei wird der gesamte Lebensweg der Individuen betrachtet („life-course approach“) – von der Geburt über Partnerschaftsdynamiken, das Verlassen des Elternhauses bis hin zur Rente.

Die Gesprächspartner werden zum Beispiel gefragt, ob sie Kinder planen, drei Jahre später wird nachgefragt, ob sie die Pläne realisiert haben. Außerdem geht es um wirtschaftliche Aktivitäten, Genderbeziehungen, die Verteilung von Haushaltsaktivitäten, Transferleistungen zwischen Eltern und Kindern, soziale Netzwerke, Wertvorstellungen, das subjektive Wohlbefinden bis hin zu Gefühlen wie Einsamkeit und Depression. Außerdem sind die Themen Ausbildung, Gesundheit, Kontrazeption und Infertilität von Interesse.

In Deutschland sind die GGS-Befragungen federführend vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung durchgeführt worden. Insgesamt liegt ein erster Datensatz für 10 017 Befragte vor. Er umfasst einen repräsentativen Ausschnitt der 18 bis 79 Jahre alten Bevölkerung. Insgesamt 16 Länder beteiligen sich inzwischen an der Umsetzung der Erhebung: Belgien, Bulgarien, Tschechische Republik, Estland, Frankreich, Georgien, Deutschland, Ungarn, Italien, Litauen, Niederlande, Norwegen, Rumänien, Russische Föderation sowie Australien und Japan.

Korrelation von Mikro- und Makrodaten
Für die meisten dieser Länder stehen auch bereits Makrodaten zur Verfügung, die in der Kontextdatenbank – der zweiten Säule des GGP – gesammelt werden. Diese Datenbank versucht, die Rahmenbedingungen der nationalen und subnationalen Ebene abzubilden. Sie umfasst Informationen über Gesetze und Politikstrategien, die altersbezogene Auswirkungen haben, und schließt soziale, ökonomische und politische Indikatoren zu den generellen Beziehungen zwischen Generationen und Geschlechtern ein.

Dabei korrespondieren die erhobenen Mikrodaten mit den Makrodaten. So werden beispielsweise die persönlichen Entscheidungen für oder gegen eigene Kinder in den Kontext der Fertilitätsraten, des Durchschnittsalters bei der Geburt des ersten Kindes und der verfügbaren Kinderbetreuung gestellt. Diese individuellen Informationen können dann (unter anderem) den nationalen Gesundheitsausgaben, der Arztdichte oder der Gesundheitsversicherung (Makroinformationen) gegenübergestellt werden.

Forschergruppen, die die GGP-Daten analysieren möchten, können bei der Bevölkerungsabteilung der UN-Wirtschaftskommission für Europa einen kostenlosen Zugang erhalten. Durch die umfangreiche, repräsentative Stichprobe bieten die Daten ein gutes Hintergrundwissen zu Eigenschaften der Allgemeinbevölkerung, das sich auch als Referenz für medizinische Studien eignet.

Eine Untersuchung der Daten für die Russische Föderation ergab beispielsweise, dass die Entscheidung für das erste Kind viel weniger von ökonomischen Überlegungen beeinflusst wird als die Entscheidung für das zweite Kind. Mehrere Studien ergaben auch, dass Frauen mit einer höheren Ausbildung später Kinder bekommen, dass sie aber nach ihrem ersten Kind mit größerer Wahrscheinlichkeit noch ein zweites Kind bekommen, und dies in kürzerem Abstand als Frauen mit geringerer Ausbildung. Anders als zuweilen angenommen, unterscheidet sich die Gesamtzahl der Kinder zwischen Frauen mit höherer, mittlerer und geringer Ausbildung offenbar nicht wesentlich.

Die Daten des GGP erlauben es auch, die demografischen Entwicklungen abhängig von den bevölkerungspolitischen Strategien unterschiedlicher Länder zu vergleichen. Interessant ist dabei vor allem der Fokus auf „weiche“ Variablen, die sonst kaum einbezogen werden.

So entwickelte Prof. Francesco Billari, Direktor des Carlo F. Dondena Centre for Research on Social -Dynamics (Italien), seine „Glücksthese“. Er betrachtete Daten der World Happiness Database (Erasmus University, Rotterdam, Niederlande) und stellte fest, dass in den Ländern mit höheren Werten auf der Happiness-Skala auch höhere Fertilitätsraten anzutreffen sind. Dies führt ihn zu der Hypothese, dass Glück und Zufriedenheit mit steigenden Geburtenraten assoziiert sind. Billari empfiehlt deshalb politische Investitionen in die sozioökonomische Entwicklung, letztendlich Investitionen in Glück und Zufriedenheit, um in reicheren Ländern ein geburtenfreundliches Klima zu schaffen.

Familienleben schützt nicht vor Einsamkeit
Prof. Dr. Jenny Gierfeld (Amsterdam, Niederlande) fand heraus, dass verschiedene Länder unterschiedlich gut in der Lage sind, ältere Menschen gesellschaftlich zu integrieren. Anders als man annehmen könnte, wiesen Länder mit einem hohen Anteil an Älteren, die bei ihren erwachsenen Kindern lebten, nicht unbedingt die geringsten Raten an Einsamkeit auf; eher das Gegenteil ist der Fall.

Was bedeutet dieses neu gewonnene Wissen für die Strategieentwicklung in der politischen Praxis? Die in der UN-Regionalkommission für Europa angesiedelte Bevölkerungsabteilung koordiniert – neben der Forschung – auch den Austausch zwischen Regierungen aus Nordamerika, der Europäischen Union, Osteuropa und Zentralasien. Sie bemüht sich, die Erkenntnisse aus dem Forschungsprogramm GGP für die politische Strategieentwicklung nutzbar zu machen. Auf nationaler Ebene gibt es dafür einen wachsenden Bedarf.

Mitte 2008 haben deshalb die Mitgliedsländer der UNECE beschlossen, eine Arbeitsgruppe Alterung zu gründen, die sich nun systematischer um gemeinsame europäische Lösungen bemühen will. In einem Katalog von zehn Selbstverpflichtungen einigte man sich darauf, dass die Bedürfnisse der älteren Bevölkerungsgruppen in allen Aspekten des sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Lebens mitbedacht werden sollen, wobei jedoch Maßnahmen zur Unterstützung Älterer nicht zulasten der Jüngeren gehen dürfen (UN Programme on Ageing 2005).

In weiteren Selbstverpflichtungen geht es darum, nach einer hohen Lebensqualität für alle Altersstufen zu streben und Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern, die Arbeitsmärkte auf die demografischen Entwicklungen einzustellen, Bildungssysteme anzupassen und auf lebenslanges Lernen auszurichten, älteren Menschen ein unabhängiges Leben zu ermöglichen und die Solidarität zwischen und innerhalb der Generationen zu fördern.

Zu der Umsetzung dieser Selbstverpflichtungen gibt es ermutigende Beispiele aus Deutschland, wo man stark auf die Forschung setzt. Mehrere Kompetenznetze in der Medizin beschäftigen sich mit Themen, die für die Alterung der Gesellschaft relevant sind – etwa Demenz oder Parkinson-Krankheit. In anderen Initiativen geht es darum, die Qualität in der Pflege zu erhöhen, zum Beispiel durch eine unabhängige Überwachung der Pflegeheime, durch die Stärkung der Rechte der Bewohner von Pflegeheimen und durch ein anonymes Berichtssystem, um aus kritischen Ereignissen in der Altenpflege zu lernen.

Während es in Westeuropa schon viele gute Ansätze gibt, mit der gesellschaftlichen Alterung positiv umzugehen, kämpfen die Länder in Osteuropa und Zentralasien zwar mit zum Teil ähnlichen, aber für sie dennoch neuen Herausforderungen. Auch dort finden Alterungsprozesse statt, oft sogar viel schneller als in Westeuropa.

Der Weg ins Alter stellt nicht nur das Individuum vor große Herausforderungen, sondern auch die Gesellschaft, in der der Mensch lebt. Foto: Caro
Bisherige Familienstrukturen brechen auseinander
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sanken wegen der unsicheren Zukunft die Geburtenraten rapide ab. Ein großer Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung emigrierte auf der Suche nach Arbeit. In einem auf Mehrgenerationenhaushalte aufgebauten System fehlte nun die mittlere Generation, die sich sonst um die älteren Familienmitglieder hätte kümmern sollen. Die Infrastruktur, die es Älteren ermöglicht, allein zu Hause zu bleiben – etwa Hauskrankenpflege und mobile Dienste – deckt bei Weitem nicht den Bedarf.

Auch Altenpflegeheime gibt es nur wenige. Die Renten reichen vielfach nicht aus, um über die Runden zu kommen, und kaum jemand unter den heutigen Rentnern hat genügend Ersparnisse. Das Sowjetsystem war nicht darauf angelegt, langfristig Vermögen aufzubauen. Und die hohe Inflation nach dem Zusammenbruch des Systems führte für viele zum völligen Verlust aller Rücklagen.

Die UN-Wirtschaftskommission für Europa, die auch diese Region betreut, bietet deshalb an, konkrete Aktionspläne für einzelne Länder in Osteuropa und Zentralasien zu entwickeln. Aktuell wird ein solcher Plan für die Republik Armenien entworfen. Dabei müssen die Maßnahmen sich nach den begrenzten Budgets richten, die in diesen Ländern zur Verfügung stehen. Wenn man es zum Beispiel den Älteren ermöglicht, über das gesetzliche Rentenalter hinaus einer bezahlten Arbeit nachzugehen oder selbstständig zu sein, können sie sich von den geringen Renten unabhängig machen und selbst das benötigte Einkommen verdienen, solange sie gesundheitlich dazu in der Lage sind.

Wenn sie von Fortbildungsangeboten profitieren können, die direkt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, bleiben sie für den Arbeitsmarkt attraktiv. Durch ein System der Hauskrankenpflege können ältere Menschen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen. Letztlich muss auch in den Ländern dieser Region am Image der Älteren gearbeitet werden. Denn nur in einer Gesellschaft, in der ihr positiver Beitrag honoriert wird, können sie sich auch einbringen. In Westeuropa wie in Osteuropa ist es nicht selten auch ein selbst auferlegtes Stigma, dass die Älteren daran hindert, sich voll entsprechend ihrer Kapazitäten zu entfalten und ihre Unabhängigkeit zu bewahren.

Die kaukasische Sage zeigt, dass die Alten keineswegs nur Last und Kostenfaktor sind, sondern dass sie mit ihrem Wissen und Erfahrungsschatz die Gesellschaft bereichern. Andres Vikat, der die Bevölkerungsabteilung der UN-Regionalkommission Europa leitet, gibt zu bedenken, dass die positiven Seiten der alternden Gesellschaften viel zu wenig betrachtet werden. Noch nie hatten Firmen Vorstände und Spitzenkräfte, die einen so großen Erfahrungsschatz einbringen konnten. Großeltern helfen ihren Kindern, Beruf und Familie zu vereinbaren, und liefern Dienstleistungen, die – müssten sie sie bezahlen – für viele Eltern unerschwinglich wären. Durch Engagement im Ehrenamt erbringen sie wichtige soziale Leistungen. Viele Senioren arbeiten in Teilzeit und kümmern sich um die noch Älteren. Einrichtungen wie der Senior-Expert-Service vermitteln Experten im Rentenalter in Entwicklungsprojekte nach Afrika und anderswo (www.ses-bonn.de/).

Wie der Mann in der kaukasischen Sage weissagt, wiederholt sich die Geschichte. So wie wir den Umgang mit den Älteren unseren Kindern heute vorleben, werden sie eines Tages auch mit uns umgehen, wenn wir selbst zur Generation 65 plus gehören und uns alles andere als „alt“ fühlen. Die Generationenpolitik, die wir heute gestalten, kommt letztendlich den heute jungen oder mittleren Generationen ganz direkt zugute – wenn das Rentenalter vielleicht einen ganz anderen Alltag bedeutet, als wir ihn heute erwarten.
Dr. rer. soc. Viviane Brunne
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige