POLITIK

NS-Euthanasie in Weissrussland: Kaum bekannte Geschichte

Dtsch Arztebl 2009; 106(43): A-2141 / B-1835 / C-1799

Jachertz, Norbert

Dem Gedenken an die Opfer der NS-„Euthanasie“ gewidmet: das Mahnmal vor der psychiatrischen Klinik in Mogilew. Foto: privat
Ein Mahnmal erinnert an 1 200 ermordete Patienten und zeugt zugleich von einem versöhnenden Projekt.

Mogilew liegt etwa 200 Kilometer südöstlich von Minsk, eine Bezirkshauptstadt mit 370 000 Einwohnern am Dnjepr, ein Ort in Weißrussland. Weißrussland hat im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung stark gelitten. Umso bemerkenswerter ist es, dass unlängst in Mogilew ein belarussisch-deutsches Projekt, das die „gemeinsame, nicht einfache Geschichte“ (so ein lokaler Funktionär) thematisiert, vollendet werden konnte – ein Mahnmal, das an die Ermordung von 1 200 psychiatrischen Patienten in den Jahren 1941 und 1942 erinnert. Der übermannshohe Gedenkstein, der am 2. Juli unter großer öffentlicher Anteilnahme enthüllt wurde, steht vor der psychiatrischen Klinik, dort, wo 1941 die Autos des Einsatzkommandos 8 der Einsatzgruppe B das Gas in den Todesraum pufften.

Während der deutschen Besatzung wurde auch auf Weißrussland (wie auf alle besetzten Ostgebiete) die „Euthanasie“ von psychisch Kranken und Behinderten ausgedehnt. So auch auf die Anstalt in Mogilew. Bei der ersten Mordaktion wurden die Patienten durch Auspuffgase getötet, bei der zweiten erschossen oder mit Handgranaten getötet. Das Mordgeschäft besorgten Kommandos der SS-Einsatzgruppe B, kommandiert von SS-Brigadeführer Arthur Nebe, der auch Chef der deutschen Kriminalpolizei war. Nebe, der für 40 000 Morde in Weißrussland verantwortlich gewesen sein soll, unterhielt auch – Schizophrenie der Geschichte – Kontakte zum deutschen Widerstand und wurde nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet.

Parallel zu den „Euthanasie“-Morden liefen die Mordaktionen gegen Juden. Bei der Gedenkfeier in Mogilew erinnerte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Goldberg, daran, dass bei Kriegsbeginn in Mogilew und Umgebung rund 20 500 Juden gelebt hätten, elf Prozent der damaligen Bevölkerung, mehr als die Hälfte sei von den Besatzern umgebracht worden. Unter ihnen befand sich auch der Chefarzt der Psychiatrischen Klinik, Dr. M. M. Klipzan. Sein Nachfolger, Dr. A. N. Stepanow, kooperierte hingegen mit den Besatzern, indem er ihnen Patientenlisten lieferte. Er wurde nach der Befreiung zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt.

Das Mahnmal ist Teil eines umfassenderen Projekts, das der Aufarbeitung einer auch im Land selbst kaum bekannten Geschichte dient. Im Nebeneffekt, so hofft man, könnte das öffentliche Interesse auf die Verbesserung der heutigen psychiatrischen Versorgung gelenkt werden. Die Initiative ging von deutscher Seite aus, von hier kamen ebenfalls die Geldspenden für das Mahnmal, auch von der Bundesärztekammer. Umgesetzt aber wurde das Projekt großenteils von weißrussischer Seite. Mitarbeiter der Klinik selbst, Historiker der Universität Minsk und Geschichtsstudenten der Universität in Mogilew befragten Zeitzeugen, sichteten Akten und Literatur. Das Mahnmal wurde landesweit ausgeschrieben, der Auftrag ging schließlich an einen jungen Bildhauer aus Mogilew, Alexander Minjkow. Es sei das erste Denkmal in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, das an diese lange vergessene Opfergruppe erinnere, hieß es übereinstimmend in Mogilew.

Bereits seit 1990 beschäftigt sich an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg eine Arbeitsgruppe mit Forschungen zur „Euthanasie“. Denn die Heidelberger Klinik trage eine besondere Verantwortung, erklärte deren Direktor, Prof. Dr. med. Christoph Mundt, bei der Enthüllung des Mahnmals in Mogilew, sei doch Professor Carl Schneider, der Klinikdirektor von 1933 bis 1945, einer der beiden Hauptgutachter „für die definitive Entscheidung zur Tötung psychisch Kranker im damaligen deutschen Reichsgebiet“ gewesen. Von den Heidelberger Forschungen zur Aufklärung der „Euthanasie“-Morde profitiert auch das Mogilew-Projekt, nicht zuletzt auch dank des Einsatzes des Psychiaters und Medizinhistorikers Dr. med. Gerrit Hohendorf, der inzwischen am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München arbeitet.

Der Vertreter der Bezirksregierung Mogilew, Valerij Malaschko, wertete solche Aktivitäten als Beweis dafür, dass die Deutschen bereit seien, „offen ins Gesicht ihrer Vergangenheit zu sehen“. Die Historikerin Olga Goleta aus Minsk erkannte an, dass es hart sei, sich einer solchen Vergangenheit zuzuwenden. Doch die Deutschen täten es freiwillig und mit offenen Augen. Das Projekt Mahnmal hat Ärzte und Wissenschaftler, Studenten und Behördenvertreter, Deutsche und Weißrussen zusammengeführt. Und so resümierte die Oberärztin der Klinik, Dr. Jelena Lazarenko: „Ich empfinde Aufregung, Freude, Begeisterung und Stolz, dass wir das alle zusammen geschafft haben.“
Norbert Jachertz
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