WORLD HEALTH SUMMIT

World Health Summit: „Forscher sollten die wichtigsten Berater für die Politik werden“

Dtsch Arztebl 2009; 106(43): A-2123 / B-1821 / C-1781

Siegmund-Schultze, Nicola; Meißner, Marc

Aufbruch zu weltweit besser abgestimmten Konzepten für Prävention und Therapie: Seuchen und die zunehmende Prävalenz von Zivilisationskrankheiten sind immense Heraus-forderungen. Der Weltgesundheitsgipfel in Berlin gab konkrete Handlungsempfehlungen.

Globale, sektorenübergreifende Netzwerke fordert Bundesforschungsministerin Annette Schavan bei der Eröffnung des World Health Summit in Berlin. Foto: Svea Pietschmann, Fotolia [m]
Es war eine Liveschaltung zur Internationalen Raumstation, die während der Eröffnung des 1. Weltgesundheitsgipfels an der Charité in Berlin die Vision der nun jährlich geplanten Treffen deutlich machte: Gesundheit global zu denken aus einer Perspektive, die alle Regionen der Erde einbezieht. Und Vertreter aus allen Bereichen, die für das Erreichen des Ziels „Gesundheitsversorgung für alle“, maßgeblich sind: Forschung, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Nicht-regierungsorganisationen (NGO), und internationale Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO). 700 Teilnehmer waren aus diesen Bereichen gekommen. Die Initiatoren, die Charité Berlin und die Université Descartes Paris, wollten die Akteure ins Gespräch darüber bringen, wie politisches, zivilgesellschaftliches und wirtschaftliches Engagement effektiver als bisher koordiniert werden kann, um die globalen Herausforderungen im Bereich der Gesundheit anzugehen.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan griff bei ihrer Eröffnungsrede ein von den Initiatoren genanntes Manko auf: Die akademische Medizin sei traditionell, besonders aber in Deutschland zu weit von den politischen Entscheidungsträgern aus dem Bereich öffentliche Gesundheit entfernt. „Um wirksame und nachhaltige Strategien zu entwickeln, müssen Wissenschaftler unsere wichtigsten politischen Berater und Begleiter werden“, sagte Schavan. „Wir brauchen die Wissenschaft, um neue, globale Netzwerke einer sektorenübergreifenden Forschung aufzubauen und auf diese Weise Kräfte zu bündeln.“ Die Heterogenität der gesundheitlichen Versorgung zwischen den Nationen, aber auch innerhalb der Länder sei groß, selbst in Industrienationen wie Deutschland, sagte Schavan. Bei knapper werdenden finanziellen Mitteln gleiche es auch in westlichen Ländern häufig dem Versuch einer Quadratur des Kreises, für alle Bürger Zugang zu Innovationen der Medizin zu gewährleisten. Angesichts bekannter, aber auch neuer sich ausbreitender Infektionskrankheiten und zunehmender chronischer Erkrankungen stünden die Nationen vor immensen Herausforderungen an Prävention und Therapie.

Beratung von jungen Müttern in Niger: Noch wird weltweit nur ein Prozent der Gesundheitsausgaben in Prävention investiert, ein völliges Missverhältnis zu den Ausgaben für die Therapie. Foto: dpa
Der 1. Weltgesundheitsgipfel stand unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Beide Regierungen hatten die Charité und die Université Descartes darin unterstützt, die sogenannte M-8-Allianz aufzubauen: eine Gruppe herausragender medizinischer Einrichtungen und wissenschaftlicher Akademien aus acht Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, China, Australien, Russland und Japan). Kongresspräsidenten waren Prof. Dr. med. Detlev Ganten von der Charité und Prof. Dr. med. Axel Kahn, Präsident der Université Paris Descartes.

„Wir können hier nicht sofort Lösungen präsentieren“, sagte Ganten bei der Eröffnung des Kongresses. „Aber wir können versuchen, durch neue Strategien und die Stärkung internationaler Partnerschaften den Weg zu ebnen dafür, dass alle Menschen das durch die WHO und die Charta der Vereinten Nationen verankerte Recht auf körperliche und seelische Gesundheit realisieren können.“

Nur durch die weltweite Bekämpfung der Armut und einen Zugang zur Gesundheitsversorgung lasse sich auch sozialer Frieden herstellen, hob Dr. med. Marc Danzon, Direktor der WHO für die Region Europa, hervor. „Sicherheit für alle basiert auf Solidarität und Vertrauen“, so Danzon.

Die Neue Grippe A/H1N1 sei ein Beispiel. Detaillierte Informationen über schwere Erkrankungsverläufe müssten transparent gemacht werden, damit international Prävention und Therapie auf dem höchst möglichen wissenschaftlichen Level erfolgen könnten. Noch nicht alle Länder Europas lieferten solche Daten. Die Umsetzung von Aufgaben wie dieser liege in nationaler Verantwortung, Koordination und Hilfe aber seien internationale Angelegenheit.

„Die Medizin muss sich der Evolution des Menschen und seiner Erkrankungen anpassen und die Gesundheitsversorgungssysteme den medizinischen Möglichkeiten“, erläuterte Ganten. Krankheiten würden durch soziokulturelle Einflüsse wie Lebensweise, Mobilität, Arbeitsbedingungen oder Ausschluss von Arbeit stärker beeinflusst als durch die menschliche Biologie. Schwerpunktfragen des Weltgesundheitsgipfels waren: Wie können die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und der demografischen Veränderungen bewältigt werden? Welche internationalen Möglichkeiten gibt es zur Verbesserung der Prävention von Pandemien und nicht übertragbaren chronischen Krankheiten und deren Therapie? Wie kann Gesundheitsversorgung in Osteuropa, Asien und Afrika gefördert werden, und wie lässt sich personalisierte Medizin effektiver dem Patienten zugänglich machen?

Dem Vorwurf, Themen zu diskutieren, die für arme Länder gar nicht relevant seien, wie innovative Therapien mit Stammzellen oder tissue engineering, hielt Ganten entgegen: „Wir wollen in der Diskussion über die Ungleichheit bei der medizinischen Versorgung nicht alle Länder gleichmachen, dürfen aber Ungleichheiten nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen auch überlegen, welche neuen Behandlungsformen vielversprechend sind und wie sie zum Patienten gelangen.“

Als wichtigste, weltweite Problemfelder auf dem Gebiet der medizinischen Versorgung wurden herausgearbeitet: unzureichende Bildung, fehlende Prävention, schwierige Finanzierung, übertriebene Bürokratie und mangelnde Kooperation auf allen Ebenen.

Aus den Ergebnissen von Arbeitsgruppen zu den verschiedenen Themenbereichen erarbeiteten die Teilnehmer Empfehlungen („call for action plans“). Für die Prävention ist das Ziel: „Wir müssen von einer Krankheitsversorgung zu einer Gesundheitsversorgung kommen“, wie es Prof. Dr. med. Harry L. A. Janssen, Universitätsklinik Rotterdam, formulierte. Derzeit werden 99 Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben in die Behandlungen von Krankheiten investiert und nur ein Prozent für ihre Vermeidung.

Ganten betonte, dass diese Forderung dem Motto des Weltgesundheitsgipfels am ehesten entspreche: eine Evolution der Medizin, hin zu einer Vorsorgekultur. „Das ist nichts, was heute an den Universitäten gelehrt wird. Dafür muss sich die Forschung neu ausrichten, und die Lehrbücher sind neu zu schreiben.“

Viele Beiträge während des Summits zeigten, dass Prävention nicht in einer medizinischen Maßnahme besteht wie einer Impfung. So können Veränderungen des Lebensstils wesentlich dazu beitragen, Krankheiten zu vermeiden. „Wenn wir den Verkehr reduzieren, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen, werden die Menschen wieder mehr selber laufen müssen“, sagte Dr. Maria Neira, Direktorin in der WHO. Für Neira ist die Bekämpfung des Klimawandels durch den Verzicht auf motorisierte Mobilität ein Schlüssel, um Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht vorzubeugen.

Dabei ist Bildung ein wesentlicher Faktor, nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in den Industrienationen. „Bildung ist einer der besten Impfstoffe“, betonte Dr. Elias Zerhouni, ehemaliger Direktor des US National Institutes of Health. „Ohne sie können wir den Lebensstil der Menschen nicht verändern.“ Um in wenig entwickelten Ländern bessere Gesundheitsversorgung nachhaltig zu etablieren, muss die Autonomie der betroffenen Staaten gestärkt werden. Bestehende Initiativen und Austauschprogramme für Medizinstudenten und ausgebildete Ärzte sollten europaweit intensiviert und koordiniert werden, so eine zentrale Forderung auf dem Summit.

Modellcharakter könnte die Université Descartes bekommen: Sie kombiniert humanitäre Hilfe mit Technologietransfer in Kooperation mit NGO und den Institutionen vor Ort. Die Universität finanziert Medizinstudenten aus Kambodscha eine zweijährige Ausbildung in Paris, die Studenten kehren als Ärzte in ihr Heimatland zurück. Außerdem trainieren Mediziner der Universität Descartes Kollegen in Phnom Penh.

Das Projekt entspricht dem beim Summit formulierten Ziel, weniger entwickelte Länder beim Ausbau der Grundversorgung, aber auch beim Aufbau von Exzellenzzentren zu unterstützen. Schon unter den Medizinstudenten wirbt die Universität Descartes aktiv für Austauschprojekte. Im zweiten und dritten Studienjahr werden die Studenten in Entwicklungsländern außerhalb des Medizinbetriebs eingesetzt, im vierten bis sechsten Studienjahr helfen sie in Kliniken. So soll quasi generationenübergreifend das Inter-esse an der Arbeit mit weniger entwickelten Ländern gefördert werden, sagte Prof. Dr. med. Patrick Berché, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität. Weltweit müssen die Bemühungen intensiviert werden, sich auf Pandemien vorzubereiten und diese, wenn sie ausgebrochen sind, effektiver einzudämmen. HIV oder die Neue Grippe A/H1N1 seien beispielhaft für ein breites Spektrum neu auftretender Infektionserkrankungen, sagte Prof. Dr. med. Keiji Fukuda von der WHO.

Gefordert wurde eine bessere internationale Abstimmung darüber welche neuen, wissenschaftlichen Fragestellungen erforscht werden sollen welche Verhaltensveränderungen der Bevölkerung empfohlen werden wie Daten zuverlässiger (Inzidenzen, krankheitsspezifische Sterblichkeit) erhoben werden können wie der Austausch über Daten und Erkrankungsverläufe noch offener werden kann, damit allen Ländern neues Wissen möglichst rasch zugänglich gemacht und für den Umgang mit Risikogruppen und Erkrankten genutzt werden kann.

Um diese Empfehlungen umsetzen zu können, bedürfe es entscheidend eines höheren wechselseitigen Vertrauens und besserer Zusammenarbeit.

Auch bei der Frage, wie neue Technologien aus der Forschung zum Patienten gelangen können, gibt es ungenutztes Potenzial für globale Kooperationen auf der Basis gemeinsamer Interessen: der Frage nach dem potenziellen Nutzen für den Patienten. Als Kriterien, ob eine bestimmte neue Behandlung, zum Beispiel mit tissue engineering, entwickelt werden solle, wurden genannt, dass eine Verringerung von Mortalität, Morbidität und auf längere Sicht eine Reduktion der Kosten zu erwarten sein müssten die Forschung zu einer zuverlässigeren Kosten-Nutzen-Abschätzung verbessert werden müsse, da diese Voraussagen entscheidenden Einfluss darauf haben, ob eine neue Behandlungsform überhaupt weiterentwickelt wird öffentlich-private Förderung vor allem bei neuen Formen von individuell auf den Patienten zugeschnittenen Therapien (keine Blockbuster) notwendig ist eine bessere Abstimmung zwischen internationalen Genehmigungsbehörden zu der Frage, wie zulassungsrelevante klinische Studien gestaltet werden sollten, um Entwicklungskosten zu sparen, nötig ist.

Vor allem der hohe administrative Aufwand klinischer Studien treibe die Kosten für innovative Behandlungsmethoden und Medikamente in die Höhe. „Dies führt dazu, dass seltenere Krankheiten für die Pharmaindustrie nicht mehr interessant sind“, stellte Prof. Dr. Jürgen Schölmerich, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgesellschaft fest. „Hier müssen neue Wege der Finanzierung klinischer Studien gefunden werden.“ Ein Abbau der Bürokratie und eine internationale Standardisierung der Studienanforderungen sei notwendig. Nur so könnten internationale Kooperationen bei klinischen Studien gefördert werden.

„Der Gipfel hat gezeigt, bei welchen Themen international ein Konsens hergestellt werden kann und bei welchen nicht“, resümierte Ganten. So seien sich alle einig, dass die Bildung in allen Bereichen verbessert werden müsse. Kontrovers würde hingegen die Bedeutung des Fortschritts im Bereich der personalisierten Medizin diskutiert. Einige forderten mehr Forschung, um die Wirkung von Medikamenten und Krankheiten auf den einzelnen Patienten mit all seinen Eigenheiten besser zu verstehen. Andere seien der Meinung, es gebe genug Informationen über viele Erkrankungen, und es müsse eher in die Umsetzung dieses Wissens investiert werden, zum Beispiel beim Alkoholismus. Mit diesen Ergebnissen sei der Weltgesundheitsgipfel schon ein Erfolg: „Insgesamt haben wir einen guten Eindruck davon bekommen, wo die Probleme liegen, und was wir dagegen machen können“.

Dennoch wurde bei diesem ersten Summit deutlich: Er muss sich selbst erst noch entwickeln als Institution, ist mitten im Identifikationsprozess auf der Suche nach einem Standort zwischen medizinischer Wissenschaft und Politik, einem Konzept für die Schwerpunktsetzung seiner Themen und der Auswahl seiner Teilnehmer sowie schließlich auf der Suche nach der Rolle, die sich angesichts der bestehenden, auch internationalen Strukturen sinnvoll überhaupt ausfüllen lässt. Fest steht: Der nächste World Health Summit wird vom 10. bis 13. Oktober 2010 wieder an der Berliner Charité stattfinden.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Dr. rer. nat. Marc Meissner
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige