WORLD HEALTH SUMMIT

Alternativkonferenz zum World Health Summit: „Wir brauchen keinen neuen Club“

Dtsch Arztebl 2009; 106(43): A-2126 / B-1824 / C-1784

Korzilius, Heike

Gesundheit ist keine Ware: Die Gipfelgegner fordern den Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle Menschen. Foto: Herbert Weisbrot-Frey, ver.di
Weil es beim Welt­gesund­heits­gipfel ihrer Ansicht nach nur am Rande um die globale Gesund­heit ging, haben Kritiker einen Gegen­gipfel ver­an­staltet. Dort standen vor allem die sozialen Ur­sachen von Krank­heit im Mittel­punkt.

Die Verbindung ins indische Bangalore steht, wenn auch die Bildübertragung nicht funktioniert. Die Aktion ist ein bewusster Kontrapunkt zur Liveschaltung in die Internationale Raumstation bei der Eröffnung des World Health Summit am 14. Oktober in Berlin, die viele Kritiker im wahrsten Sinne des Wortes abgehoben fanden. Beim World Health Summit habe sich ein elitärer Kreis von Machern zusammengefunden, dem es in erster Linie darum gehe, wie Forschung und private Gesundheitswirtschaft zur Verbesserung individueller Versorgung beitragen können, hieß es. Die sozialen Ursachen von Krankheit spielten ebenso wenig eine Rolle wie das Recht aller Menschen auf Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Ein Bündnis von 20 gesundheits- und entwicklungspolitischen Organisationen sowie Gewerkschaften hatte deshalb am 16. Oktober zum Gegengipfel geladen. Die Live-schaltung nach Bangalore wirkte dabei in zweierlei Hinsicht symbolisch. Sie zeigte zum einen, dass sich die Welt nicht mehr einfach in Arm und Reich einteilen lässt. Die Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt gilt als das asiatische Silicon Valley und zählt zugleich Zehntausende von Straßenkindern. Zum anderen verdeutlicht das Beispiel, dass der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung alles andere als universell ist. Die Mitarbeiter von Basic Needs India und der Community Health Cell betonten denn auch: „Ein Großteil unserer Arbeit konzentriert sich auf die sozialen Ursachen von Krankheit. Deshalb sind viele medizin-technische Themen des Gipfels in Berlin für uns irrelevant.“

„Der World Health Summit ist eine sehr exklusive Tagung. Deshalb sind wir mit dem Titel nicht einverstanden“, erklärte Thomas Gebauer von medico international, einer der Initiatoren der Alternativkonferenz. Der Gipfel sei im Grunde eine private Veranstaltung auf Initiative zweier Universitäten, der Charité Berlin und der Université Descartes Paris, und nicht öffentlich legitimiert: „Wir brauchen aber keinen neuen Club. Wir haben die Weltgesundheitsorganisation.“

Ein Weltgesundheitsgipfel, der diesen Namen verdiene, müsse das Streben nach sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Partizipation als Grundvoraussetzung für Gesundheit in den Vordergrund stellen und eine Forschung fördern, die an den Gesundheitsbedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der Alternativkonferenz. Noch immer könne sich ein Drittel der Weltbevölkerung nicht einmal lebensnotwendige Arzneimittel leisten. Rund 90 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung entfielen auf Arzneimittel, die zehn Prozent der Bevölkerung benötigten. Von 1 500 neuen Wirkstoffen, die zwischen 1975 und 2004 entwickelt worden seien, wirkten lediglich 18 gegen Tropenkrankheiten und drei gegen Tuberkulose, führte Dr. Christian Wagner-Ahlfs von der Buko-Pharma-Kampagne aus. Er kritisierte, dass insbesondere die Arzneimittelforschung rein kommerziell ausgerichtet sei.

„Gesundheit ist ein öffentliches Gut und Menschenrecht, das sich schlecht mit Kommerzialisierung verträgt“, erklärte dazu medico-Geschäftsführer Gebauer. Forschung dürfe nicht der Förderung von Partikularinteressen dienen. Auch die Universitäten könnten ihre Forschung stärker auf den Bedarf ausrichten, „statt der Industrie hinterherzulaufen“. Doch bei aller Kritik gab es auch Zeichen der Gesprächsbereitschaft. Der Präsident des World Health Summit, Prof. Dr. med. Detlef Ganten von der Charité, lud die Teilnehmer des Alternativkongresses ein, sich am 2. Weltgesundheitsgipfel im Oktober 2010 zu beteiligen. Bei einem kurzen Auftritt vor dem Gegengipfel räumte er ein: „Die Konferenz ist nicht perfekt.“ Sie sei nicht bunt, nicht global genug. Aber: „Lassen Sie uns gemeinsam den besten Weg suchen.“ Ob das gelingt, ist noch fraglich. Denn die Kritiker störte neben dem ihrer Ansicht nach relativ einseitigen Kongressprogramm vor allem die gut sichtbare Präsenz der Pharmaindustrie. Oliver Moldenhauer von Ärzte ohne Grenzen brachte es auf den Punkt: „Wir nehmen kein Geld von der Pharmaindustrie, obwohl wir es gut gebrauchen könnten. Muss die Pharmaindustrie den World Health Summit mitfinanzieren?“
Heike Korzilius
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