POLITIK

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Gesundheitssysteme: Risiko und Chance zugleich

Dtsch Arztebl 2009; 106(43): A-2134 / B-1830 / C-1789

Spielberg, Petra

Die Wirtschaftskrise bedroht den Zugang zur medizinischen Versorgung. Experten warnen vor radikalen Einschnitten bei den Gesundheits- und Sozialbudgets.

Die weltweite Wirtschaftskrise stellt die europäischen Gesundheitssysteme vor große Her-ausforderungen. Zwar sind die Auswirkungen im Einzelnen noch nicht absehbar. Auch fehlt es an verlässlichen und vergleichbaren Gesundheitsdaten, auf denen ein europäisches gesundheitspolitisches Krisenmanagement aufbauen könnte. Beim Europäischen Gesundheitsforum (EGF) in Bad Hofgastein wurde dennoch deutlich, dass die medizinische Betreuung der Menschen in Europa durch den weltweiten wirtschaftlichen Abschwung gleich mehrfach bedroht ist. Gesundheitssysteme mit einer relativ soliden Finanzierungsgrundlage, wie das deutsche, haben nach Meinung der Experten die besten Chancen, die Krise ohne allzu große Einschnitte zu meistern, vorausgesetzt, die Politik stellt die richtigen Weichen.

Klar ist: Die nachlassende Wirtschaftsleistung der Länder und steigende Arbeitslosenzahlen stellen die größte Gefahr für die Funktionsfähigkeit der Gesundheitssysteme dar. Die Europäische Kommission rechnet für 2009 mit einem Verlust von 3,5 Millionen Arbeitsplätzen in Europa. Sinkende Einnahmen der Krankenkassen sind dabei nur eine der möglichen Folgen. Die in Bad Hofgastein vertretenen Experten aus Gesundheitspolitik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin und Verwaltung warnten davor, dass die Krise auch zu einem Anstieg an Infektionskrankheiten führen könne und sozial Schwache besonders hart treffen werde.

Von früheren Krisen wisse man zudem, dass signifikante Wirtschaftsabschwünge zu einer erhöhten Suizidrate und einem Anstieg an Herzinfarkten führen könnten, berichtete David Struckler von der Universität Oxford. Dabei sei lediglich schätzungsweise ein Prozent der Summe, die für die Rettung des Finanzsystems zur Verfügung stehe – investiert in Gesundheits- und Sozialmaßnahmen –, erforderlich, um erhöhte Sterblichkeitsraten zu verhindern.

Wie hart die Krise vor allem wirtschaftlich schwache Länder trifft, belegen Umfragen des Europäischen Patientenforums. So ist beispielsweise in Lettland die Suizidrate in den vergangenen Monaten um 15 Prozent gestiegen. Die Anzahl der psychischen Erkrankungen hat um das 1,5-fache zugenommen. 21 Prozent der Befragten gaben außerdem an, auf einen Arztbesuch verzichtet zu haben. In Rumänien wurden die Mittel für nationale Multiple-Sklerose-Programme 2009 um sechs Millionen Euro gekürzt. Ziel müsse es sein, eine rasche Erholung der Wirtschaft durch gezielte Arbeitsmarktprogramme herbeizuführen und verstärkt in gesundheitliche Prävention zu investieren, so eine der Botschaften des Kongresses. Prävention dürfe aber nicht auf Gesundheitsprogramme beschränkt bleiben. „Arbeitsmarktmaßnahmen können zum Beispiel im Hinblick auf psychische Erkrankungen weitaus stärkere positive Effekte haben als jedes klassische Gesundheitsprogramm“, betonte Struckler.

Armin Fidler, Chefberater für Gesundheitspolitik bei der Weltbank, forderte darüber hinaus, die für den Gesundheitsbereich vorgesehenen Mittel aus den nationalen Konjunkturprogrammen vornehmlich zur Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung einzusetzen und nicht für langfristige Modernisierungsmaßnahmen. „Die Krise sollte auch als Chance zur Durchsetzung überfälliger Reformen gesehen werden“, sagte der Finanzfachmann. Effizienzreserven sieht Fidler vor allem im stationären Bereich und bei den Arzneimittelausgaben. Eine Priorisierung von Leistungen hält er ebenfalls für sinnvoll. Die Entscheidungen in der Gesundheitspolitik sollten sich dabei weiterhin primär an medizinischen und ethischen Ansprüchen orientieren, mahnte der Präsident des EGF, Günther Leiner.
Petra Spielberg
Gefährdet: An den nationalen Gesundheitssystemen wird der wirtschaftliche Abschwung nicht spurlos vorübergehen.
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Gefährdet: An den nationalen Gesundheitssystemen wird der wirtschaftliche Abschwung nicht spurlos vorübergehen.
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Gefährdet: An den nationalen Gesundheitssystemen wird der wirtschaftliche Abschwung nicht spurlos vorübergehen.

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