Epidemiologische Untersuchungen und prospektive Kohortenstudien belegen eindrücklich, dass regelmäßiges Training beziehungsweise körperliche Aktivität enorme Bedeutung für Prävention und Therapie ganz unterschiedlicher Krankheitsentitäten besitzt. Trotz mittlerweile „erdrückender Beweislast“ erstaunt, dass das „Wundermittel Bewegung“ immer noch viel zu selten in Kliniken, Altenheimen und anderen Einrichtungen professionell eingesetzt wird. Dabei wäre die potenzielle Wirkung kaum noch zu überbieten: Stundenlanges Sitzen am Arbeitsplatz, im Auto und in der Freizeit, vor PC und Fernseher gehört zum Alltag vieler Millionen Menschen. Die meisten Erwachsenen bewegen sich mittlerweile weniger als 30 Minuten/Tag auf eigenen Beinen (1). Insbesondere für viele junge Leute ist heute kaum noch vorstellbar, dass das Leben der Menschen seit Jahrtausenden durch tägliche, stundenlange Bewegung geprägt war.
Vor diesem Hintergrund ist sehr zu begrüßen, dass das Deutsche Ärzteblatt das Thema „Körperliche Aktivität in Prävention und Therapie“ in einer Schwerpunktausgabe aufgreift. Ohne Zweifel gibt es mit Blick auf Schlaganfallrisiko (2) und Tumorrisiko (3) zahlreiche Einflussfaktoren. Dazu zählen unter anderem Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum und genetische Disposition. Zudem ist die Bewegungs-/Sporttherapie im Krankheitsfall keineswegs alleinige Therapiemaßnahme und nicht immer möglich. Dennoch kann die Bedeutung körperlicher Aktivität zur Vermeidung und Therapie von Krankheiten nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Muskeln – mehr als Kontraktionsmaschinen
In der Vergangenheit wurde die Bedeutung eines Muskels häufig auf konktraktile Elemente, α-Motoneurone, Muskelspindeln und Golgi-Sehnenorgane reduziert. Die Faserzusammensetzung von Muskelnerven zeigt, dass dieser weitaus mehr als eine „Kontraktionsmaschine“ ist. Lediglich ein Sechstel aller Nervenfasern eines Muskelnervs üben motorische Aufgaben aus. Der überwiegende Anteil besteht mit mehr 40 % aus sensorischen Nervenfasern (4). Man kann den Muskel folglich auch als größten Sensor im Organismus bezeichnen, der durch seine komplexe Vernetzung im Zentralen Nervensystem (ZNS) alle wichtigen Organ-/Regelsysteme beeinflusst. Über hormonelle und vegetative Umstellungen, die durch muskuläre Arbeit ausgelöst werden, lassen sich beispielsweise viele der bemerkenswerten Effekte auf Psyche und Immunsystem erklären.

Der gleichfalls hohe Anteil vasomotorischer Nervenfasern (~ 40 %) dokumentiert, dass auch die Einstellung und Regulation der Muskeldurchblutung große Bedeutung im Herz-Kreislauf-System besitzt. Mit Blick auf die periphere Durchblutungseinstellung sind die „Sofort-Effekte“, die der Muskel bereits mit einer einzigen Kontraktion auslösen kann, geradezu faszinierend: Unmittelbar nach einer Fußplantarflexion gegen geringen Widerstand kommt es beispielsweise zu einem steilen Anstieg der Beindurchblutung; erst nach etwa 15 bis 20 Sekunden wird der Ruhewert wieder erreicht (5). Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) könnten daher von einer intervallartig aufgebauten Bewegungstherapie – mit kurzen Arbeitsphasen und geringen Belastungsintensitäten – und der resultierenden Durchblutungssteigerung profitieren. Der Muskel kann wahrscheinlich im Sinne eines „peripheren Feed-Forward-Mechanismus“ über mechanische Beeinflussung von Gefäßendothel, Gefäßmuskulatur und rheologische Veränderungen die lokale Durchblutung sofort steigern (6).

Neben derartigen lokalen Effekten werden durch Training und Sport bekanntlich auch vaskuläre Risikofaktoren günstig beeinflusst. In der Metaanalyse von Reimers et al. (2) wird das enorme präventive Potenzial von körperlicher Aktivität beim Insult besonders deutlich: Diese senkt das Risiko für zerebrovaskuläre Ereignisse um bis zu 40 %. Hierzu sind keineswegs intensive und umfangreiche Belastungen erforderlich; offensichtlich ist kardiovaskuläres Training mit mäßig intensiver Aktivität – zum Beispiel rasches Gehen oder Radfahren – ausreichend. Hinzu kommt, dass die große Wirksamkeit von körperlichem Training auch im höheren Lebensalter vorhanden und bereits nach relativ kurzer Zeit festzustellen ist. In einer kürzlich erschienenden Längsschnittuntersuchung (7) mit über 50-jährigen Männern hatten sportlich aktive Senioren eine um 3,8 Jahre höhere Lebenserwartung. Aber auch Untrainierte, die erst nach ihrem 50. Lebensjahr mit Sport begonnen hatten, konnten ihr Mortalitätsrisiko im Vergleich zu gleichaltrigen Nichtsportlern innerhalb eines 10-Jahres-Zeitraumes halbieren.

Regelmäßiges Training scheint zudem das Risiko, an einem Tumor zu erkranken, deutlich zu vermindern. Mittlerweile gilt es als gesichert, dass trotz der multifaktoriellen Zusammenhänge bei der Tumorentstehung körperliche Inaktivität zu den wichtigsten Risikofaktoren zählt. Im Beitrag von Halle et al. (3) wird die in Deutschland häufigste Neoplasie, das kolorektale Karzinom, von der primären bis zur tertiären Prävention unmittelbar mit „körperlicher Aktivität“ verknüpft. Deren Wirkung auf Tumorentstehung/-progression ist unmittelbar und führt auch beim Kolonkarzinom zu einer relativen Risikoreduktion um bis zu 40 % bei einer Inzidenz in den westlichen Industrienationen von 20 bis 60 Diagnosen pro 100 000. Biologisch plausible Erklärungsmodelle deuten dabei auf das hormonelle Steuerungssystem als Wirkungsvermittler hin (8). Statt primär präventiv werden Ärzte aber zumeist kurativ gefordert, wobei die Lebensqualität von Tumorerkrankten wesentliche Richtschnur für die Betreuung darstellt. Auch hier sind die Fakten beeindruckend: Körperliches Training reduziert unter anderem Erschöpfung/Fatigue (9), erhält und erhöht die körperliche Leistungsfähigkeit (8) und wirkt positiv auf zentrale Organsysteme (10).

Häufig geäußerte Vorbehalte gegenüber Bewegungstherapie bei Tumorpatienten werden durch diverse Publikationen entkräftet: Beispielsweise zeigen Dimeo et al. (11), dass onkologische Therapieeffekte nicht geschmälert werden, Schmitz et al. (12) widerlegen die Annahme erhöhter Lymphödementstehung und die Daten von McTiernan (10) legen nahe, dass ungünstige, bei onkologischen Patienten häufig auftretende Stoffwechselveränderungen vermindert werden können.

Benefit versus Profit?
Regelmäßige körperliche Aktivität gehört zu einer der wirkungsvollsten und kostengünstigen Maßnahmen in Prävention und Therapie von zahlreichen Erkrankungen. Aus diesem Grund ist kritisch zu hinterfragen, warum diese Maßnahme nur vergleichsweise selten genutzt wird. Gibt es möglicherweise keine ausreichenden wirtschaftlichen Interessen/Anreize für eine konsequente und flächendeckende „Bewegungstherapie“? Die in den Medien ständig präsente Bewerbung „gesunder Ernährung“ und diverser Pharmaprodukte zeigt, dass hier offensichtlich besser Geld verdient werden kann.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. Sportwiss. Dieter Leyk
Institut für Physiologie und Anatomie
Deutsche Sporthochschule Köln
50933 Köln
E-Mail: Leyk@dshs-koeln.de

The Preventive and Therapeutic Roles of Regular Physical Activity

Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2009; 106(44): 713–4
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0713

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
World Health Organisation: Physical activity. Genf 2003.
2.
Reimers C, Knapp G, Reimers AK: Exercise as stroke prophylaxis [Bewegung zur Prophylaxe von Schlaganfällen]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(44): 715–21. VOLLTEXT
3.
Halle M, Schoenberg MH: Physical activity in prevention and treatment of colorectal carcinoma [Körperliche Aktivität in der Prävention und Therapie des kolorektalen Karzinoms]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(44): 722–7. VOLLTEXT
4.
Mitchell JH, Schmidt RF: Cardiovascular reflex control by afferent fibers from skeletal muscle receptors. In: Shepherd JT, Abboud FM, Geiger SR (eds): Handbook of Physiology. Set 2: The cardiovascular system. Vol 3: Peripheral circulation and organ blood flow. Behtesda: Am Physiol Soc 1983: 623–58.
5.
Leyk D, Eßfeld D, Baum K, Stegemann J: Early leg blood flow adjustment during dynamic foot plantarflexions in upright and supine body position. Int J Sports Med 1994; 15: 451–6. MEDLINE
6.
Leyk D: Kreislauf und Sport: Einstellung und Kontrolle der peripheren Durchblutung. Köln: SPORT und BUCH Strauß 1999.
7.
Byberg L, Melhus H, Gedeborg R, et al.: Total mortality after changes in leisure time physical activity in 50 year old men: 35 year follow-up of population based cohort. Br J Sports Med 2009; 43: 482–9. MEDLINE
8.
Valenti M Porzio G, Aielli F, Verna L, et al: Physical exercise and quality of life in breast cancer survivors. Int J Med Sci 2008; 5: 24–8. MEDLINE
9.
Schneider CM, Hsieh CC, Sprod LK, Carter SD, Hayward R: Effects of supervised exercise training on cardiopulmonary function and fatigue in breast cancer survivors during and after treatment. Cancer 2007; 110: 918–25. MEDLINE
10.
McTiernan A: Physical activity after cancer: physiologic outcomes. Cancer Invest 2004; 22: 68–81. MEDLINE
11.
Dimeo F, SchwartzS, Fietz T, Wanjura T, Böning D, Thiel E: Effects of endurance training on the physical performance of patients with hematological malignancies during chemotherapy. Support Care Cancer 2003; 11: 623–8. MEDLINE
12.
Schmitz KH, Ahmed RL, Troxel A, et al.: Weight lifting in women with breast-cancer-related lymphedema. N Engl J Med 2009; 361: 664–73. MEDLINE
Deutsche Sporthochschule Köln, Forschungsgruppe Leistungsphysiologie und Public Health, Köln, und Zentrales Institut des Sanitätsdienstes Koblenz, Laborabteilung IV – Wehrmedizinische Ergonomie und Leistungsphysiologie –, Koblenz: Prof. Dr. med. Dr. Sportwiss. Leyk
1. World Health Organisation: Physical activity. Genf 2003.
2. Reimers C, Knapp G, Reimers AK: Exercise as stroke prophylaxis [Bewegung zur Prophylaxe von Schlaganfällen]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(44): 715–21. VOLLTEXT
3. Halle M, Schoenberg MH: Physical activity in prevention and treatment of colorectal carcinoma [Körperliche Aktivität in der Prävention und Therapie des kolorektalen Karzinoms]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(44): 722–7. VOLLTEXT
4. Mitchell JH, Schmidt RF: Cardiovascular reflex control by afferent fibers from skeletal muscle receptors. In: Shepherd JT, Abboud FM, Geiger SR (eds): Handbook of Physiology. Set 2: The cardiovascular system. Vol 3: Peripheral circulation and organ blood flow. Behtesda: Am Physiol Soc 1983: 623–58.
5. Leyk D, Eßfeld D, Baum K, Stegemann J: Early leg blood flow adjustment during dynamic foot plantarflexions in upright and supine body position. Int J Sports Med 1994; 15: 451–6. MEDLINE
6. Leyk D: Kreislauf und Sport: Einstellung und Kontrolle der peripheren Durchblutung. Köln: SPORT und BUCH Strauß 1999.
7. Byberg L, Melhus H, Gedeborg R, et al.: Total mortality after changes in leisure time physical activity in 50 year old men: 35 year follow-up of population based cohort. Br J Sports Med 2009; 43: 482–9. MEDLINE
8. Valenti M Porzio G, Aielli F, Verna L, et al: Physical exercise and quality of life in breast cancer survivors. Int J Med Sci 2008; 5: 24–8. MEDLINE
9. Schneider CM, Hsieh CC, Sprod LK, Carter SD, Hayward R: Effects of supervised exercise training on cardiopulmonary function and fatigue in breast cancer survivors during and after treatment. Cancer 2007; 110: 918–25. MEDLINE
10. McTiernan A: Physical activity after cancer: physiologic outcomes. Cancer Invest 2004; 22: 68–81. MEDLINE
11. Dimeo F, SchwartzS, Fietz T, Wanjura T, Böning D, Thiel E: Effects of endurance training on the physical performance of patients with hematological malignancies during chemotherapy. Support Care Cancer 2003; 11: 623–8. MEDLINE
12. Schmitz KH, Ahmed RL, Troxel A, et al.: Weight lifting in women with breast-cancer-related lymphedema. N Engl J Med 2009; 361: 664–73. MEDLINE

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