POLITIK: Das Interview

Interview mit Peter Lehndorfer, Vorstands­mitglied der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Wir sind enttäuscht“

PP 8, Ausgabe November 2009, Seite 488

Gieseke, Sunna

Peter Lehndorfer: 55 Jahre, Kinder- und Jugend­lichen­psycho­therapeut, Vize­präsident der Bayerischen Psycho­therapeuten­kammer und Vorstand­mitglied der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Foto: BPtK
Peter Lehndorfer engagiert sich für eine 20-Prozent-Mindestquote innerhalb der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – die wurde nun vom Gemeinsamen Bundesausschuss blockiert.

Sie kämpfen seit Jahren für eine Mindestquote bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP). Warum ist Ihnen gerade das so wichtig?
Lehndorfer: Vor zehn Jahren haben wir das Psychotherapeutengesetz bekommen, und schon damals habe ich gesagt, dass der Bedarf an Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nicht gedeckt ist. Es ist in mehreren Studien festgestellt worden, dass etwa 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die psychisch krank sind, keinen Behandlungsplatz finden. Aus diesem Grund setze ich mich schon seit Langem dafür ein, die Bedarfsplanung zu verbessern.

Das Problem der Unterversorgung existiert vor allem in ländlichen Gebieten. Liegt das eventuell daran, dass manche Psychotherapeuten entweder nicht ihren Sitz voll ausfüllen oder sich lieber eine Praxis in der Stadt suchen?
Lehndorfer: Es gibt einen erhöhten Bedarf an Behandlungsplätzen für Kinder und Jugendliche – das ist sicher. Es gibt natürlich Kollegen, die nicht in vollem Umfang ihre Tätigkeit ausüben, aber dafür hat ja der Gesetzgeber die Möglichkeit geschaffen, lediglich einen halben Praxissitz zu beanspruchen. Und ich denke, damit haben wir ein Mittel in der Hand, um hier die Versorgung besser steuern zu können. Dass sich die Kollegen häufiger in den Städten niederlassen als in ländlichen Bereichen, hängt mit den Bedarfs-planungsrichtlinien zusammen. In Kernstädten darf auf 2 577 Einwohner ein Psychotherapeut kommen – in ländlichen Regionen ist das Verhältnis eins zu 23 106.

Müsste man denn nicht gerade psychisch kranken Kindern einen langen Anfahrtsweg ersparen?
Lehndorfer: Richtig, also für Kinder und Jugendliche ist es ja sogar sehr sinnvoll und zum Teil auch notwendig, dass sie alleine zu den Psychotherapeuten kommen können und nicht immer von den Eltern gefahren werden müssen. Diese Abgrenzungsprozesse sind zum Teil wichtig in der Psychotherapie.

Also besteht Einigkeit darin, dass mehr Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten eingesetzt werden?
Lehndorfer: Ja, das hat auch der Deutsche Bundestag erkannt. Da heißt es in der Bundestagsdrucksache, dass die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen eine besondere Anforderung an die Therapeuten stelle und daher nur durch ausgewiesene Spezialisten sichergestellt werden könne. Würden kostengünstige frühzeitige Interventionen versäumt, könne es zu Manifestationen, Chronifizierung von Erkrankungen kommen. Daher ist der Zugang zu frühzeitigen Therapien dringend erforderlich, um persönliches Leid bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen und ihren Familien sowie hohe volkswirtschaftliche Kosten zu vermeiden. Das ist auch gleichzeitig die Begründung für die 20-Prozent-Mindestquote, die zum 1. Januar 2009 in Kraft getreten ist.

Und elf Monate später sind diese neuen Sitze für KJP immer noch nicht geschaffen worden?
Lehndorfer: Ganz genau! Also, wir haben mal grob gerechnet: Im Bundesgebiet müssten etwa 700 zusätzliche Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Psychologische Psychotherapeuten oder ärztliche Psychotherapeuten, die ausschließlich Kinder und Jugendliche behandeln, dann einen Sitz bekommen – und das würde bedeuten, dass etwa 20 000 psychisch kranke Kinder und Jugendliche zusätzlich einen Therapieplatz kriegen könnten.

Haben Sie sich geärgert, als der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) kürzlich den Beschluss gefasst hat, in dem nun definitiv eine Zehn-Prozent-Hürde vorgesehen ist?
Lehndorfer: Geärgert ist schon fast untertrieben. Also ich denke, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, dass Kinder gesund aufwachsen können, dass Risiken erkannt werden und dass sie einen Schutz vor Gefährdung erhalten. Die Aufgabe des G-BA ist es, mit der Bedarfsplanungsrichtlinie Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kinder und Jugendliche, die psychisch krank sind, eine rechtzeitige Hilfe erhalten. Wir wissen heute, dass die meisten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter ihren Ursprung bereits im Kindes- und Jugendalter haben, wie zum Beispiel bei Angsterkrankungen oder auch Depressionen. Und ich denke, dass es einfach nicht verantwortbar ist, dass man einen Beschluss fasst, der dann eine Quote nicht mehr von 20 Prozent vorsieht, sondern nur noch von zehn Prozent. Zudem werden auch Behandler mit in diese Rechnung einbezogen, die in der Realität gar nicht auf 90 Prozent Leistungen mit Kindern und Jugendlichen kommen.

Wie bewerten Sie diesen Beschluss?
Der Beschluss des G-BA vom 18. Juni 2009 ist aus meiner Sicht rechtswidrig. Das BMG hätte ihn im Rahmen seiner Rechtsaufsicht beanstanden müssen. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit einer weiteren Zulassung als Psychologische Psychotherapeuten sollen pauschal mit dem Faktor 0,5 gezählt werden, unabhängig davon, in welchem Umfang sie tatsächlich Kinder und Jugendliche behandeln. Das Gesetz schreibt aber ausdrücklich vor, dass nur Psychotherapeuten auf die Quote anzurechnen sind, die mindestens 90 Prozent ihrer Leistungen für Kinder und Jugendliche erbringen.

Die pauschale Zählung der doppelt Zugelassenen wird allein in Westfalen-Lippe dazu führen, dass etwa 50 Praxissitze weniger ausgeschrieben werden. Ich empfehle meinen Kollegen daher dringend, bei ablehnenden Entscheidungen der Zulassungsanträge Widerspruch einzulegen und zu klagen.

Mit welchen Konsequenzen ist denn durch die Zehn-Prozent-Regelung des G-BA zu rechnen?
Lehndorfer: In Bayern, Brandenburg, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Schleswig-Holstein, Thüringen und Westfalen haben wir bereits jetzt mehr als zehn Prozent Anteil der KJP. Mehr Sitze gäbe es derzeit vermutlich noch in Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein sowie Saarland und Sachsen-Anhalt.

In der jetzigen Regelung ist vorgesehen, dass auf 20 Prozent aufgefüllt wird, sobald in allen Gebieten die Zehn-Prozent-Hürde erreicht wurde. Warum können Sie damit nicht leben?
Lehndorfer: Da muss man sehr genau differenzieren. Das würde nämlich nicht bedeuten, dass dann, wenn Berlin auf zehn Prozent aufgefüllt würde, in Baden-Württemberg noch mal neue Plätze dazukämen. Hierzu muss man die Bedarfsplanungsregelung intern sehen. Also als Beispiel: In der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein ist in den Städten Bonn, Düsseldorf, Krefeld, Leverkusen und Mönchengladbach die Zehn-Prozent-Quote noch nicht erreicht. Um diese auszufüllen, braucht man 17 zusätzliche Psychotherapeuten. Erst wenn diese Sitze besetzt sind, dürfen in den übrigen Regionen in Nordrhein die Plätze aufgefüllt werden.

Also mit anderen Worten: Kinder, die zufällig in der falschen Region leben, könnten unter dem Beschluss leiden?
Lehndorfer: Ja, und das Ziel des G-BA, nämlich dass man dann die ländlichen Gebiete besser versorgen kann, das erreicht man durch diese zusätzliche Hürde auch nicht. Hierzu müsste die Bedarfsplanung grundsätzlich berichtigt werden.

War jetzt der Kampf um die Quote vergebens?
Lehndorfer: Nein, das kann man nicht sagen – aber enttäuscht sind wir schon. Aber immerhin wird es in zwei Jahren eine Überprüfung geben. Dann muss geprüft werden, welche Folgen die Einführung der vorgeschalteten Zehn-Prozent-Quote auf die Versorgung gehabt haben wird. Wir haben durch die Verzögerung in der Umsetzung der Mindestquote bereits ein Jahr verloren. Nach der Entscheidung des G-BA werden wir zwei weitere Jahre auf eine flächendeckende 20-Prozent-Quote warten müssen – und nun kommt eventuell erst in drei Jahren die Regelung in der Form, wie der Bundestag es ursprünglich beschlossen hat.
Das Interview führte Sunna Gieseke.


Fakten
Das Gesetz zur 20-Prozent-Mindestquote innerhalb der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sollte die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen sicherstellen. In jedem Planungsbereich soll ein bestimmter Anteil der Zulassungsmöglichkeiten denjenigen psychotherapeutisch tätigen Ärzten sowie Psychotherapeuten vorbehalten bleiben, die ausschließlich Kinder und Jugendliche betreuen. Der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses sieht nun aber eine Hürde von zehn Prozent vor. Erst wenn diese in den Planungsbezirken erreicht ist, darf auf 20 Prozent aufgestockt werden.
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