THEMEN DER ZEIT

Symposium der Bundesärztekammer: „Alte Menschen wertschätzen“

Dtsch Arztebl 2009; 106(46): A-2305 / B-1975 / C-1927

Osterloh, Falk

Foto: Visum
Die Anzeichen psychi­scher Er­krankun­gen gehen im hek­tischen Arbeits­alltag häufig unter. Doch vor allem bei alten Menschen werden De­menzen und De­pressionen zu einem drängenden Problem.

Beinahe jeder dritte ältere Mensch in Deutschland leidet an einer psychi­schen Störung. Durch den hohen Arbeits­druck in Kranken­haus und Praxis fehlt jedoch häufig die Zeit für eine eingehende Untersuchung der Patienten. „Wir brauchen eine neue Versorgungskultur für alte Menschen“, forderte deshalb Dr. med. Cornelia Goesmann, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK), auf dem Symposium „Versorgung psychisch kranker alter Menschen“. Um psychische Störungen von alten Menschen frühzeitig diagnostizieren und erfolgreich therapieren zu können, müssten Ärzte, Pflegekräfte und Sozialarbeiter engmaschig zusammenarbeiten. Wichtig sei zudem ein gesamtgesellschaftliches Umdenken. „Alte Menschen müssen von uns allen wieder mehr wertgeschätzt werden“, appellierte Goesmann.

Wie drängend das Problem ist, zeigt die zunehmende Verbreitung von Demenz. Während heute knapp 1,2 Millionen Deutsche betroffen sind, werden es infolge des demografischen Wandels bis 2050 voraussichtlich mehr als 2,6 Millionen sein. Schon heute leidet die Hälfte aller Pflegeheimbewohner an einer Demenz. „Je früher die Krankheit erkannt wird, umso wirkungsvoller ist die Behandlung und umso höher die Motivation der Betroffenen zu einem gesünderen Lebensstil“, erklärte Prof. Dr. med. Gabriele Stoppe von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Auf eine frühe Form von Demenz weisen beispielsweise ein verzögertes Erinnerungsvermögen, eine eingeschränkte Wortflüssigkeit oder Benennungsschwierigkeiten hin. In der Praxis haben sich die schnell durchführbaren Checks wie der Uhrentest und der Mini-Mental-Status-Test als wirkungsvoll erwiesen. „Viele Patienten wollen jedoch gar keine Früherkennung, weil sie eine Stigmatisierung fürchten“, sagte Stoppe.

Hohe Suizidrate
Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie an der Universität Leipzig, betonte, wie gefährlich eine Depression im Alter sein kann: „Eine nicht erkannte Depression bei älteren Menschen führt häufig zu sozialem Rückzug, ungenügender Flüssigkeitsaufnahme oder Suizid.“ In Deutschland sei jede zweite Frau, die sich selbst tötet, älter als 60 Jahre, bei den Männern liege der Anteil bei 40 Prozent. Hegerl forderte, dass eine Therapie der Depression nicht allein mit Medikamenten durchgeführt werden dürfe: „Ebenso wichtig sind Gespräche in der ambulanten Behandlung. Die müssen dann aber angemessen honoriert werden.“

Eine psychotherapeutische Behandlung depressiver alter Menschen finde in der Praxis nicht statt, obwohl sie häufig indiziert sei und auch wirke, kritisierte Prof. Dr. med. Michael Linden, Leitender Arzt des Rehabilitationszentrums Seehof der Deutschen Rentenversicherung Bund. „Wir bewerten Depressionen bei jungen und alten Menschen unterschiedlich“, sagte er. „Wenn ein 37-Jähriger suizidale Tendenzen hat, wird er in jedem Fall behandelt, bei einem 97-Jährigen ist das nicht unbedingt der Fall. Doch wer sich umbringen will, ist krank. Und zwar in jedem Alter.“ Linden wies darauf hin, dass das subjektive Wohlbefinden psychisch gesunder alter Menschen im Vergleich zu jungen Menschen nicht abnehme und forderte eine gezielte Weiterbildung mit Hinblick auf psychische Probleme im Alter.

Modellprojekt in Münster
Im klinischen Alltag sei es oft schwierig, bei einem alten Menschen zwischen Einweisung und OP-Termin einen Delir zu erkennen. Dabei gehöre gerade der chirurgische Eingriff zu den größten Risikofaktoren, einen Delir auszulösen oder zu verstärken, erklärte Dr. med. Simone Gurlit, Anästhesistin am St. Franziskus-Hospital in Münster. Ein nicht behandelter Delir erhöhe sowohl die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken als auch in ein Pflegeheim eingewiesen zu werden. In einem Modellprojekt wurden in Münster zwei speziell geschulte Betreuerinnen eingestellt, die die alten Menschen während ihres gesamten Klinikaufenthaltes betreuen. „Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir konnten die Prävalenz eines Delirs signifikant senken, auf eine sedierende Begleitmedikation verzichten und hatten zudem eine hohe Patientenzufriedenheit.“
Falk Osterloh
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