POLITIK: Kommentar

Patientenverfügungen: Werte, Wünsche und Ängste

Dtsch Arztebl 2009; 106(47): A-2358 / B-2026 / C-1970

Sass, Hans-Martin

Durch das im Juni vom Bundestag beschlossene Gesetz zur Patientenverfügung wird der schriftlich geäußerte Wille des nicht mehr einwilligungsfähigen Patienten zu Behandlungswünschen nunmehr auch gesetzlich zur Richtlinie für Ärzte und Betreuer. Es wäre jedoch falsch und gefährlich, wenn in einer Patientenverfügung der medizinische Laie dem medizinischen Fachmann vorschreiben würde, wie in einer bestimmten Situation fachlich gehandelt werden soll. Aber der medizinische Laie hat das Recht – wohl auch die moralische Pflicht –, sich dem Fachmann als Mensch mit dem eigenen Wert-Wunsch-Angst-Erwartungs-Profil so vorzustellen, dass die Wertanamnese in eine individuell differenzierte Anamnese, Prognose und Therapie einfließen kann.

Gute medizinische Versorgung setzt gute Diagnostik und Anamnese voraus. Gute individualisierte Behandlung setzt die Integration des Werte-Wunsch-Angst-Profils in die medizinische Diagnose, Prognose und Therapie voraus. Keine Behandlung ohne medizinische Anamnese; keine individualisierte Behandlung ohne Wertanamnese. Die medizinische Wertanamnese bezieht sich auf diejenigen Werte, Wünsche und Ängste, die bei Krankheit, Leiden und der Erhaltung von Gesundheit eine Rolle spielen und die im ärztlichen Gespräch ermittelt werden können, wenn sie nicht schon vom Patienten vorgebracht werden. Vorsorgliche und vom Arzt beratene Verfügungen sind das Instrument der Wahl zu einer patientenorientierten individualisierten Behandlung und Betreuung auch in den dunklen Tagen der Unfähigkeit zur aktuellen Entscheidung und in der Nähe des Todes. Leider haben die gebräuchlichen Anamnesebögen und Formblätter für die Patientenakte keinen oder nur wenig Platz für wertanamnestische Informationen und Dokumentationen; deshalb sind vorsorgliche Gespräche zwischen Ärzten und ihren Patienten über solche Situationen unerlässlich.

Die Erwartungen an das Leben und die Lebensqualität sind unterschiedlich, ebenso die Wünsche bezüglich medizinischer Versorgung und Betreuung. Eindrucksvoll ist eine wertanamnestische Studie von Hillier et al., in der Ärzte gefragt wurden, ob sie für sich selbst im angenommenen Alter von 40, 60 oder 80 Jahren eine Reanimation wünschen würden. Bei Gelenkrheuma lagen die bejahenden Antworten bei 80 Prozent, 50 Prozent, 15 Prozent; bei Aids, Leberzirrhose, Pflegebedürftigkeit bei 30 Prozent, 15 Prozent, sechs Prozent; bei Darmkrebs bei 25 Prozent, acht Prozent, ein Prozent; beim Morbus Alzheimer bei zwölf Prozent, ein Prozent, null Prozent.

In einer früheren Studie, in der 1 000 Bürgerinnen und Bürger danach befragt wurden, wer ihnen bei der Abfassung einer Patientenverfügung helfen solle oder geholfen habe, betrug die Rücklaufquote 37 Prozent. Als optimale Berater bei der Abfassung einer Patientenverfügung plädierten 62 Prozent für einen Arzt, 49 Prozent für Familienangehörige, 18 Prozent für einen Anwalt, 13 Prozent für Freunde oder Lebenspartner; Mehrfachnennungen waren möglich. Leider waren allerdings nur vier Prozent der Antwortenden durch einen Arzt auf die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer Vorsorgeverfügung hingewiesen worden. Anlass zu der Beschäftigung mit dem Thema waren bei 43 Prozent Erlebnisse bei Tod oder Sterben in der Familie oder bei Freunden, bei 43 Prozent Berichte in den Medien, bei 16 Prozent eine eigene Erkrankung; Mehrfachnennungen waren möglich.

Wichtig ist die Beratung durch den Arzt vor der Abfassung oder Überprüfung einer Patientenverfügung; nur so wird es möglich sein, verwertbare wertanamnestische Informationen zum tatsächlichen oder mutmaßlichen Patientenwillen zu erhalten. Das Zentrum für medizinische Ethik der Universität Bochum hat für die Selbstanamnese von Patienten wie auch für die Vorbereitung auf ein Beratungsgespräch mit einem Arzt des Vertrauens gute Erfahrungen mit Checklisten zu Erwartungen und mit laienverständlichen Narrationen von Krankengeschichten gemacht. Diese und andere Listen können Patienten helfen, sich auf ein Gespräch mit einem Arzt des Vertrauens vorzubereiten. Sie ersetzen nicht die Beratung durch den Arzt und sind auch kein Ersatz für eine Vorsorgeverfügung. Insofern wird auch die Möglichkeit zugelassen, sich zur aktiven Euthanasie im Vorfeld eines ärztlichen Gesprächs zu äußern, in dem dann auch ausführlich über palliative Möglichkeiten gesprochen und Befürchtungen zerstreut werden können. Nach der gesetzlichen Klärung der Verbindlichkeit von Patientenverfügungen dürften Ärzte und Institutionen vermehrt vergleichbares wertanamnestisches Vorbereitungsmaterial und Formulare entwickeln und anbieten. Krankenhäuser im Ruhrgebiet haben bereits in der einen oder anderen Form die vom Bochumer Zentrum für medizinische Ethik entworfene und vielfältig geprüfte Kombination übernommen und bieten entsprechende Musterformulare an. Es wäre wichtig, auch in der Frage der Honorierung Klarheit in schaffen und die ärztliche Beratung bei Erstellung und Überprüfung von Patientenverfügungen vermehrt zum Gegenstand von Fortbildungsveranstaltungen zu machen.

@Die Formulare im Internet: www.aerzteblatt.de/092358
Literatur im Internet: www.aerzteblatt.de/lit4709
Anzeige
1.
Baberg HT, Kielstein R, de Zeeuw J, Sass HM: Behandlungsgebot und Behandlungsbegrenzung I: Einflussfaktoren klinischer Entscheidungsprozesse. Deutsch Med Wochenschr 2002:1633–1637; Behandlungsgebot und Behandlungsbegrenzung II: Einfluss des Patientenwillens und Prioritäten in der palliativen Versorgung. Deutsch Med Wochenschr 2002:1690–1694 MEDLINE
2.
Bundesärztekammer: Ärztliche Sterbebegleitung. Grundsätze der Bundesärztekammer. Dtsch Arztebl 1998; 96(39): A 2366–7
3.
Hillier TA, Patterson JR, Hodges MO, Rosenberg MR: Physicians as patients. Choices regarding their resuscitation. Arch Intern Med 1995; 155:1289–1293 MEDLINE
4.
Jox RJ, Krebs M, Bickhardt J, Hessdoerfer K, Roller S, Borasio GD: Verbindlichkeit der Patientenverfügung im Urteil ihrer Verfasser. Ethik Med 2009; 21: 21–31
5.
Kielstein R, Sass HM: Die persönliche Patientenverfügung. Ein Arbeitsbuch zur Vorbereitung mit Bausteinen und Modellen, Münster: Lit 2007, 5. Aufl
6.
May AT, Brandenburg B: Akzeptanz von Instrumenten der Vorsorge in: Sass HM, May AT, Behandlungsgebot oder Behandlungsverzicht, Münster; Lit, 2004, 213–237
Prof. Dr. phil. Hans-Martin Sass, Zentrum für medizinische Ethik, Uni Bochum
1. Baberg HT, Kielstein R, de Zeeuw J, Sass HM: Behandlungsgebot und Behandlungsbegrenzung I: Einflussfaktoren klinischer Entscheidungsprozesse. Deutsch Med Wochenschr 2002:1633–1637; Behandlungsgebot und Behandlungsbegrenzung II: Einfluss des Patientenwillens und Prioritäten in der palliativen Versorgung. Deutsch Med Wochenschr 2002:1690–1694 MEDLINE
2. Bundesärztekammer: Ärztliche Sterbebegleitung. Grundsätze der Bundesärztekammer. Dtsch Arztebl 1998; 96(39): A 2366–7
3. Hillier TA, Patterson JR, Hodges MO, Rosenberg MR: Physicians as patients. Choices regarding their resuscitation. Arch Intern Med 1995; 155:1289–1293 MEDLINE
4. Jox RJ, Krebs M, Bickhardt J, Hessdoerfer K, Roller S, Borasio GD: Verbindlichkeit der Patientenverfügung im Urteil ihrer Verfasser. Ethik Med 2009; 21: 21–31
5. Kielstein R, Sass HM: Die persönliche Patientenverfügung. Ein Arbeitsbuch zur Vorbereitung mit Bausteinen und Modellen, Münster: Lit 2007, 5. Aufl
6. May AT, Brandenburg B: Akzeptanz von Instrumenten der Vorsorge in: Sass HM, May AT, Behandlungsgebot oder Behandlungsverzicht, Münster; Lit, 2004, 213–237

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige