POLITIK

Arbeitskreis medizinischer Ethikkommissionen: „Kein Sonderstatus für Sterbende“

Dtsch Arztebl 2009; 106(49): A-2449 / B-2105 / C-2045

Klinkhammer, Gisela

Forschung an Organtransplantationen – ein nicht unumstrittenes Thema, über das Ärzte und Juristen diskutierten.
Foto: Barbara Krobath
Darf man Patienten bereits vor der Feststellung des Hirntodes organpräventive Medikamente verabreichen? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigte sich die Jahrestagung des Arbeitskreises in Berlin.

Trotz guter Ergebnisse in der Transplantationsmedizin gibt es immer noch viele offene Fragen. Diese Ansicht vertrat jedenfalls Prof. Dr. med. Hans Jürgen Schlitt, Regensburg, auf der 27. Jahresversammlung des Arbeitskreises medizinischer Ethikkommissionen Ende November.

Transplantierte mit Leberkarzinomen
Schlitt hält beispielsweise Forschung zum Thema Tumorrezidive bei Lebertransplantationen für dringend erforderlich. Doch dabei könne es gerade in internationalen Studien zu Problemen bei der Bewertung durch die verschiedenen Ethikkommissionen kommen. Schlitt berichtete beispielsweise über eine multizentrische Studie, an der zehn Staaten der Europäischen Union sowie Australien, Kanada und Norwegen mit 40 Transplantationszentren beteiligt waren. In dieser Studie wird das Überleben und die Antitumortherapie von Transplantierten mit Leberkarzinomen nach der Gabe von Sirolimus getestet. Nach der Richtlinie 2001/20/EG vom 4. April muss bei multizentrischen Studien als Bedingung eine zustimmende Bewertung der zuständigen Ethikkommission vorliegen. In der Auswertung der Studie wurde dann aber festgestellt, dass diese Forderung in der Europäischen Union noch keineswegs umgesetzt sei. Vielmehr gebe es bisher eine große Bandbreite an unterschiedlicher ethischer Bewertung (BMJ 2009; 338; b 1893).

Eine Frage, die Prof. Dr. jur. Thomas Gutmann, Münster, für ein „ethisches Minenfeld“ hält, ist, wann man damit beginnen darf, Vorkehrungen für eine mögliche Organentnahme zu treffen. „Muss die Hirntoddiagnostik, die in Deutschland zwingend vorgeschrieben ist, bereits abgeschlossen sein?“, fragte er. Bei vielen potenziellen Spendern bestehe häufig schon vor dem Zeitpunkt des Abschlusses der Hirntoddiagnostik die Möglichkeit, durch kaum belastende Eingriffe wie die Gabe von stoffwechselstabilisierenden Medikamenten oder Antioxidanzien eine frühe Schädigung der Organe zu verhindern. Das könne ethisch und rechtlich nicht vertretbar sein.

Forschung auf diesem Gebiet falle jedoch unter den Begriff der klinischen Prüfung nach dem Arzneimittelgesetz (AMG) – auch wenn sich der Spender bereits im Sterbeprozess befinde. „Es gibt im AMG keinen Sonderstatus für Sterbende.“ Auch die Regeln für den Umgang mit nicht einwilligungsfähigen Patienten könnten jedoch nicht greifen, weil das Arzneimittelgesetz bei Nichteinwilligungsfähigen verlange, dass die medizinische Forschung im Interesse der Patienten liege, was bei Organspendern nicht der Fall sei. Gutmanns Fazit: „Das AMG verhindert medizinische Forschung am sterbenden Organspender, weil diese nicht genehmigungsfähig ist.“

Plädoyer für eine Widerspruchslösung
Der Medizinrechtler vertritt die Ansicht, dass der Organspender, der explizit oder mutmaßlich in die Entnahme eingewilligt habe, grundsätzlich – in Grenzen – auch in organpräventive Maßnahmen eingewilligt habe. „Ich würde im Bereich der Organentnahme beim toten Spender selbst bestimmte Formen der klinischen Forschung ebenfalls vom mutmaßlichen Willen des Organspenders umfasst sehen.“ Diese Ansicht blieb allerdings nicht unwidersprochen. „Glauben Sie nicht, dass der Sterbende das Recht hat, in Ruhe zu sterben?“, fragte einer der Diskussionsteilnehmer. Dazu Gutmann: „Der Sterbende hat das Recht, in Ruhe zu sterben. Aber es gibt Menschen, die dieses Recht, in Ruhe zu sterben und nach ihrem Tod liegengelassen zu werden, gegen ein anderes, für sie höherrangiges Interesse eingetauscht haben, das Interesse nämlich, im Sterben jemandem zu helfen.“ Er plädiert zudem für eine Widerspruchslösung, verbunden „mit einer schonungslosen Aufklärung“.
Gisela Klinkhammer
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