THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. rer. biol. hum. Elmar Brähler, Leiter der Medizinischen Psychologie an der Universität Leipzig: Von Einheitslust und Einheitsfrust

Dtsch Arztebl 2009; 106(49): A-2460 / B-2112 / C-2052

Richter-Kuhlmann, Eva A.

Für das vollständige Zusammenwachsen von Deutschland veranschlagen die Deutschen durchschnittlich 20 weitere Jahre. Professor Brähler, Prodekan der Universität Leipzig, analysiert, warum.

Wir begehen nächstes Jahr den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit. Herr Professor Brähler, Sie haben beinahe 20 Jahre auf diesem Gebiet geforscht. Hat denn die deutsch-deutsche Integration funktioniert?

Brähler: Sie hat natürlich in vielen Bereichen funktioniert. Wenn Sie heute auf die Straße gehen, werden Sie an der Kleidung oder im Straßenverkehr keinen Unterschied zwischen Ost und West mehr feststellen können. Das ist vorbei. Aber es gibt noch sehr viele Bereiche, bei denen Unterschiede spürbar sind.

Besonderer Hang zum Osten: Bereits vor der Wende besuchte der gebürtige Hesse Brähler (63) die Universität Leipzig. Fotos: Anja Jungnickel
Welche sind das?

Brähler: Wenn Sie sich den Armutsbericht der Bundesregierung ansehen, können Sie die Gestalt der alten DDR erkennen. Auch die Zahl der Arbeitslosen ist in Ostdeutschland wesentlich höher, und es gibt noch viele wirtschaftliche Faktoren, die sich noch nicht angeglichen haben. Die Rolle der Frau ist ebenfalls ein Punkt, der Ost und West noch immer deutlich spaltet. Dass die Frau längerfristig zu Hause bleiben und die Kinder versorgen soll, lehnen die Ostdeutschen eindeutig ab. Und nicht zuletzt ist die Nichtreligiosität im Osten nach wie vor weitverbreitet: 80 Prozent der Menschen gehören keiner Kirche an – das wird wohl der nachhaltigste Unterschied sein.

Macht sich die Nichtreligiosität im Osten auch in unterschiedlichen Einstellungen zu medizinethischen Fragen innerhalb der Ärzteschaft bemerkbar?

Brähler: Nein, da sehe ich keine Unterschiede. Es mag sein, dass der Abbruch ungewollter Schwangerschaften von ostdeutschen Ärztinnen und Ärzten liberaler gesehen wird, aber deshalb handeln sie nicht unethischer. Nichtreligiosität ist nicht mit einem Defizit an Ethik gleichzusetzen.

Ihren jüngsten Untersuchungen zufolge ist die Lebenszufriedenheit der Ostdeutschen im Vergleich zu den Westdeutschen auch nach den 20 Jahren noch etwas reduziert . . .

Brähler: Ja, sie ist reduziert im Freizeitbereich, beim Einkommen, im Beruf und beim Gesundheitszustand. Da sind die Ostdeutschen überall unzufriedener. Obwohl sich ihre Lebenserwartung deutlich erhöht hat: Sie liegt in Sachsen schon über dem Bundesdurchschnitt. Verblüffend waren für mich übrigens die hohe Zufriedenheit und das Vertrauen ins Gesundheitswesen, das im Osten existiert.

Jetzt? Oder zu DDR-Zeiten?

Brähler: Nein, jetzt. Obwohl die Ostdeutschen in anderen Bereichen, wie Justiz oder Bundestag unzufriedener sind, ist ihr Vertrauen ins Gesundheitssystem höher als bei den Westdeutschen.

Wie ist das zu erklären?

Brähler: Genau lässt sich das nicht sagen. Aber möglicherweise spielt da der in der DDR sehr ausgeprägte Stolz auf die Wissenschaft eine Rolle. Die Medizin und die Wissenschaft waren zwar kein Kirchenersatz, doch der Glaube an wissenschaftliche Erkenntnisse und der Stolz auf wissenschaftliche Errungenschaften waren in der DDR-Bevölkerung besonders weitverbreitet.

Existiert in Ost und West demzufolge auch ein anderes Arzt-Patienten-Verhältnis?

Brähler: Ostdeutsche Patienten haben in der Tat noch mehr Vertrauen zu ihrem Arzt. Westdeutsche sind dagegen antiautoritärer und stellen häufiger auch Aussagen des Arztes infrage.

„Künftig werden zunehmend spezifische regionale Unterschiede die noch bestehenden Differenzen zwischen Ost und West überdecken.“ Elmar Brähler
Wie sieht es mit den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Ost und West aus? Vor zehn Jahren haben Sie einen „Prozess des Auseinanderdriftens“ der Ost- und Westdeutschen beschrieben. Ist dieser Prozess noch im Gange?

Brähler: Vor ungefähr zehn Jahren, so Ende der 90er-Jahre, gab es massive Zuschreibungen allen Übels auf den jeweils anderen. Die Ostdeutschen haben die Westdeutschen nicht besonders positiv beschrieben. Das hat sich jedoch eingeebnet.

Sind sich die „Ossis“ und die „Wessis“ jetzt sympathisch?

Brähler: So weit würde ich nicht gehen. Aber es ist unaufgeregter geworden.

Was halten denn die Ost- und Westdeutschen jetzt gegenseitig voneinander?

Brähler: Die Westdeutschen hielten die Ostdeutschen ja für nicht so arbeitsfähig. Sie haben sie mit der wirtschaftlichen Krise der DDR persönlich in Verbindung gebracht, als hätten sie zu wenig gearbeitet oder was auch immer. Und die Ostdeutschen haben die Westdeutschen eher als Angeber erlebt, die sich besser darstellen, als sie in Wirklichkeit sind, obwohl sie eigentlich auch nur mit Wasser kochen.

Fühlen sich denn die Ostdeutschen inzwischen in Gesamtdeutschland zu Hause?

Brähler: Sie fühlen sich immer noch als Ostdeutsche. Aber diejenigen, die vom Osten in den Westen gegangen sind, würden auch nicht mehr zurückkehren. Sie sind ja hauptsächlich wegen des Arbeitsplatzes in den Westen – oder besser gesagt – in den Süden gegangen, nämlich hauptsächlich nach Baden-Württemberg und Bayern. Damit waren sie in einer anderen Situation als die Westdeutschen, die in den Osten gegangen sind.

Wie geht es denen?

Brähler: Die sind ja meistens in Führungspositionen eingerückt. Da ist die Luft ein bisschen dünner. Es ist für sie schwerer, Kontakte zu finden. Es ist auch für die Ostdeutschen nach der Wende schmerzlich gewesen, dass so viele Führungskräfte aus dem Westen kamen. Man muss sich mal vorstellen, wie das umgekehrt bei den Westdeutschen gewirkt hätte . . .

Gibt es noch Unterschiede zwischen den jungen Leuten? Beispielsweise durch eine unterschiedliche Kindheit?

Brähler: Nein. Wir haben in unserer Sächsischen Längsschnittstudie keine Auswirkungen der unterschiedlichen Kindheiten gefunden, zum Beispiel Krippenbesuch versus ausschließlich mütterliche Betreuung.

Herr Professor Brähler, wann, glauben Sie, ist die deutsche Einheit vollzogen?

Brähler: Darf ich zurückfragen? Wann ist die Einheit mit Bayern vollzogen? Es gibt regionale Unterschiede in Deutschland, und die Frage ist eher die, ob die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern ihre norddeutsche Identität finden. Momentan haben wir noch die Situation, dass Sachsen und „Preußen“ so eine merkwürdige ostdeutsche Identität haben. Aber das könnte sich ändern.

Taugt denn die Trennlinie zwischen Ost und West noch? Kann man künftig überhaupt noch weitere Ost-West-Untersuchungen machen?

Brähler: Man muss wohl regional untersuchen. In den östlichen Bundesländern wird ein großer Bevölkerungsrückgang prognostiziert. Es sind viele junge, vor allem gut qualifizierte Frauen in die alten Bundesländer migriert. Einige Regionen wird es in den nächsten Jahren heftig treffen. Deswegen muss regionenspezifisch untersucht werden.

Wir können also bald die Ost-West-Trennung vergessen?

Brähler: Tja, wer sie vergessen kann. Ich hatte auch gedacht, das hätte irgendwann mal ein Ende. Das Thema taucht aber immer wieder auf. Wir haben immer noch eine andere Parteienlandschaft. Der Osten hatte gegenüber dem Westen nach dem Zweiten Weltkrieg auch einen höheren Flüchtlingsanteil. Mecklenburg-Vorpommern hatte als das migrationsreichste Land in Deutschland mehr als 50 Prozent Flüchtlinge im Land. Das hat zu vielen Verwerfungen geführt, über die aber nicht geredet werden durfte. Es gibt also viele Dinge, die ebenfalls eine Rolle bei politischen Einstellungen spielen. Es geht nicht alles nur auf die DDR zurück, sondern liegt tiefer.

Das Gespräch führte: Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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