67 Artikel im Heft, Seite 23 von 67

THEMEN DER ZEIT

Karriere- und Lebensplanung: Gehen oder bleiben?

Dtsch Arztebl 2010; 107(1-2): A-30 / B-26 / C-26

Dettmer, Susanne; Kuhlmey, Adelheid; Schulz, Susanne

Eine Studie zeigt, dass man sich noch viel mehr als bisher auf den Wandel der Geschlechter­­verhältnisse und die Bedürfnisse junger Arztfamilien einstellen muss.

Berichte über die Abwanderung junger Ärztinnen und Ärzte ins Ausland sowie über ihren Rückzug aus der kurativen Tätigkeit sind in den Medien allgegenwärtig. 3 065 Ärztinnen und Ärzte haben im Jahr 2008 Deutschland verlassen. Was sind die Motive junger Ärztinnen und Ärzte, sich von der kurativen Tätigkeit in Deutschland abzuwenden? Wie sieht ihre berufliche Zukunftsplanung aus, und welchen Einfluss haben aktuelle Entwicklungen im Gesundheitssystem auf die Zukunftsplanung? Diesen Fragen wird in der Studie „Karriere- und Lebensplanung in der Medizin (KuLM)“ an der Charité – Universitätsmedizin Berlin nachgegangen. Das Projekt wird im Rahmen der Förderinitiative Versorgungsforschung der Bundesärztekammer sowie von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Die folgenden Befunde basieren auf der Befragung von 239 Medizinstudierenden im praktischen Jahr (davon 63,2 Prozent Frauen) an der Charité.

Die Studierenden waren im Mittel 28 Jahre alt. Für ihre Zukunft plant die deutliche Mehrheit der Befragten eine kurative Tätigkeit. Lediglich ein geringer Anteil favorisiert zum Zeitpunkt der Befragung bereits eine Beschäftigung außerhalb der Patientenversorgung, wobei 6,7 Prozent der Nennungen auf eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung fallen und 8,8 Prozent auf ein Unternehmen in der Pharmaindustrie, in der Medienbranche oder Sonstiges.

Anstellung bevorzugt
Die Weiterbildung zum Facharzt streben neun von zehn der befragten Studierenden an. Das größte Interesse besteht an der Inneren Medizin, gefolgt von der Kinderheilkunde, der Neurologie und Chirurgie. Angestrebt wird in aller Regel die Weiterbildung in dem Fach, von dem man glaubt, dass es den eigenen Fähigkeiten und Interessen am ehesten entspricht. Das zweitwichtigste Motiv bei der Entscheidung sind positive Erfahrungen mit dem Fach. Auf Platz drei der Motive findet man bei Studentinnen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, bei Studenten die Zukunftsträchtigkeit des Fachgebiets. Was das gewünschte spätere Beschäftigungsverhältnis angeht (Mehrfachnennungen waren möglich), fiel knapp die Hälfte der Nennungen auf eine Anstellung in einem Klinikum oder Krankenhaus. 40 Prozent nannten die Selbstständigkeit in eigener Praxis, Gemeinschaftspraxis oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). Ein knappes Drittel könnte sich auch vorstellen, später in einer Praxis oder einem MVZ angestellt tätig zu sein. Ein weiteres Drittel der Nennungen fiel auf die Option, sowohl im stationären Bereich angestellt zu sein als auch (parallel dazu) im ambulanten Bereich selbstständig zu arbeiten.

Die Befragung ergab auch, dass Studierende von Eltern mit Hochschulabschluss häufiger eine Auslandstätigkeit planen als Studierende von Eltern ohne Hochschulabschluss. Für eine spätere Auslandstätigkeit besonders beliebt sind die Schweiz, Großbritannien, die USA, Schweden und Frankreich. Als wichtigste Gründe für das Interesse an einer Auslandstätigkeit werden die Verdienstmöglichkeiten, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Arbeitszeiten oder die Arbeitsbelastung angegeben. Die Charakteristika des Landes und ein kulturelles Interesse spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Auf die Gesundheitspolitik bezieht sich hier etwa jede sechste Nennung. Mit Blick auf die Gesundheitspolitik werden vor allem mangelnde Planungssicherheit und überbordende Anforderungen durch Verwaltung und Bürokratie sowie der Einsatz von Ärzten als „bessere Hilfskräfte“ bemängelt. In anderen Ländern würden dagegen randständige Aufgaben in viel größerem Umfang von anderen Fachkräften übernommen, so dass sich die Ärzte dort stärker auf ihre zentralen ärztlichen Tätigkeiten konzentrieren könnten.

Mit der Befragung sollte auch ein Stimmungsbild zu den Gesundheitsreformen erhoben und deren eventueller Einfluss auf die Karriereplanung der Studierenden ermittelt werden. Es zeigte sich, dass der größere Anteil der Studierenden mit circa 56 Prozent die Gesundheitsreformen vorwiegend negativ bewerten und Verschlechterungen in der Gesundheitsversorgung sowie bei den ärztlichen Arbeitsbedingungen erwarten.

Doch wie wirkt sich die Unzufriedenheit mit der Gesundheitspolitik auf die beruflichen Zukunftspläne der Studierenden aus? Obwohl nur etwa jeder zehnte Studierende angibt, sich durch die Reformen in den eigenen beruflichen Plänen verunsichert zu fühlen, zeigt eine differenziertere Betrachtung, dass die mehrheitlich negative Einschätzung der Reformen durchaus Auswirkungen auf die Zukunftsplanung haben kann. Denn ein hoher Anteil von knapp 60 Prozent der Studierenden gibt an, dass die Entwicklungen im Gesundheitssystem eine spätere Auslandstätigkeit für sie wahrscheinlicher machen. Weitere 40 Prozent der Befragten beschäftigen sich aufgrund der Entwicklungen auch mit der Option, nicht in der Gesundheitsversorgung, sondern in alternativen Bereichen tätig zu werden. Und immerhin ein Viertel der angehenden Absolventen gibt an, angesichts der Entwicklungen im Gesundheitssystem über einen Wechsel des Studienfachs nachgedacht zu haben beziehungsweise noch nachzudenken. Zwischen den Geschlechtern zeigen sich hierbei keine Unterschiede.

Von großer Bedeutung für die Lebensgestaltung ist bei den Befragten die gute Balance zwischen beruflichem und privatem Lebensbereich. Fast zwei Drittel der Befragten geben an, dass ihnen der private Lebensbereich später genauso wichtig sein wird wie der berufliche Lebensbereich. Etwa ein weiteres Drittel geht sogar davon aus, dass der private Lebensbereich für sie eine größere Bedeutung haben wird als der berufliche. Dass umgekehrt der Beruf ein größeres Gewicht haben wird, geben dagegen nur sechs Prozent der Befragten an. Zwischen den Geschlechtern findet man hierbei keine signifikanten Unterschiede.

Was die Familienplanung der Studierenden im praktischen Jahr betrifft, so möchten circa 87 Prozent der Befragten später Kinder haben. Bezüglich des Kinderwunsches noch unentschieden sind knapp neun Prozent, kein Kind wollen lediglich knapp vier Prozent der Befragten. Im Schnitt liegt die gewünschte Kinderzahl bei 2,3.

Als gewünschten Zeitraum für die Geburt der Kinder wird mehrheitlich der Zeitpunkt direkt nach dem Studium (65 Prozent) angegeben. Ein Zehntel plant die Geburt(en) während der Weiterbildung, und knapp sieben Prozent der Befragten möchten die Kinder noch während des Studiums bekommen. Einen anderen Zeitpunkt ziehen 13 Prozent der Befragten in Betracht.

Die Mehrheit der Studierenden im praktischen Jahr würde die Betreuung der Kinder gerne vorwiegend gleichberechtigt mit dem Partner/der Partnerin übernehmen (53,6 Prozent). Ein Drittel plant, hauptsächlich Betreuungsangebote zu nutzen (33 Prozent). Nur eine Minderheit gibt an, die Kinderbetreuung überwiegend der Partnerin/dem Partner überlassen zu wollen (6,2 Prozent) oder aber überwiegend selbst übernehmen zu wollen (3,8 Prozent).

Antizipierte Unzufriedenheit
Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass die antizipierte Unzufriedenheit mit den ärztlichen Arbeitsbedingungen sehr hoch ist. Ferner wird deutlich, dass die tendenziell negative Einschätzung der Reformen im Gesundheitssystem auch Auswirkungen auf die Zukunftsplanung der angehenden Absolventen hat. Für knapp 60 Prozent der Befragten machen die Entwicklungen im Gesundheitssystem eine spätere ärztliche Tätigkeit im Ausland wahrscheinlicher. Zudem beschäftigen sich 40 Prozent der Studierenden im praktischen Jahr mit der Option, nicht in der Gesundheitsversorgung, sondern in anderen Branchen tätig zu werden. Gleichwohl ist der Anteil derjenigen, die sich (noch) eine kurative Tätigkeit im ambulanten und/oder stationären Bereich wünschen, sehr hoch. Folgenreich für den Berufseinstieg und die Weiterbildung werden vor allem auch die bei der Befragung erhobenen Vorstellungen zur privaten Lebensplanung sein. Ein überraschend hoher Anteil (65 Prozent) plant die Gründung einer Familie oder die Geburt eines Kindes direkt nach dem Studium. Das bedeutet vor dem Hintergrund des kontinuierlich steigenden Frauenanteils, dass sich der Berufseinstieg bei immer mehr Absolventen verzögern wird. Zudem steigt die Notwendigkeit, familiäre und berufliche Anforderungen während der Weiterbildung zu vereinbaren. Dies macht deutlich, dass man sich bei der Planung noch viel mehr als bisher auf den Wandel der Geschlechterverhältnisse und die Bedürfnisse junger Arztfamilien einstellen muss. Insbesondere besteht die Notwendigkeit, ärztliche Arbeitsbedingungen speziell in der Weiterbildung zu verbessern, um junge Ärztinnen und Ärzte in der Krankenversorgung zu halten.

Dr. phil. Susanne Dettmer
Prof. Dr. phil. Adelheid Kuhlmey
Susanne Schulz
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Institut für Medizinische Soziologie
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