POLITIK

Diagnosecodes: Der Schlüssel zu mehr Geld

Dtsch Arztebl 2010; 107(4): A-124 / B-113 / C-113

Korzilius, Heike

Um den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten die möglichst einheitliche und korrekte Verschlüsselung ihrer Diagnosen zu erleichtern, hat das Institut des Bewertungsausschusses Codierrichtlinien erarbeitet.

Bürokratisch, sinnlos, überflüssig“ lautet das Urteil der Kritiker, „eine strategische Investition in die Zukunft“ halten die Befürworter dagegen. Gemeint sind die ambulanten Codierrichtlinien, die nach dem Willen des Gesetzgebers bereits seit Beginn dieses Jahres hätten gelten sollen. Für die Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern ist das richtliniengetreue Codieren schon seit Jahren Routine. Mit den ambulanten Codierrichtlinien hat das Institut des Bewertungsausschusses – eine gemeinsame Einrichtung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen – nun erstmals auch für die Praxen der niedergelassenen Ärzte ein solches Regelwerk erarbeitet.

„Im Grunde genommen bringen die ambulanten Codierrichtlinien nichts Neues“, heißt es vonseiten der KBV. Denn die Ärzte müssen bereits seit dem Jahr 2000 ihre Diagnosen nach der zehnten Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, ICD-10) verschlüsseln. Seit der Einführung des Fallpauschalensystems bedeutet die sorgfältige und korrekte Codierung für die Krankenhäuser bares Geld. Aber auch im Bereich der ambulanten Versorgung wird dieser Aspekt immer wichtiger. Denn seit der letzten großen Gesundheitsreform mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz von 2007 bestimmt zunehmend die Morbidität die Geldströme.

Mit dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich, der ebenso wie der Gesundheitsfonds im vergangenen Jahr eingeführt wurde, erhalten diejenigen Krankenkassen mehr Geld aus dem Fonds, deren Versicherte kränker sind. Datengrundlage für die Zuweisungen sind die ärztlichen Diagnosen, verschlüsselt nach der ICD-10. Manche Kasse sah sich seither dem Vorwurf ausgesetzt, sie verleite die Ärzte zum „Upcoding“, um die eigenen Finanzen aufzubessern – nach dem Motto: „Darf’s ein bisschen mehr sein?“

Dabei liegt das „Rightcoding“, das richtige Codieren, inzwischen auch im eigenen Interesse der niedergelassenen Ärzte. Denn die Gesundheitsreform von 2007 brach mit dem Prinzip, dass die ärztlichen Honorare nur so stark steigen dürfen wie die Grundlohnsumme. Ein neuer Maßstab für die Veränderung der Gesamtvergütung ist die Morbidität der Versicherten. Nimmt diese zu, gibt es auch mehr Geld für die Versorgung. Doch auch die Abbildung der Morbidität steht und fällt mit der korrekten Diagnoseverschlüsselung.

Für die meisten jüngeren Ärzte, die von den Krankenhäusern in die Niederlassung wechseln, ist das Verschlüsseln von Diagnosen eine Selbstverständlichkeit. Ganz allgemein sei die Codierqualität bei den niedergelassenen Ärzten gar nicht so schlecht, räumt die KBV ein. Allerdings werde häufig noch zu allgemein verschlüsselt, so dass sich der Schweregrad einer Erkrankung und mithin deren erhöhter Behandlungsbedarf nicht nachvollziehen ließen.

Hier soll die ambulante Codierrichtlinie mit Erläuterungen und Klarstellungen zum Umgang mit der ICD-10 Abhilfe schaffen. § 295 Sozialgesetzbuch V schreibt vor, dass KBV und Kassen bis zum 30. Juni 2009 Codierrichtlinien vereinbaren müssen, die dann vom 1. Januar 2010 an umgesetzt werden. Diese Frist ist verstrichen. Die Frage ist also nicht mehr, ob die Richtlinien erscheinen, sondern wann. Eine erste Version hatte das Institut des Bewertungsausschusses im November 2009 den KVen und den Berufsverbänden zur Kommentierung vorgelegt. Von den 200 Stellungnahmen waren nach Angaben der KBV viele kritisch, aber konstruktiv: „Wir haben von den Berufsverbänden viele gute Tipps bekommen.“ Inhaltlich steht das 180-Seiten-Werk. Formal beschlossen ist es jedoch noch nicht, weil Fragen des Copyrights noch ungeklärt sind. Da es Überschneidungen zwischen den ambulanten und den stationären Codierrichtlinien gibt, hat sich das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus ein Mitspracherecht beim Vertrieb der ambulanten Richtlinie ausbedungen. Noch hoffen die Beteiligten, dass die Richtlinie am 1. Juli 2010 in Kraft treten kann. Dazu müsste sie jedoch bald beschlossen werden, damit die betroffenen Ärzte genügend Vorlauf haben. Schulungen und eine angemessene Einbindung in die Praxissoftware sollen dafür sorgen, dass die Umsetzung möglichst reibungslos verläuft. Darüber hinaus wird die KBV eine spezielle Website einrichten, die alle wichtigen Informationen und Links enthält. Heike Korzilius

Der Alltag
Welche Erfahrungen machen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte mit der Diagnosecodierung in ihrem Arbeitsalltag? Die Redaktion des Deutschen Ärzteblatts möchte Schilderungen über Sinn und Unsinn der Verschlüsselungspraxis gern in ihrer Berichterstattung aufgreifen. Schreiben Sie uns unter der E-Mail-Adresse: codieren@aerzteblatt.de.
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