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Qualitätsprüfungen in Heimen: Keine Garantie für gute Pflege

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): A-209 / B-185 / C-181

Hibbeler, Birgit

Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Prüfungen sind ein Ansporn, gut zu sein. Das wird wohl jeder bestätigen, der an seine Schulzeit oder an das Medizinstudium zurückdenkt. Wenn allerdings eine Klausur gar nicht dazu geeignet ist, das Wissen des Prüflings vernünftig zu bewerten – egal, ob sie nun zu einfach oder zu schwierig ist – muss man sich fragen, wozu sie überhaupt gut ist. Wenn die Kriterien nicht stimmen, sind Prüfungen nutzlos.

Genau das ist offenbar das Problem der Qualitätsprüfungen, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) seit einigen Monaten in Pflegeeinrichtungen vornimmt – auch bekanntgeworden als „Pflege-TÜV“. Bis Dezember 2009 wurden circa 2 000 Heime und 260 Pflegedienste überprüft. Das Ergebnis müsste eigentlich alle zufriedenstimmen: Die stationären Einrichtungen schnitten im Durchschnitt mit der Note 2,2 ab, die ambulanten mit 2,4. Doch die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein: Die einen sehen die Pflege in Deutschland gut aufgestellt, die anderen kritisieren, die Noten verschleierten eklatante Mängel. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) bezeichnete das System als „eine einzige Kompromisssülze“, die das Papier nicht wert sei, auf dem sie stehe. Und in der Tat: Die Heime können Schwächen in der Pflege zum Beispiel ausgleichen, wenn sie besonders vorbildlich sind, was Wohnen und Verpflegung angeht. „Um im Bild der Schulnoten zu bleiben: Da wird eine Sechs in Mathematik durch eine Eins in Schönschrift zu einer Drei“, hatte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bereits im Vorfeld moniert. Bei den ambulanten Pflegediensten fehlten solche „Weichspülkriterien“, beklagte der Sozialverband VdK.

Selbst im MDK sind mittlerweile kritische Stimmen laut geworden. Dr. Gundo Zieres, Geschäftsführer des MDK Rheinland-Pfalz, sprach von „methodischen Mängeln“ und „fachlichen Fehlern“. Hintergrund seiner Äußerungen dürfte aber wohl auch die Tatsache sein, dass in seinem Bundesland die Ergebnisse schlechter ausfielen als im Bundesdurchschnitt. Dennoch: An der Methodik hatten Experten von vornherein Zweifel. So komme die Ergebnisqualität zu kurz. Gut schneide ab, wer gut dokumentiere. Nun haben zahlreiche Pflegeanbieter – darunter auch die Caritas, die Arbeiterwohlfahrt und der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste – gegen die Qualitätsprüfungsrichtlinie Klage eingereicht. Sie fühlen sich nicht ausreichend beteiligt und sehen Fehler im Verfahren.

Eine gute Pflegequalität sollte im Interesse aller Beteiligten sein. Wenn aber der Eindruck entsteht, dass mit den Qualitätsprüfungen etwas nicht stimmt, dann schaffen sie keine Transparenz, sondern Misstrauen. Deshalb muss hier dringend nachgebessert werden. Prüfungen sind kein Selbstzweck. Dafür ist der Besuch des MDK in den etwa 22 500 Pflegeeinrichtungen in Deutschland auch schlicht zu teuer.

Wenig Geld hat man unterdessen in der Vergangenheit dafür ausgegeben, den Beruf Altenpfleger attraktiver zu machen. Dabei droht hier – bei wachsendem Bedarf – ein eklatanter Fachkräftemangel. Nach einer Studie, die im Auftrag der Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege entstand, werden im Jahr 2050 rund 840 000 Vollzeitkräfte in der Altenpflege benötigt, 2007 waren es 320 000. Wenn die Verantwortlichen dieses Problem nicht lösen, dann könnte es sein, dass schon bald niemand mehr da ist, der die vielbeschworene Qualität erbringen kann. Dr. med. Birgit Hibbeler
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