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Forschungsprojekt: T4 im „Reichsgau Sudetenland“

Dtsch Arztebl 2010; 107(6): A-214 / B-190 / C-186

Bis zum 31. Mai 2010 zeigt die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein die Ausstellung „Lebensunwert“; sie behandelt die NS-„Euthanasie“, insbesondere die Ermordung psychisch Kranker und Behinderter im Rahmen der Aktion T4 (benannt nach der Berliner Tiergartenstraße 4) im früheren „Reichsgau Sudetenland“ sowie die Vorbereitungen zur Kindereuthanasie im „Protektorat Böhmen und Mähren“ zwischen 1939 und 1945 (siehe auch den Hinweis in DÄ, Heft 3/2010).

Gedenkstätte Pirna- Sonnenstein: 1940 und 1941 wurden dort mehr als 13 000 Patientinnen und Patienten vergast und verbrannt. Foto: wikipedia
Die Ausstellung ist Ergebnis eines länderübergreifenden Forschungsprojekts, an dem die Gedenkstätten Sonnenstein, Hartheim (Österreich) und Terezín/Theresienstadt (Tschechien) sowie das Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften beteiligt sind. Die ersten Anstöße kamen aus Pirna-Sonnenstein und Hartheim, zwei Orten, in denen in der NS-Zeit Patienten zu Tausenden mit Gas umgebracht wurden. Der Historiker Dr. Dietmar Schulze begann bereits 2001 mit den ersten Nachforschungen. Anfangs habe man nach den Namen der Opfer geforscht. Doch schnell sei man auf das politische Umfeld, auch auf die Gesundheitspolitik in den besetzten Gebieten gestoßen, berichtete Schulze bei der Ausstellungseröffnung am 27. Januar. Und so habe, resümierte Dr. Boris Böhm, der Leiter der Gedenkstätte Sonnenstein, „die Aktion Eigendynamik entwickelt“.

Das Projekt beleuchtet ein bislang wenig bekanntes Gelände. In Tschechien sei, ähnlich wie in der DDR, das Thema weitgehend ausgeklammert gewesen, bemerkte Dr. Michal Simunek (von der Akademie in Prag). Auch heute sei das öffentliche Interesse daran begrenzt. Doch im Kommen, auch politisch. Denn die Ausstellung solle, ergänzte Dr. Pavel Zeman (Prag), demnächst auch im Parlament gezeigt werden. Zuvor war sie schon in Terezín zu sehen.

Auf dem Sonnenstein wurden 1940 und 1941 etwa 13 720 Patienten vergast und verbrannt (dazu circa 1 000 KZ-Häftlinge). 11 560 Namen der T4-Opfer sind bekannt und jetzt auch auf Gedenkstelen verzeichnet. Diese wurden im September vorigen Jahres von Ministerpräsident Stanislaw Tillich enthüllt. Das Land Sachsen unterhält (neben vielen weiteren) seit Juni 2000 die Gedenkstätte auf dem Sonnenstein; 2009 wurden hier 8 278 Besucher gezählt. Die DDR hatte seit 1973 mit einem Schild auf die Opfer hingewiesen. Thomas Früh vom Sächsischen Ministerium für Kunst und Wissenschaft bezeichnete es hingegen bei der Ausstellungseröffnung als „wichtige Aufgabe, den Namenlosen Namen zu geben“. NJ

@Weitere Informationen im Internet: www.stsg.de/cms/node/922
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