MEDIZINREPORT

Schwangerschaft – Sartane: Ein Risiko für Ungeborene

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): A-324 / B-284 / C-280

Hünseler, Christoph; Oberthür, André; Hoppe, Bernd; Roth, Bernhard

Foto: Fotolia
Pädiater beobachten schwerwiegende Fetopathien, da zu wenig bekannt ist, dass diese Antihypertonika während der Schwangerschaft kontraindiziert sind.

Seit 1995 werden Sartane zur Therapie des arteriellen Hypertonus und der Herzinsuffizienz eingesetzt. Die fetopathische Wirkung dieser Arzneimittel ist seit vielen Jahren bekannt, ihre Anwendung in der Schwangerschaft kontraindiziert. Trotzdem treten immer wieder Fälle fetaler Schädigungen durch die Einnahme von Präparaten aus dieser Substanzgruppe auf, wie aktuell zwei Fälle aus der Universitätsklinik Köln belegen.

Im ersten Fall wurde unter Einnahme von Candesartan in der 31. Schwangerschaftswoche ein Oligohydramnion festgestellt. Bei weiterhin fehlender Fruchtwasserproduktion erfolgte die Schnittentbindung in der 32. Schwangerschaftswoche. Das Frühgeborene zeigte eine Niereninsuffizienz, eine Oligohydramniesequenz mit Lungenhypoplasie, pulmonalem Hypertonus und Fehlstellungen der Extremitäten sowie einen ausgeprägten Verknöcherungsdefekt der Schädelkalotte. Anfänglich bestand eine deutliche arterielle Hypotension. Unter Hochfrequenzbeatmung mit inhalativem Stickstoffmonoxid, Katecholamintherapie und Peritonealdialyse kam es zu einer Stabilisierung; eine kompensierte Niereninsuffizienz mit begleitendem arteriellem Hypertonus stellte sich ein. Das Kind wurde in diesem Zustand nach sieben Wochen entlassen.

Am 2. Lebenstag verstorben
Bei dem zweiten Fall handelte es sich um ein übertragenes weibliches Neugeborenes. Die Mutter hatte während der gesamten Schwangerschaft Valsartan eingenommen. Nach der Geburt entwickelte das Kind ein massives Atemnotsyndrom. Bei ausgeprägter Lungenhypoplasie traten ein Pneumothorax rechts auf sowie ein schwerer pulmonaler Hypertonus bei gleichzeitig katecholaminrefraktärer arterieller Hypotonie und Oligurie. Auch bei diesem Kind imponierte eine massive kranielle Ossifikationsstörung. Es verstarb am zweiten Lebenstag durch kardiorespiratorisches Versagen.

Sartane entfalten ihre Wirkung über eine Hemmung der Angiotensin-II-vermittelten Vasokonstriktion, Aldosteronsekretion, Sympathikusaktivierung und Gefäßhypertrophie, vermittelt durch eine Antagonisierung am Angiotensin-II-Rezeptor (AT1-Typ). Sie greifen wie die ACE-Hemmer (Angiotensin-Converting-Enzyme) in das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System ein, wobei sie nicht zu einer Erhöhung der Bradykininkonzentration führen.

Wie bei der schon länger bekannten ACE-Fetopathie (Teratology 1991; 44[5]: 485–95) tritt die fetale Schädigung durch Sartaneinnahme vor allem bei der Anwendung im zweiten und dritten Trimenon auf, wenn die Fruchtwasserproduktion überwiegend von der Urinausscheidung abhängt. Sie ist gekennzeichnet durch die Ausbildung eines Oligohydramnions mit dem Risiko einer Oligohydramnie-Sequenz (Lungenhypoplasie, Gelenkkontrakturen, „Potter-Facies“). Als Ursache wird eine fetale arterielle Hypotonie mit reduzierter Nierenperfusion und konsekutiver Oligurie vermutet.

Weitere Symptome sind eine Dysplasie der Nierentubuli ähnlich wie bei der genetisch bedingten renal-tubulären Dysgenesie, die im Fall einer sartanbedingten Störung zu einem postnatal nur zum Teil reversiblen Nierenversagen führt, sowie eine Hypoplasie der Schädelknochen, die vermutlich durch eine gestörte Angiogenese und Durchblutung der membranösen Knochen des Schädels verursacht wird.

Hohe Dunkelziffer vermutet
In den entsprechenden Fachinformationen wird empfohlen, Sartane bei Bekanntwerden einer Schwangerschaft sobald wie möglich abzusetzen. Bei der Verschreibung von Sartanen an Frauen im gebärfähigen Alter soll auf das Risiko für den Fetus hingewiesen werden. Trotz dieser Warnhinweise wurden in den Jahren seit der Markteinführung im Jahr 1995 mindestens 64 Fälle von Fetopathien durch eine mütterliche Sartaneinnahme veröffentlicht (Hypertension in Pregnancy 2007; 26: 51–66). Die Dunkelziffer ätiologisch ungeklärter Fälle von sartanbedingten Fetopathien dürfte hoch sein.

Nach diesen Erfahrungen möchten wir dringlichst auf die schwerwiegenden und vor allem vermeidbaren Risiken der Sartaneinnahme schwangerer Frauen für das ungeborene Kind hinweisen. Allen Ärzten – vor allem Gynäkologen, Internisten und Allgemeinmedizinern – muss die Gefährlichkeit der Sartane für den Feten bekannt sein. Frauen im gebärfähigen Alter müssen bei der Verschreibung von Sartanen auf die Notwendigkeit der Umstellung der antihypertensiven Medikation im Fall einer Schwangerschaft hingewiesen werden.

Dr. med. Christoph Hünseler*1
Dr. med. André Oberthür*1
Prof. Dr. med. Bernd Hoppe*2
Prof. Dr. med. Bernhard Roth*2

Kinderklinik der Universitätsklinik Köln,
*1Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin
*2 Kindernephrologie


Zu wenig HIV-tests bei Schwangeren
Noch immer bieten nicht alle Frauenärzte ihren schwangeren Patientinnen einen Test auf Infektion mit dem menschlichen Immunschwächevirus (HIV) an und gefährden damit ungeborene Kinder. Zwar sollen Gynäkologen den Mutterschaftsrichtlinien zufolge heute alle Schwangeren fragen, ob sie einen Test machen wollen. „Aber leider tun das immer noch nicht alle“, so die Gynäkologin Dr. med. Andrea Gingelmaier von der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München in „Zeit Wissen“. Viele Gynäkologen scheuten sich, den Test anzubieten, weil bereits der Verdacht auf eine HIV-Infektion stigmatisierend sei.

Eine Auswertung von Schwangerschaftsdaten HIV-infizierter Mütter aus München und Berlin hatte gezeigt, dass ein Drittel der Frauen erst durch den routinemäßigen HIV-Test ihres Frauenarztes von der Infektion erfahren hatte. Die Übertragung von HIV auf das ungeborene Kind kann durch medizinische Maßnahmen (antiretrovirale Therapie, Schnittentbindung, Verzicht auf Stillen) in mehr als 98 Prozent der Fälle verhindert werden. Ohne Prävention liegt das Infektionsrisiko bei 20 bis 25 Prozent. „Die heute zur Verfügung stehenden, effektiven prophylaktischen Maßnahmen können jedoch nur bei bekannter Infektion greifen“, so Gingelmaier. Viele Frauen gingen aber davon aus, dass unter all den medizinischen Tests während der Schwangerschaft automatisch ein HIV-Test integriert sei.

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