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Ethik in einem Comprehensive Cancer Center: Vertrauen schaffen

Dtsch Arztebl 2010; 107(8): A-359 / B-319 / C-311

Bobbert, Monika; Campbell, Christopher

Durch die Lebensbedrohlichkeit der Erkrankung sind alle Berufsgruppen in einem Comprehensive Cancer Center sehr gefordert – nicht nur medizinisch. Foto: Peter Wirtz
Am Dana Farber Institute Boston wird Wert darauf gelegt, dass ethische Kompetenzen nicht nur an Spezialisten delegiert werden.

Es gibt bereits einige Zentren zur Therapie und Forschung onkologischer Erkrankungen in Deutschland, die sich Comprehensive Cancer Center nennen. In den USA sind diese Zentren durch vielfältige Strukturen der Ethikberatung und durch eine Ausrichtung der gesamten Organisation an ethische Zielsetzungen geprägt. Was dies im Einzelnen bedeutet, soll am Beispiel des Dana Farber Institute/Harvard Cancer Center (DFCI) in Boston gezeigt werden. Das DFCI ist eines der traditionsreichsten und renommiertesten Comprehensive Cancer Centers in den USA.

Zur umfassenden Patientenversorgung tragen wesentlich die ethischen Kompetenzen aller Berufsgruppen im DFCI und in den beteiligten Kliniken bei. Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, aber auch Mitarbeiter anderer Berufsgruppen sind durch die Lebensbedrohlichkeit, Schwere und Komplexität der Krebserkrankungen ihrer Patienten extrem gefordert. Zusätzlich stellt die ambulante Versorgung von täglich circa 1 100 onkologischen Patienten, die aus allen Bundesstaaten der USA anreisen, eine besondere Herausforderung für Ärzte und Pflegekräfte dar. In kürzester Zeit müssen sie eine für den einzelnen Patienten optimale Diagnostik und Therapie entwerfen oder ihm die Teilnahme an einer Studie anbieten. Dabei muss die komplexe Lebens- und Behandlungssituation des Patienten, aber auch seine Familie berücksichtigt werden.

Wie sollen sich Ärzte und Pflegekräfte beispielsweise verhalten, wenn ein Patient und seine Angehörigen alle Hoffnung auf das DFCI gesetzt haben, jedoch nur noch eine palliative Therapie durchführbar ist? Wie lassen sich bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung gemeinsam mit dem Patienten mehrere noch mögliche Therapieformen in Bezug auf Nutzen und Belastungen abwägen? Was ist zu tun, wenn der Patient und die Angehörigen aufgrund von Informationen aus Presse und Internet auf einer experimentellen Therapie bestehen, die für den Patienten jedoch ungeeignet ist?

Im DFCI wird großer Wert darauf gelegt, dass ethische und psychosoziale Kompetenzen nicht nur an Spezialisten delegiert werden, sondern dass alle Mitarbeiter des Instituts über solche Fähigkeiten verfügen und diese in Therapie und Forschung einbringen. Aber ethische Kompetenz ist nicht zuletzt auch Bestandteil der Alltagsroutine. In den Organisations- und Fortbildungsstrukturen des DFCI und in seinen Partnerinstitutionen, unter anderem der Harvard Medical School, dem Massachusetts General Hospital und dem Brigham and Women’s Hospital wird die ethische Perspektive explizit sichtbar. Denn das DFCI verfolgt als Leitlinie des Instituts, „die fachkundige und engagierte Versorgung von Kindern und Erwachsenen zu gewährleisten und zugleich das Verstehen, die Diagnose, Behandlung, Heilung und Prävention von Krebs und verwandten Erkrankungen zu verbessern“. Eine andere Leitlinie zur Verantwortung der Mitarbeiter hebt hervor, dass von jedem Mitarbeiter die Erfüllung seiner Aufgaben auf hohem professionellem und moralischem Niveau erwartet wird.

Daher findet für alle neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein zweitägiges Einführungsseminar statt, in dem neben der Organisationsstruktur, den rechtlichen Grundlagen, Abläufen und Ansprechpartnern auch die gemeinsamen ethischen Ziele und Strukturen erläutert werden. Nicht nur Ärzte und Pflegekräfte, auch Verwaltungsangestellte und selbst Reinigungskräfte sollen wissen, worauf im Umgang mit den Patienten zu achten ist und wer die Ansprechpartner für ethische und psychosoziale Belange sind. Wenn etwa eine Mitarbeiterin aus dem Reinigungsteam eine Patientenakte findet, muss sie wissen, dass der Inhalt vertraulich und dass die Akte rasch abzugeben ist.

Weiterhin gibt es Fallbesprechungen und Übergaben, in denen neben medizinischen auch ethische und psychosoziale Fragen im therapeutischen Team durchgesprochen werden. So findet auf einigen Stationen einmal wöchentlich eine „ethical round“ statt, in der ein Arzt ausgewählte Fälle aus der Ambulanz oder von Station vorstellt und im Team diskutiert. Besonders schwierige oder strittige Fälle können in einem „ethics committee“ mit Mitgliedern aus unterschiedlichen Disziplinen besprochen werden. Als Experten nimmt einer der beiden fest angestellten Ethiker oder ein Mitarbeiter aus der Klinikseelsorger an den Stationsrunden und Ethikkomitees teil.

Regelmäßig besuchen Ärzte, Pflegekräfte und die Mitarbeiter anderer Gesundheitsberufe innerbetriebliche Fortbildungen, jüngst etwa zum Thema des kultursensitiven Umgangs mit Patienten, aber auch Veranstaltungen der Harvard Medical School zur Medizinethik oder externe Fachtagungen zu medizinethischen Themen.

Aber auch die Patienten selbst werden geschult. Sie werden zum Beispiel durch schriftliche Gesprächsleitfäden ermutigt, den behandelnden Ärzten ihre Fragen zu stellen und Befürchtungen mitzuteilen. Sie werden auch mit Hilfe eines Films darüber informiert, dass ihnen unter Umständen eine klinischen Studie angeboten werden kann und welche Fragen dann von Patientenseite aus zu klären sind. So profitieren Ärzte beziehungsweise Forscher, Patienten und die Öffentlichkeit gleichermaßen, da nach innen und nach außen Vertrauen aufgebaut wird.
Monika Bobbert, Christopher Campbell
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