POLITIK

Gesundheitsökonomen: Keine Angst vor dem bösen Wort

Dtsch Arztebl 2010; 107(11): A-474 / B-416 / C-408

Stüwe, Heinz

Im Gegensatz zu den Politikern sind Gesundheitsökonomen der Meinung, über die Priorisierung von medizinischen Leistungen müsse offen diskutiert werden.

Weshalb denn ausgerechnet er, der doch oft und eindringlich vor der Ökonomisierung der Medizin warne, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie (dggö) geworden sei, wollte eine Journalistin von Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe wissen. Nach wie vor sei er gegen eine Ökonomisierung, antwortete der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK). „Aber gerade deshalb ist es sinnvoll, sich zu beteiligen.“ Die junge, erst im Herbst 2008 gegründete Fachgesellschaft mit inzwischen 330 Mitgliedern will sich mit den Fragen im Spannungsfeld zwischen Medizin und Ökonomie befassen, „nicht gegen, sondern mit den Ärzten“, wie ihr Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. J.-Matthias Graf von der Schulenburg von der Universität Hannover zur Eröffnung der 2. Jahreskonferenz der Gesellschaft hervorhob. Das Motto der Veranstaltung Anfang März in Berlin: Money meets medicine.

Rationierung ist Realität
Die Sorge vor einem Diktat der Ökonomie sei ernst zu nehmen, sagte Kongresspräsident Prof. Dr. med. Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Aber die Medizin habe auch profitiert vom wirtschaftlichen Druck, der zum Beispiel erst die Anstrengungen zur Qualitätssicherung ausgelöst habe. „Vor 20 Jahren hatten wir ein Dorado, in dem alles, was machbar war, auch bezahlt wurde.“ Heute müsse die gesundheitliche Versorgung auch unter dem Gesichtspunkt der Finanzierbarkeit gestaltet werden. Konsequenterweise hat Willich keine Scheu vor dem Begriff „Priorisierung“, er gab vielmehr Hoppe die Gelegenheit, seine Vorstellungen zu erläutern.

Wenn in einer Krankenhausabteilung die Ärzte – vom Chef und dem Oberarzt abgesehen – nur so eben Deutsch verstünden, wenn eine Krankenschwester statt 35 nun 70 Patienten versorgen müsse, wenn niedergelassene Ärzte ein Arzneimittel nicht mehr verordnen dürften, dann müsse man von heimlicher Rationierung sprechen, unterstrich der Präsident der Bundesärztekammer. Für die medizinische Versorgung von 92 Prozent der Bevölkerung (die gesetzlich Versicherten) ständen 6,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zur Verfügung – weniger als in den Niederlanden, in Großbritannien, Frankreich oder den skandinavischen Ländern. „Ich gehe nicht davon aus, dass die Politik mehr Geld bereitstellen wird. Bevor wir weiter heimlich rationieren, brauchen wir deshalb eine offene Debatte, wie wir das Geld gerecht verteilen“, forderte Hoppe.

Er verwies darauf, dass die Zentrale Ethikkommission bei der BÄK schon 2007 Kriterien für eine Priorisierung von Gesundheitsleistungen vorgeschlagen habe. Auf der ersten Stufe der medizinischen Bedürftigkeit (Lebensschutz und Schutz vor schwerem Leid und Schmerzen) und der zweiten (Schutz vor dem Ausfall oder der Beeinträchtigung wesentlicher Organe und Körperfunktionen) müsse dabei eine Differenzierung nach Art und Umfang des Versicherungsschutzes oder der Zahlungsfähigkeit des Patienten ausgeschlossen sein. Auf Rang drei folgt der Schutz vor weniger schwerwiegenden oder nur vorübergehenden Beeinträchtigungen des Wohlbefindens, und die vierte Stufe schließlich umfasst Leistungen zur Verbesserung und Stärkung von Körperfunktionen. Hoppe wiederholte seinen Vorschlag, einen unabhängigen, interdisziplinären Gesundheitsrat einzurichten, der Priorisierungsentscheidungen vorbereiten und den Gesetzgeber beraten solle.

Plädoyer für Pauschalbeitrag
Ob die Wirtschaftswissenschaftler Hoppe voll zustimmen und wie sie eine Priorisierung medizinischer Leistungen angehen würden, wurde leider nicht diskutiert. Die vorgestellten Arbeiten stammten fast ausnahmslos aus der empirischen Forschung. Ordnungspolitische Fragen der Finanzierung der Krankenversicherung oder der Arzneimittelpreisbildung befanden sich nicht darunter – keine gute Basis für die Politikberatung. Immerhin hat die dggö dafür plädiert, die GKV-Finanzierung langfristig auf einkommensunabhängige Arbeitnehmerbeiträge mit einem steuerfinanzierten Sozialausgleich umzustellen.
Heinz Stüwe


Günstiger als in den USA
Deutsche Krankenhäuser arbeiten zu deutlich geringeren Kosten als amerikanische, ohne dass die Qualität der Behandlung schlechter ist. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Tom Stargardt vom Helmholtz-Zentrum München auf der 2. Jahreskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie in Berlin vorgestellt hat. Die Ökonomen haben Daten über die Behandlung des akuten Myokardinfarkts von 130 Kliniken der Veteran Health Administration in den USA und von 18 deutschen Krankenhäusern, die 2005 an der Kostenstudie des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus teilnahmen, ausgewertet und vergleichbar gemacht. Es zeigte sich, dass es bei der Mortalität der Herzinfarktpatienten nach stationärer Aufnahme keine signifikanten Unterschiede gibt. Die Behandlungskosten in den USA sind allerdings doppelt so hoch wie in Deutschland. Die US-Kliniken arbeiteten technologieintensiver, sie verwendeten beispielsweise häufiger Stents, sagte Stargardt zur Erklärung. Vor allem aber setzten die Amerikaner mehr Personal ein, insbesondere in der Verwaltung und in der Pflege. So liegt der Personalschlüssel in der Pflege im amerikanisch-deutschen Vergleich bei 4 : 1. Die Amerikaner stöhnen über noch mehr Dokumentationspflichten als die Klinikbeschäftigten hierzulande.
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