Zu dem Beitrag von Dr. med. Dr. med. dent. Thilo Prochno in Heft 7/1997


Vage Hypothese
Patienten mit akutem Tinnitus sind in der Regel in Behandlung bei einem HNO-Arzt. Patienten mit
chronischem Tinnitus sind schwer zu therapieren und haben oft einen hohen Leidensdruck. Deshalb bemühen
sich verschiedene medizinische Fachdisziplinen und auch Selbsthilfegruppen, diesen Patienten zu helfen. In
den Reigen derer, die Hilfe anbieten, reiht sich nun auch die Zahnmedizin ein. Als Neurologe bin ich weder
Fachmann für Tinnitus, geschweige denn für dentogene Probleme. Dennoch erlaube ich mir einige
Anmerkungen zu dem Beitrag von Prochno. In der Einleitung bietet der Autor eine Theorie an, wie Tinnitus
durch dentogene Probleme infolge nervaler Verschaltung entstehen könnte. Diese Theorie ist meines Erachtens
bestenfalls eine vage Hypothese, für deren Stichhaltigkeit keine beweisenden Untersuchungen vorliegen. In den
Vorschlägen zur Therapie werden operatives Vorgehen und Psychotherapie undifferenziert
nebeneinandergestellt. Neurologen wissen, wie Patienten mit Trigeminusneuralgie unnötigen dentalen
Eingriffen unterzogen werden. Vor einem ähnlichen Schicksal sollten Patienten mit Tinnitus bewahrt werden.
Dr. med. Johannes R. Bayerl
Neurologische Klinik am Heinrich-Lanz-Krankenhaus
Mannheim
Feldbergstraße 68-70
68163 Mannheim
Zahnarztbesuch als Ursache?
Neben der Empfehlung zahnärztlicher Maßnahmen muß auch umgekehrt geklärt werden, ob diese eventuell
vorher stattgefunden haben, da das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur bei Eingriffen im Molarbereich
enormen statisch-dynamischen Strapazen ausgesetzt sind. Das Gelenk kann bei der lateralen Überdehnung
subluxieren, entweder während des Eingriffs, verdeckt durch die Anästhesie, oder später durch die
verkrampfte, laktatsäureüberflutete Kaumuskulatur. Dies ist logisch, weniger die oft jahrelange Fixierung auf
das zahnärztliche Gebiet bei fortdauernden Schmerzen.
Nur die Familie hat einen Kriminalkommissar während der jahrzentelangen Suche nach Linderung davon
abgehalten, seine Dienstwaffe zwei Zentimeter oberhalb der Schmerzstelle abzudrücken. Zusätzliche
Verwirrung haben auch hier rezidivierende, durch Kaubelastung provozierte blande Entzündungen bis in den
Kieferwinkelbereich inklusive Erhöhung des CRP und der Leukozyten gebracht.
Die Gelenkssubluxation läßt sich bei langsamer Mundöffnung als zunehmende Lateralisation tasten, wenn man
von hinten auf beide Seiten drückt. Röntgenaufnahmen sind weniger zur Verifizierung erforderlich - dies
gelingt nur durch auch konservative Tomographie - als zur Strukturkontrolle vor einer Reposition. Dies
geschieht mit Druck auf das Gelenk von oben mit den mittleren Fingern der gleichseitigen Hand, mit der
anderen wird das Kinn bei schneller Mundöffnung zur Gegenseite gezogen. Auch bei anderer Verursachung
kommt es danach zu spontaner Kaumuskulaturentspannung.
Wenn die einseitige, erhebliche Verkrampfung auf die Hals-Schulter-Muskulatur übergreift, ist eine
Gefährdung der HWK-Statik vorprogrammiert und in der Folge auch das vertebrobasiläre Syndrom. Die dabei
eingeklemmte A. vertebralis verursacht alle beschriebenen Symptome, wie Vertigo, Tinnitus, Hörstörungen und
auch psychische Symptome. Die Beeinflussung der Sehsphäre verursacht dazu ophtalmologisch nicht zu
klärende optische Phänomene. Beweisend sind hier Gleichgewichtsprüfungen, supraaortale
Dopplersonographie und Röntgenaufnahmen, meistens genügt eine Zielaufnahme des Dens.
Neben der physikalischen Therapie ist auch hier wieder die Chirotherapie gefordert. Chirogymnastische
Bewegungen können hier und im Kiefergelenksbereich für eine statische Stabilisierung sorgen.
Dr. med. A. Färber
Bahnhofstraße 8-10
86825 Bad Wörishofen
Ergänzung
Zu dem sehr begrüßenswerten Artikel von Herrn Kollegen Prochno habe ich noch folgende Ergänzung:
Insbesondere bei chronisch-intermittierendem Tinnitus läßt sich die Prognose für den Effekt "gnathologischer",
aber auch physiotherapeutischer Maßnahmen besser abschätzen, wenn bei Traktion des Unterkiefers nach
ventrokranial der Tinnitus nachläßt und umgekehrt bei manueller Kompression in kraniodorsaler Richtung
zunimmt.
Dr. Dr. med. Joachim W. Kuhn
Kaiser-Wilhelm-Straße 47
20355 Hamburg
Nichtssagende Zahnräder
In einer Zeit multimedialer Überinformation neigt man ja schnell dazu, den Informationsgehalt insbesondere
gedruckter Medien kritiklos hinzunehmen. Dies um so mehr, wenn man beispielsweise in der Medizinliteratur
auf grafische Darstellungen stößt, deren Sinn man nicht sofort erfaßt und deren Verständnis ein eigehenderes
Befassen erfordern würde, das man am wohlverdienten Feierabend aber oft nicht aufzubringen gewillt ist.
So ging es mir auch zunächst mit der Grafik 1 in diesem Artikel. Ohne viel von der Materie zu verstehen, war
ich dennoch von den Abkürzungen "C." und "M.&B." über den beiden Zahnrädern gebannt, die ich nicht
sogleich deuten konnte. Auch schien es mir merkwürdig, daß sich das dritte Zahnrad so ganz ohne
Bezeichnung drehen sollte. Also suchte ich - vergeblich - nach einer Legende, dann, gespannter schon, nach
einer Erklärung im Text, doch auch das ohne Erfolg.
Da waren sie also: drei Zahnräder, die ein Sinnbild für das Ineinandergreifen von (komplexen?)
Zusammenhängen in der Medizin sein sollten und deren Verständnis mir verwehrt war.
Fast trotzig begann ich nun zu überlegen, ob diese Grafik denn wirklich so wichtig war, ob es von Dummheit
zeugt, sie nicht verstanden zu haben, und schließlich: ob nicht alles in der Medizin wie Zahnräder funktioniert,
die ineinandergreifen, es also durchaus möglich gewesen wäre, über die Zahnräder zu schreiben: "Niere",
"Kehlkopf" und "Zirbeldrüse". Letztendlich kam ich aber zu einem überzeugenden Schluß. Über den
Zahnrädern muß stehen: "s.M." (schwierige Materie) - "n.G." (nichtssagende Grafik) - "b.L." (beeindruckter
Leser). Funktioniert immer.
Dr. med. Marius Hanika
Ludwigstraße 85
63067 Offenbach
Triggerpunkt-Therapie und psychosomatische Aspekte
Grundsätzlich ist es erfreulich, daß durch diesen Kurzbericht auf die mögliche Bedeutung einer
Myoarthropathie des Kausystems bei Patienten mit Tinnitus, aber auch mit Kopfschmerzen und/oder HWSBeschwerden hingewiesen wird. Zwei Anmerkungen zur Therapie der Myoarthropathie des
Kiefergelenkes/Kauapparates:
Erstens wäre es schön, wenn auch die Möglichkeiten der physikalischen Therapie vom Autor etwas genauer
angegeben würden - auch da es nur wenige Therapeuten gibt, die sich hiermit beschäftigen.
Zweitens ist bei der Infiltration der Kaumuskulatur mit Lokalanästhetika für einen anhaltenden Erfolg eine
gezielte Behandlung der Verhärtungsstränge ("taut bands") über die in ihnen gelegenen myofaszialen
Triggerpunkte essentiell. Das genaue Treffen zeigt sich anhand einer deutlich palpierbaren und häufig auch gut
sichtbaren "local twitch response", einer kurzen, oft mehrfach auslösenden Zuckung des Verhärtungsstranges.
Anschließend ist die Muskulatur lockerer und besser dehnbar.
Zum Auslösen der "Twitches" ist ein genaues Treffen der Triggerpunkte erforderlich. Für die hierfür
erforderliche Suche mit der Nadelspitze im Muskel (mit dem Risiko, ein Hämatom zu verursachen) ist die
Verwendung einer dünnen, im Vergleich auch zu dünnen Injektionsnadeln weniger traumatisierenden
Akupunkturnadel sinnvoll - die Wirksamkeit ist der gezielten Infiltration mit geringen Mengen
Lokalanästhetika vergleichbar. Genauere Informationen finden sich bei Travell und Simons (1).
Erfreulich wäre eine umfassende Darstellung der Myoarthropathie des Kauapparates aus verschiedenen Blickwinkeln einschließlich der Psychosomatik, gerade da diese Symptomatik, wie im Artikel angedeutet,
bei Gesichtsschmerzen und HWS-Beschwerden noch häufig übersehen oder nicht ädäquat therapiert wird.
Nach meiner Erfahrung findet sich bei Patienten mit Tinnitus, aber auch mit Kopfschmerzen nicht nur ein fast
typisches Muster aus Abrasionsspuren der Zähne und ausgeprägten, strangförmigen Verhärtungen der meist
verkürzten Kaumuskulatur (mit sekundärer [?] Beteiligung der Kiefergelenke im Sinne einer
Überlastung/Fehlfunktion), sondern auch ein allgemeiner innerer Spannungszustand (unter anderem Verspannung der Schulter-Nacken-Muskulatur, Hypertonus und ähnliches) mit entsprechendem lebensgeschichtlichen
Hintergrund. In diesen Fällen ist sicher nicht immer eine Psychotherapie, die in dem Beitrag als letzter Punkt
der Therapie neben dem operativen Vorgehen genannt wird, erforderlich.
Häufig hilft bereits das Erlernen eines Entspannungsverfahrens, vorzugsweise der progressiven Relaxation
nach Jacobson - selbstverständlich neben der befundorientierten Therapie von seiten des
Zahnarztes/Gnathologen, aber auch anderer Fachbereiche.
Literatur
1. Travell JG, Simons DG: Myofascial
pain and dysfunction. The triggerpoint
manual. Baltimore: Williams and Wilkins, 1983/1992.
Dr. med. N. Behrens
Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation
Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität
Marchioninistraße 15
81366 München
Eigentliche Ursache unbekannt
Gerade aus eigener Erfahrung als HNO-Arzt und MKG-Chirurg, welcher besonders oft mit der Fragestellung
des Zusammenhangs zwischen Tinnitus und stomatognathem System konfrontiert wird, kann ich die
beschriebenen Zusammenhänge in der dargestellten Form nicht bestätigen.
Hier wird sehr undifferenziert und unwissenschaftlich über das Phänomen des Tinnitus gesprochen, ohne
klarzustellen, daß - im Gegensatz zur Behauptung des Autors - eine kausale Therapie gar nicht möglich ist, da
die eigentliche Ursache eben nicht bekannt ist.
Gerade deshalb gibt es ja eine so bunte Mischung von Therapie-Ansätzen wie Infusionen, hyperbare Therapie,
Akupunktur, autogenem Training und anderem. Daß 70 bis 80 Prozent der Patienten mit InnenohrSymptomatik pathologische Befunde im stomatognathen System aufweisen, besagt nichts, da grundsätzlich ein
absolut eugnathes vollbezahntes Gebiß ohne auch nur geringe pathologische Befunde selten ist. Eine
Vergleichsgruppe, welche die These des Autors bestätigen könnte, fehlt. Die bisherige Literatur zu diesem
Thema weist bislang keine schlüssige wissenschaftliche Studie aus, welche eine direkte Kausalität zwischen
Tinnitus und stomatognathem System beweist; entsprechende zahnärztliche Therapieansätze und -erfolge
stützen lediglich die These der Triggerung durch bestimmte - unter anderem auch stomatognathe - Faktoren,
welche möglicherweise letztlich den Tinnitus auslösen können, aber nicht kausal verursachen.
Der genannte Artikel trägt letztlich mehr zur Verunsicherung der Betroffenen bei und weckt überdies falsche
Hoffnungen bei den angegebenen hohen Erfolgsquoten.
Dr. med. Dr. med. dent. Ulrich Nover
HNO-Arzt und MKG-Chirurg
Schloßstraße 8-10
45468 Mülheim/Ruhr
Irreführend
Der Kurzbericht "Tinnitus aus Sicht der Zahnmedizin" kann in dieser Form und unter diesem Titel nicht ohne
weiteres akzeptiert werden.
Der Autor beschreibt hier im wesentlichen die Problemerkrankung dysfunktionelle Myoarthropathie, die im
Jahre 1934 durch den englischen Hals-Nasen-Ohren-Arzt Costen erstmals beschrieben wurde. Das sogenannte
"Costensyndrom" wird nach wie vor in der allgemeinen medizinischen Presse und Literatur fehlinterpretiert,
obwohl in den zurückliegenden sechs Jahrzehnten, insbesondere durch Schulte (Tübingen), belegt wurde, daß
es schwerpunktmäßig in einer Erkrankung des stomatognathen Systems begründet liegt und daß die von Costen
angenommenen Zusammenhänge heute nicht mehr gültig sind.
Die Erkrankung dysfunktionelle Myoarthropathie nun in Zusammenhang mit der ebenfalls sehr
problematischen Erkrankung Tinnitus zu setzen und zu beschreiben ist irreführend, da auf die Erkrankung
Tinnitus in ihrer gesamten Problematik in diesem Artikel gar nicht näher eingegangen wird. (Ich darf in
diesem Zusammenhang nur auf den Artikel in der Otorhinolaryngol Nova 1996; 6: 125-184, verweisen.)
Die Patienten, die unter Tinnitus leiden, beziehungsweise die Ärzte,
die diese Patienten behandeln und führen müssen, werden durch diesen Beitrag irregeleitet.
Der Zahnarzt oder Mund-Kiefer-Gesichtschirurg kann die Probleme des Tinnituspatienten mit einer
Behandlung der dysfunktionellen Myoarthropathie nicht lösen. Wie der Autor richtig beschrieben hat, wird die
dysfunktionelle Myoarthropathie durch die Dreierbeziehung Kaumuskulatur, Kiefergelenk und vertikale
Kieferrelation bestimmt und durch Störungen in dieser engen und komplexen Beziehung verursacht, ohne
selbst damit in den sehr problematischen Funktionskreis der Tinnituserkrankung einzugreifen oder diesen zu
beeinflussen.
Die bei der dysfunktionellen Myoarthropathie bekannten und häufig zu beobachtenden Kiefergelenksgeräusche
initial, terminal, intermediär beziehungsweise das Gelenkknacken sind in keiner Weise mit dem Tinnitus
gleichzusetzen.
Meine Stellungnahme stützt sich auf eine über 25jährige Berufserfahrung und gemeinsame Bewertung von
Tinnituspatienten, zusammen mit qualifizierten Kollegen des HNO-ärztlichen Fachgebietes.
Die in dem Artikel beschriebene, etwa 50prozentige Heilung der Patienten von Otalgien und Tinnitus ist
anzuzweifeln, da hier leichtsinnig über Heilung von Otalgien und Tinnitus gesprochen wird, ohne diese sehr
unterschiedlichen Problemkreise in dem Artikel näher zu beschreiben oder zu erklären.
Übereinstimmung mit dem Autor besteht darin, daß die vom Patienten als Tinnitus geschilderten Beschwerden
der dysfunktionellen Myoarthropathie einer sorgfältigen Untersuchung und Diagnose zugeführt werden müssen
und daß die Beschwerden der dysfunktionellen Myoarthropathie nach gnathologischen Untersuchungen und
einer darauf aufbauenden Restaurierung des stomatognathen Systems geheilt werden können.
Literatur
Petermann K: Untersuchung zur dysfunktionellen Myoarthropathie und Überprüfung der durchgeführten
Stufentherapie. Dissertation; Bochum, 1990.
Prof. Dr. Dr. Jürgen Dieckmann
Dorstener Straße 151
45657 Recklinghausen
Bessere Leitlinien erforderlich?
Die Zusammenhänge zwischen Tinnitus, Schwindel und Otalgien mit Störungen im stomatognathen Bereich
sind in Fachkreisen und den Betroffenen relativ unbekannt, und unser Wissen um die Variablen und ihre
Zusammenhänge ist noch lückenhaft.
Es ist daher das Verdienst von Prochno, die wenig bekannten Zusammenhänge zwischen Tinnitus und der
Zahnheilkunde in einer Übersicht darzustellen. Dabei ist es ihm gelungen, die Komplexheit der hypothetischen
Modelle darzustellen.
Weniger gelungen ist allerdings die Botschaft an die Humanmedizin (im wesentlichen vor allem an die HNOHeilkunde), welcher Patient letztlich von einer Zahnbehandlung bezüglich seines Tinnitus profitieren wird. So
hat eine repräsentative schwedische Untersuchung nachweisen können, daß vor allem Tinnituspatienten mit
einer deutlichen Beeinflußbarkeit der Tinnituswahrnehmung durch Kieferbewegung oder Pressen besonders
von einer zahnärztlichen Behandlung profitieren und daß von den Respondern vor allem die Betroffenen eine
Linderung ihrer chronischen Ohrgeräusche erfahren konnten, die eher eine milde Tinnitusform hatten, die eine
kompensierte Hörminderung oder Normalhörigkeit aufwiesen und bei denen besonders Bruxieren am Tag
aufgefallen war (4).
Die Autoren konnten darüber hinaus auch auf den Umstand hinweisen, daß Personen mit Tinnitus dreimal so
häufig knirschen und den Kiefer pressen als die Normalbevölkerung. Dabei konnte bei dieser Studie beobachtet
werden, daß der Okklusionsstatus und der übrige Zahnstatus, einschließlich Amalgammenge (Anzahl der
Plomben), sich nicht wesentlich von denen der übrigen Bevölkerung unterscheiden! In einer italienischen
Studie bei 815 Patienten mit kraniomandibulären Störungen (CMD) fand sich ebenfalls keine Korrelation
zwischen der Schwere der Arthropathie des Kiefergelenkes und Tinnitus.
Des weiteren konnten sie ebenfalls bei etwa einem Drittel der von ihnen zahnärztlich untersuchten
Tinnituspatienten einen durch Kiefergelenkbewegung beeinflußbaren Tinnitus feststellen, wie es auch eigene
Recherchen noch deutlicher darstellten: Knapp die Hälfte von 65 nach dem standardisierten Tinnitusinterview
(STI) einschließlich einer Funktionsdiagnostik des Kiefergelenks untersuchten Patienten der Klinik Roseneck
mit dekompensiertem (komplexem) chronischen Tinnitus gaben an, daß sich durch Manipulation im
Kiefergelenks- und Kiefermuskulaturbereich die Tinnituslautheit ändert. Auch bestehen bei diesen Patienten oft
gleichzeitig Funktionsstörungen der Halswirbelsäule (1).
Es gibt keine Belege dafür, daß die vom Autor angesprochen Foci Tinnitus verursachen, es sei denn, die
verhaltenen Weisheitszähne stehen in engem Zusammenhang mit einer Fehlokklusion oder Myoarthropathie.
Obwohl Prochno das Stufenschema von Schulte mit dem Hinweis auf Psychotherapie erwähnt (2), fehlt in dem
Beitrag der wichtigste Hinweis auf die Effektivität psychosomatischer Behandlungsansätze mit Biofeedback
und Relaxation.
So konnte Rubinstein (3) in einer Cross-over-Studie bei Patienten mit stomatognathen Tinnitusanteilen und
häufigen pathologischen HNO-Befunden belegen, daß eine Biofeedback-Therapie der zahnärztlichen
Behandlung ebenbürtig ist. Durch die Kombination beider Behandlungen ließ sich der Effekt noch weiter
steigern.
Die medizinische Bedeutsamkeit der von Prochno aufgezeigten Thematik erscheint in einem besonders
eindrucksvollen Licht, wenn man sich die altersabhängige Prävalenz für chronischen Tinnitus von drei Prozent
bei 35jährigen bis zehn Prozent bei 65jährigen Personen vor Augen hält und dabei berücksichtigt, daß von
diesen wiederum, vorsichtig geschätzt, etwa 20 Prozent von einer zahnärztlich-stomatognathen Behandlung
profitieren könnten (4). Rein rechnerisch würde dies für Millionen Bundesbürger in Betracht kommen! Dies
macht es erforderlich, sich kritisch mit den Zusammenhängen zu befassen und nur gezielt Tinnitus-Betroffenen
eine zahnärztliche Untersuchung zu empfehlen. Andererseits werden die Zahnärzte dankbar sein, wenn sie
überwiegend Patienten überwiesen bekommen, denen sie bezüglich ihrer Tinnitusproblematik auch weitgehend
helfen können.
Aus unserer Sicht würden wir daher den Beitrag von Prochno insofern spezifizierend ergänzen, daß wir als
Leitlinien für die Verweisung von Patienten mit Tinnitus zum Zahnarzt vor allem die durch diagnostische
Kieferbelastung beeinflußbaren Tinnitusformen empfehlen würden. Hierzu gehören - im Gegensatz zu der
Ausschlußempfehlung von Prochno - auch Patienten mit Hörstörungen und Hyperakusis (2, 3).
Das Ausmaß der zahnärztlichen Störung scheint kein Prädiktor bezüglich des Zusammenhangs mit Tinnitus zu
sein (4). Darüber hinaus können Patienten mit Fehlokklusion und unspezifischem Schwindel erheblich von
einer zahnärztlichen und stomatognathen Behandlung profitieren.
Literatur
1. Fichter M, Goebel G: Psychosomatische Aspekte des chronischen komplexen Tinnitus. Deutsches Ärzteblatt
1996; 26:
A-1771-1776.
2. Neuhauser W: Tinnitus als zahnärztliches Problem. Kiefergelenksaffektionen und Bruxismus. Diagnostische
und therapeutische Möglichkeiten. In: Goebel, G (ed.): Ohrgeräusche - Psychosomatische Aspekte des
komplexen chronischen Tinnitus. München: Quintessenz-Verlag, 1992; 245-270.
3. Rubinstein B: Zahnärztliche und psychophysiologische Therapie (Biofeedback) bei stomatognathogenem
chronischen Tinnitus. In: G. Goebel (ed.): Interdisziplinäre Diagnostik und Therapie des komplexen
chronischen Tinnitus. Düsseldorf: VW & F, 1992; 15-17.
4. Rubinstein B, Wänman A: Epidemiological study of tinnitus and its correlates. In: Reich, G, Vernon, J
(eds.): Proceedings of the Fifth International Tinnitus Seminar. Portland: American Tinnitus Association,
1996; 655-656.
Dr. med. Gerhard Goebel
Medizinische-Psychosomatische
Klinik Roseneck
83209 Prien am Chiemsee
Schlußwort
Das Echo auf meinen Artikel von vielen Fachkollegen, dort auch mit kontroversen Meinungsäußerungen (siehe
Diskussionsbeiträge), und von vielen Betroffenen, auch mehreren unter Tinnitus leidenden Ärzten die um
einen Sonderdruck baten, zeigt, daß das Thema Otalgie (auch Tinnitus) von allgemeinem Interesse ist. Viele
Betroffene erwarten Linderung von einem Krankheitsbild, welches viele Ursachen haben kann. Sie sind für
weitere Ansatzpunkte mit möglicher Leidensminderung, im günstigsten Fall Heilung, dankbar.
Ich betone in diesem Zusammenhang, daß der Zahnarzt das letzte Glied in der diagnostischen Kette sein sollte
und dort keine übertriebenen Hoffnungen produzieren darf.
Warum soll sich nicht ein Zahnarzt/Kieferchirurg zu Wort melden? Er berichtet ja nichts Neues, sondern will
den aus seiner Sicht in Vergessenheit geratenen Aspekt (von Costen schon 1934 beschrieben) als kleinen
Baustein in die Tinnitusdiskussion einfügen. Wissenschaftlich begründete Zusammenhänge zwischen Otalgien,
Tinnitus, Schwindel, stomatognathem System sind noch schwer herzustellen, es existieren bis jetzt nur
hypothetische Modelle. Hier müssen in der Zukunft weitere Untersuchungen folgen.
Dr. med. Dr. med. dent. Thilo Prochno
Abteilung MKG-Chirurgie/Plastische Operationen
Werner-Forßmann-Krankenhaus
Rudolf-Breitscheid-Straße 100
16225 Eberswalde
Leserkommentare
Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.