BERUF

Das Aufklärungsgespräch: Wie sage ich es dem Patienten?

Dtsch Arztebl 2010; 107(12): [91]

Jürgens, Ute

Einschneidende Diagnosen klar und menschlich zu vermitteln – das ist eine Herausforderung für jede Ärztin, jeden Arzt.

Nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen sind und die Diagnose feststeht, bekommt der Patient einen Gesprächstermin. Dabei wird ihm freigestellt, einen Begleiter mitzubringen. Was weiß der Patient über die Diagnose?, ist eine für den Arzt wichtige Frage zur Vorbereitung auf dieses Gespräch. Kennt der Patient die Krankheit schon aus seiner Familie, und welche Erfahrungen hat er dort gemacht? Viele Patienten bereiten sich über eine Internetrecherche auf ihre mögliche Diagnose vor, sie kommen anders in das Gespräch als Menschen, die sich gar nicht mit der Krankheit auseinandergesetzt haben. Und wie gut kennt der Arzt den Patienten und seine Familie? Wesentlich sind auch die Gefühle des Behandelnden, sie bestimmen sein Verhalten und sein Vermögen mit, die Diagnose gut zu überbringen. Sympathie, Unsicherheit, Schuldgefühle, Angst vor den Gefühlen des Patienten, Stress, Frust, die Tagesform der Gesprächsteilnehmer – all dies gilt es nach Möglichkeit wahrzunehmen, zu akzeptieren und damit umzugehen.

Der Arzt braucht einen Moment der Besinnung (mentales Händewaschen), damit er zu innerlicher Ruhe finden kann, bevor er das Gespräch beginnt.

Verständlich erklären und Raum für Gefühle lassen
Die meisten Menschen wollen Folgendes erfahren: die Diagnose, die Behandlungsmöglichkeiten und ihre Nebenwirkungen, das Behandlungsziel (palliativ oder kurativ) und die Wahrscheinlichkeit, das Ziel zu erreichen.

Die Aufklärung ist einfacher, wenn man einen inneren Ablaufplan, eine Art Gliederung hat, wann man was sagen und fragen möchte.

Bevor der Arzt die Krankheit beim Namen nennt, sagt er vorwarnend, dass er leider keine guten Nachrichten habe. Er informiert den Wünschen des Patienten entsprechend in einer klaren und verständlichen Sprache über die Diagnose. Eventuell bricht der Patient schon hier den Termin ab, weil es ihn überfordert. Wenn er gehen möchte, ist es eminent wichtig, jetzt einen Folgetermin zu verabreden, um ihm die Therapie zu erläutern. Dies ist auch so zu benennen, damit der Kranke realisiert: „Es gibt ein Morgen, auch für mich.“

Falls der Patient nicht abbricht, braucht es einen Moment Zeit, die Botschaft einschließlich Therapiemöglichkeiten aufzunehmen. Der Arzt beobachtet seine Reaktionen und beantwortet eventuelle Fragen. Er gibt Raum für Gefühle und geht darauf ein. Er informiert über die Rolle, die er zu übernehmen bereit ist. Abschließend verabredet man einen neuen Termin, bei dem entweder weitere Fragen beantwortet werden oder bereits die Therapie beginnt.

Ein unter Zeitdruck stehendes Gespräch steht von vornherein unter schlechten Vorzeichen und hat auf den Arzt und auf den Patienten eine unheilsame Wirkung.

Auf die Einstiegsfrage wird der Patient eine Vermutung äußern, der Arzt knüpft eventuell an und bekräftigt oder entkräftet die Meinung des Kranken. Unterbrechen sollte er den Patienten jedoch nicht, sondern ihm Zeit lassen, wenn dieser erzählt, was ihm bisher schon klargeworden ist. Hier ist eine gute Gelegenheit, Missverständnisse oder Halbwissen zu erfassen und später zu korrigieren.

Während der Arzt spricht, darf sein Gegenüber ihn jederzeit unterbrechen, der Therapeut vergewissert sich mehrfach, ob der Patient ihn verstanden hat. In diesen Momenten des Lebens stockt der Atem, für Sekunden oder länger ist man unfähig zum Zuhören. Kummer blockiert die Konzentration. Falls der Kranke unaufmerksam ist, ist es zwecklos, weiterzusprechen. Am besten, man wartet einen Moment, bietet eine Pause an oder vertagt die weitere Information auf den nächsten Tag. Den Termin gibt man natürlich schriftlich mit.

Auf alles gefasst sein und weitere Hilfe anbieten
Schuldzuweisungen, Nicht-wahrhaben-Wollen, depressives Verhalten und Wutausbrüche sind eine normale Abwehrreaktion. Manchmal ist die Hauptsorge auch: „Wie sage ich es meiner Familie?“ Für den Therapeuten ist es wichtig, sich über die Verhaltensweisen gewiss zu sein, mit denen er am schwierigsten umgehen kann.

Nach dem Gespräch heißt es, für diesen Menschen bereit zu sein, ihn zu unterstützen. Falls das nicht möglich ist, braucht er eine andere Ansprechperson, an die er sich sowohl in fachlichen Dingen als auch in Zeiten der Verlorenheit und Trostbedürftigkeit wenden kann. Eventuell ist psychotherapeutische Hilfe angebracht, manchmal geraten lange niedergehaltene Lebensthemen an die Oberfläche.
Ute Jürgens
E-Mail: KomMed@freenet.de
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