POLITIK

IGSF-Studie zur Gesundheitsversorgung bei begrenzten Mitteln: Konzentration auf das Wesentliche

Dtsch Arztebl 2010; 107(13): A-588 / B-514 / C-506

Osterloh, Falk

Die Regierungskommission sucht derzeit nach einem Weg, das deutsche Gesundheitssystem zukunftsfest zu machen. Der renommierte Institutsleiter Fritz Beske verdeutlicht in seiner neuen Studie: Ohne Priorisierung wird es nicht gehen.

Es ist die Synthese unserer gesamten Arbeit der vergangenen Jahrzehnte“, sagt Prof. Dr. med. Fritz Beske mit klarer Stimme, als er Journalisten das neueste Werk aus seinem Hause, dem Institut für Gesundheits-System-Forschung (IGSF), vorstellt. Es geht darin um nichts weniger als die Lösung des Problems, wie das Gesundheitssystem auch in den kommenden Dekaden und unter Berücksichtigung sowohl der demografischen Entwicklung als auch des medizinischen Fortschritts finanzierbar bleibt. Mit eben diesem Problem befasst sich derzeit auch die Regierungskommission unter der Führung von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). Der IGSF-Leiter will der Politik mit der Studie „Bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung bei begrenzten Mitteln“ nun Handlungsoptionen aufzeigen. Und er tut dies mit deutlichen Worten.

„Eine implizite Rationierung, wie wir sie heute haben, ist die ungerechteste und unsozialste Form der Leistungseinschränkung.“ Fritz Beske, IGSF-Institutsleiter. Foto: Georg J. Lopata
„Keine Maßnahme wird in der Lage sein, den künftigen Ausgabenbedarf der gesetzlichen Krankenversicherung zu decken“, sagt Beske. Bis 2050 werde die Bevölkerungszahl in Deutschland auf 69 Millionen Menschen sinken, die Zahl der Menschen im Alter von 65 Jahren und darüber werde gleichzeitig von 17 auf 23 Millionen steigen. Gebe es heute noch drei Erwerbstätige auf einen Rentner, werde das Verhältnis in vierzig Jahren bei eins zu eins liegen. Die Kosten für die Behandlung altersbedingter Krankheiten wie Schlaganfälle oder Demenz würden in die Höhe schnellen. Die Zahl der Pflegebedürftigen werde sich bis 2050 von heute zwei Millionen auf 4,4 Millionen mehr als verdoppeln. Zusammen mit den Ausgaben für den medizinischen Fortschritt könnten diese Kosten den Beitragssatz für die gesetzliche Krankenversicherung, geht man von zwei Prozent Ausgabenwachstum jährlich aus, auf 43 Prozent steigern.

Heute handeln
Noch bestimme grundsätzlich der Leistungsbedarf der Versicherten, was die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zahle, so der Kieler Wissenschaftler. Wenn in zehn Jahren jedoch die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichten, werde sich dies umkehren. „Dann bestimmt das zur Verfügung stehende Finanzvolumen den Leistungsumfang der GKV“, mahnt Beske. „Gehandelt werden muss aber schon heute.“ Und die Methoden der Wahl seien Priorisierung, Rationierung und die Anpassung des Leistungskatalogs an die vorhandenen Mittel. Bis zu 48 Milliarden Euro könnten eingespart werden, wenn gesamtgesellschaftliche Aufgaben aus der gesetzlichen Krankenversicherung herausgenommen und Quersubventionen beendet würden, rechnete Beske vor. Schon früher hatte das IGSF eine Überprüfung des Leistungskatalogs angemahnt.

Neben Beske auf dem Podium saßen mit Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, und Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, zwei Vertreter der Organisationen, die in den vergangenen Monaten die Priorisierungsdebatte in Deutschland angestoßen haben und dafür gleichermaßen Lob wie Kritik ernteten. Lob von vielen Ärzten, die es ausdrücklich begrüßten, dass die „real existierende implizite Rationierung“, wie Köhler es ausdrückte, an das Licht der Öffentlichkeit gebracht wird. Kritik von vielen Politikern, die eine solche Debatte kategorisch ablehnen. „Ich halte von der Diskussion über Priorisierung nichts“, erklärte zum Beispiel Philipp Rösler im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt. Eine Rangordnung medizinischer Leistungen festzulegen, sei mit seinen ethischen Vorstellungen als Arzt nicht in Einklang zu bringen. „Deshalb bin ich auch nicht bereit, diese Diskussion zu führen“, so Rösler.

Auch Fritz Beske hat zu diesem Thema eine klare Meinung. Sie sieht jedoch anders aus als die des Gesundheitsministers. „Eine implizite Rationierung, wie wir sie heute haben, ist die ungerechteste und unsozialste Form der Leistungseinschränkung“, erklärt er. Sie sei wahllos und unbegründet, da sie nicht auf einer zuvor festgelegten Rangfolge medizinischer Leistungen beruhe, sondern allein auf den fehlenden Finanzmitteln im System.

BÄK soll Prioritäten aufstellen
„Schon heute entscheidet allein der Wohnort darüber, ob Patienten eine implizite Rationierung erleben oder nicht“, sagt auch Andreas Köhler. Wer als älterer Mensch auf dem Land lebe, habe beispielsweise einen ganz anderen Zugang zur medizinischen Versorgung als ein junger Mensch in der Stadt. Es sei zudem an der Zeit, „die Begriffe Priorisierung und Rationierung zu entdämonisieren“.

„Es geht um die zentrale Frage, nach welchem Verfahren die noch vorhandenen Mittel gerecht zugeteilt werden können“, betont Christoph Fuchs. Das IGSF schlägt vor, die Bundesärztekammer als federführende Institution für die Aufstellung von Prioritätenlisten in der medizinischen Versorgung zu benennen. Ein Gremium solle dann eine Methodik erarbeiten, wie der Leistungskatalog an die begrenzten Mittel angepasst werden könne. Im Zentrum der gesetzlichen Krankenversicherung müsse dabei die Behandlung von Erkrankten stehen. „Jeder Bürger muss künftig die Gewissheit haben, dass er dann, wenn er ernsthaft krank ist, auch einen zeitnahen Zugang zur medizinischen Versorgung erhält“, fordert Beske. Ergänzt werden solle der GKV-Kernbereich um die Früherkennung von Krankheiten, die Vorsorge für Kinder und Mütter, Schutzimpfungen sowie zahnmedizinische Prävention. „Versicherte müssen wissen, worauf sie sich verlassen können und in welchen Bereichen sie selbst vorsorgen müssen“, so Beske.
Falk Osterloh
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