POLITIK: Kommentar

Ökonomische Zwänge im Krankenhaus: Nicht widerstandslos hinnehmen

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-647 / B-563 / C-555

Anheier, Herbert

Dr. med. Herbert Anheier, Allgemein-, Thorax-, Viszeralchirurg
In der Medizin ist immer mehr machbar. Zugleich steigt die Zahl der potenziellen Patienten. Vor diesem Hintergrund ist eine weitere Kostensteigerung wohl unabwendbar. Da die Rationalisierungspotenziale weitgehend ausgeschöpft sind, bleiben zur Lösung des Problems nur eine Rationierung der Leistungen oder eine Steigerung der Kassenbeiträge. Hier sind die Ökonomen gefragt, die Kosten der Versorgung so niedrig wie möglich zu halten und alle Rationalisierungsreserven auszuschöpfen. Auch der Entwurf neuer Finanzierungsmodelle fällt in diesen Aufgabenbereich. Wenn aber die Rationierung von medizinischen Leistungen zur Debatte steht, wenn es um den Erhalt der Qualität ärztlicher und pflegerischer Versorgung geht, ist die Ärzteschaft gefordert, die Interessen der Patienten zu vertreten.

Dabei sind die Vorstellungen der mit der Problemlösung beschäftigten Gruppen sehr unterschiedlich. Die Ökonomen sprechen von: Profitcenter, Kunde, Fallzahl, Erlösoptimierung, Innovationen, neuen Tätigkeitsfeldern, Marktlücken. Die Ärzte sprechen von: Krankenhaus, Patient, Patientenzahl, wirtschaftlichem Arbeiten, neuen Techniken, Versorgungsengpässen. In dieser Gemengelage beugen sich zu viele Ärzte mehr oder weniger widerstandslos den von den Ökonomen erstellten Vorgaben. Es werden Wege gesucht, wie man den Ärzten ökonomische Kenntnisse vermitteln kann, um sie dazu zu bewegen, ihre Entscheidungen wirtschaftlichen Kriterien unterzuordnen.

Aber: Wenn man ein wirklich guter Chirurg werden will, bleibt zum Studium fachfremder Gebiete keine Zeit. Die Chirurgie verlangt ein jahrelanges Training und damit den Erwerb von viel Erfahrung. Die kann ich mir nicht am Schreibtisch aneignen. Die Kernaufgaben eines leitenden Chirurgen sind die Patientenbehandlung, die Organisation der medizinischen Abläufe in der Klinik, die regelmäßige Fortbildung und die Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses.

Zugleich erwarten die Patienten neben dem medizinischen Fachwissen ein hohes Maß an Menschlichkeit. Wie sonst sollte der Arzt über maligne Erkrankungen, sehr eingreifende Operationen und womöglich infauste Prognosen ein Gespräch führen können, so dass der Patient sich wohl aufgehoben fühlt und die Aussagen des Arztes, die sein weiteres Leben bestimmen, akzeptiert? Noch werden viele Ärzte dem von den Patienten gewährten Vertrauensvorschuss gerecht. Ohne diesen Vertrauensvorschuss ist ärztliche Tätigkeit kaum möglich. Wer sich den Bauch aufschneiden lässt, erwartet einen kompetenten und erfahrenen Operateur und keinen Klinikmanager.

Als Patient halte ich es für selbstverständlich, dass der Arzt in seinen Entscheidungen unabhängig von ökonomischen Zwängen ist. Zugleich möchte ich den Krankenhausaufenthalt natürlich so kurz wie möglich halten. Dafür ist eine perfekte Organisation der medizinischen Abläufe notwendig. Wie in einem Wirtschaftsunternehmen lassen sich medizinische Abläufe zwar standardisieren, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Letztlich hat jeder Patient das Recht auf eine individuelle Behandlung. Man spricht nicht umsonst von der „Heilkunst“.

Der Verwaltungsleiter muss die ökonomischen Notwendigkeiten aufzeigen und gegenüber den Leistungsträgern und Leistungserbringern verantworten. Der hier notwendige Kompromiss kann nicht dadurch erreicht werden, dass man Ärzte mit rudimentären Kenntnissen in Wirtschaftswissenschaften ausstattet, um sie dann leichter zur Aufgabe ärztlicher Prinzipien bewegen zu können. Hierfür gibt es schon Negativbeispiele: etwa die Zuweisung von Patienten gegen Entgelt, die Etablierung zweifelhafter OP-Methoden aus Wettbewerbsgründen oder auch Zielvereinbarungen über Fallzahlsteigerungen.

Das Krankenhaus muss natürlich sparsam wirtschaften. Komfortleistungen dürfen nicht von der Solidargemeinschaft finanziert werden. Aber die medizinische Versorgung hat nach bestem Wissen und Gewissen des behandelnden Arztes zu erfolgen. Er trägt die Verantwortung für das Wohlergehen seines Patienten, also muss er auch über die einzusetzenden Ressourcen entscheiden können. Das beinhaltet natürlich auch den Verzicht auf noch nicht auf ihre Effizienz überprüfte Behandlungsmethoden sowie auf den Einsatz kostenintensiver Diagnostik und Behandlungen bei grenzwertigem Nutzen für den Patienten.

Um die ärztliche Therapiefreiheit bei der immer schwierigeren Finanzierbarkeit zu erhalten, sollten wir uns Rechenschaft über die „Kosten-Nutzen-Rechnung“ unserer Anordnungen geben. Nur so können wir die Interessen unserer Patienten wahren. Dabei müssen die Ärzte ihre Unabhängigkeit von der Medizinprodukte- und Pharmaindustrie bewahren oder wiederherstellen. Nur wenn wir uns selbst beschränken, können wir uns und unsere Patienten vor dem Diktat der Ökonomen retten. In einem Profitcenter wird der Chefökonom Einfluss auf die Art der Behandlung nehmen (direkt oder indirekt). Dem sollten die Ärzte entschlossen und geschlossen entgegentreten.

Wer den Arztberuf gewählt hat und willens ist, der damit verbundenen Berufung und Verpflichtung gerecht zu werden, muss sich der wesentlichen Aussage des hippokratischen Eides stellen: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.“
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