THEMEN DER ZEIT

Medizin, Recht und Ethik: Konflikte als Spiegel der Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2010; 107(14): A-652 / B-567 / C-559

Nedbal, Dagmar

Ist die Medizin in Konfliktsituationen zunehmend überfordert, angemessene Lösungen zu finden? Bedarf sie der Beratung durch Recht und Ethik? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Tagung in Schloss Tutzing.

Medizin ist ohne Recht und Ethik nicht denkbar. Diese These vertrat der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Mitte März in Schloss Tutzing am Starnberger See. Er forderte, für die drei Bereiche ein kooperatives Verhältnis anzustreben. Es könne keine Dominanz nur eines Bereichs hingenommen werden. Fuchs befüchtete allerdings, dass eine „potenzielle, strukturelle Überforderung der Ärztinnen und Ärzte durch das Recht vorgegeben“ sei. Es habe sich bereits eine gewisse „Entfremdung von Kerninhalten“ ärztlicher Tätigkeit breitgemacht. Die Dominanz der Ökonomie, eine überbordende Kontrolle und eine Verrechtlichung bis hin zur Undurchschaubarkeit beeinflussten die heutige Medizin und auch die Gesundheitspolitik.

Etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren ins Schloss Tutzing am Starnberger See gekommen.
Fotos: Dagmar Nedbal
Fuchs ging außerdem auf die Veränderung des Arztbildes ein. Den „umfassend gebildeten Arzt“ gebe es nicht (mehr). Jedoch gelte nach wie vor das Postulat der vollumfänglichen Zuwendung und Fürsorge für die Patientinnen und Patienten, das jedoch Zeit beanspruche. Zeit, die im ärztlichen Beruf stark limitiert worden sei. Hingegen seien in der Medizin Behandlungsstandards, Aufklärung und Dokumentation exponentiell wachsende Felder. Die Normierung stelle sowohl einen Eingriff in die Organisations- und Finanzstrukturen als auch in die Inhalte medizinischer Leistungen dar. Diese seien tagtäglich gegenwärtig. Folglich müsse sich das System selbst vor Überforderung schützen. Bedenklich werde das Ganze, wenn das Recht als Steuerungsmechanismus verabsolutiert werde. Gerade die Effizienzdiskussion in der Medizin trage zur „Sinnentleerung“ des Berufs bei. Verantwortung für diese Entwicklung trügen alle Beteiligten. Fuchs plädierte für ein deutliches Mehr an ärztlicher Zuwendungsmöglichkeit, denn Krankheit und Sterben ließen sich nicht normieren. Die ärztliche Tätigkeit brauche Spielraum und Freiraum für Tun und Unterlassen. Im „Hamsterrad von Pseudoeffizienz und Kontrolle“ werde der Wesenskern des Menschlichen verschüttet. Die Medizin sei gerade dabei, sich selbst zu beschränken und gleichzeitig interdisziplinärer zu werden, was Fuchs am Beispiel der Palliativmedizin verdeutlichte. Doch die Konflikte der drei Disziplinen Medizin, Recht und Ethik seien ein Spiegelbild einer gesellschaftlichen Entwicklung, lautete sein Fazit.

Diese Normierung, dieser politische Wille, sei jedoch demokratisch legitimiert, erwiderte Prof. Dr. jur. Christiane Wendehorst, Universität Wien. Wendehorst thematisierte zunächst „außerrechtliche Regulierungssysteme“, in denen es ganz abstrakt die Bereiche Empirie-Naturwissenschaft, Gewissensentscheidung des Einzelnen und Meinungen bestimmter Gruppen gebe. Die Juristin ging auf die Stärken und Schwächen einer „außerrechtlich regulierten“ beziehungsweise auf eine „selbstregulierte“ Medizin ein. Da das Recht gesellschaftlich und politisch legitimiert sei, könne es viele der in außerrechtlich verankerten Systemen immanenten Schwächen auffangen. Zudem bringe das Recht eine produktive Kooperation ein, wie Gewährleistung von Sicherheit, Entlastung bei Gewissensentscheidung, Patientenrechte, Bewusstmachung von Problemlagen oder Hilfe bei der Qualitätssicherung. Eine rechtlich regulierte Medizin berge folglich auch eine Menge Stärken in sich, da sie eine „demokratisierte Medizin“ sei. Man müsse aber auch die Schwächen sehen, wie die systematische Überbewertung von (Patienten-)Einzelinteressen, die Gefahr bedürfnisferner Lösungen durch die Deduktion von absoluten Werten, die Angst vor Defensivmedizin sowie Belastung des Arzt-Patienten-Verhältnisses.

Diskutierten Konfliktsituationen zwischen Medizin, Recht und Ethik in der Evangelischen Akademie Tutzing: Christoph Fuchs, Gernot Sittner, Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung, und Wolfgang Eisenmenger (von links)
Prof. Dr. med. Georg Marckmann, Universität Tübingen, vertrat die Auffassung, dass Medizin ohne Moral gar nicht denkbar sei. Zur Beantwortung der Arzt-Frage: „Was soll ich tun?“, könne man in drei Bereiche differenzieren: den technischen (ärztlich-pflegerische Expertise), den evaluativen (Patientenwille oder mutmaßlicher Wille durch Angehörige formuliert) und den moralischen (Medizinethik und/oder -recht). Auf diesem Weg gelange man zu einer „prinzipienorientierten Medizinethik“. Moralische Alltagsüberzeugungen führten zu Prinzipien wie Autonomie, Nutzen, Nichtschaden und Gerechtigkeit. Marckmann forderte, die Verbindung von fachlicher und ethischer Expertise unter Einbeziehung der Betroffenen zu forcieren. Er verdeutlichte schließlich die Konvergenz von Ethik und Recht in Sachen Legitimation und Orientierung. Eine Gesellschaft brauche eine rechtliche Regulierung – gerade in einer Gesellschaft der „moralischen Pluralität“. Medizin und Ethik seien durch die interne Moralität nicht voneinander zu trennen, so sein Resümee.

Die Teilnehmer der Tagung waren sich einig, dass eine Verschwendung der Ressourcen unethisch sei, doch sei es fraglich, ob eine Priorisierungsdebatte weiterhelfe. Auch kamen Einwände, dass es nicht nur zu viele Normen gäbe, sondern ebenso organisatorische (selbstauferlegte) Vorgaben und Regularien. In der Vielfalt von Meinungen, in der Pluralität der Gesellschaft ginge es vielmehr darum, eigene Positionen für Ärztinnen und Ärzte zu finden und auch die Berufsordnung laufend zu hinterfragen. Die Medizin bedürfe der Beratung, nicht zuletzt durch Recht und Ethik. Diese Einsicht wurde in Tutzing zum Tagungskonsens.
Dagmar Nedbal

@Alle Referate im Internet:
www.aerzteblatt.de/10652
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige