Supplement: PRAXiS

Gesundheitsinformationen im Internet: Chancen für Patienten und Ärzte

Dtsch Arztebl 2010; 107(15): [6]

Schürer-Maly, Cornelia-C.; Vollmar, Horst

Patienten schätzen vom Arzt empfohlene Internetseiten als besonders vertrauens­würdig ein. Dies kann für die Behandlung und das Arztgespräch hilfreich sein.

Die Beziehung zwischen Patient und Arzt verändert sich: von der patriarchalischen Struktur mit unangefochtenen „Anordnungen“ des Arztes hin zu einem gleichberechtigten Miteinander, bei dem mündige Patienten Entscheidungen zur Diagnose und Therapie gemeinsam mit ihrem Arzt treffen. Diese partizipative Entscheidungsfindung (Shared Decision Making, SDM) wird auch in Deutschland zunehmend praktiziert. Die möglichen Vorteile bestehen in einfacheren Gesprächen mit bereits vorinformierten Patienten und vor allem darin, dass Patienten einvernehmlich getroffene Entscheidungen besser akzeptieren und umsetzen. SDM verlangt aber beiden Seiten qualifizierte Informationen ab beziehungsweise die Kompetenz, sich diese zu beschaffen.

Foto: Fotolia
Das Internet kann hier hilfreich sein; es bietet eine nahezu unbegrenzte Menge von Informationen von allerdings sehr heterogener Qualität. Websites werden von Herstellern mit den unterschiedlichsten Interessen angeboten: von Kliniken, Arztpraxen, verschiedenen Angehörigen medizinischer Berufe, medizinischen Institutionen und der Pharmaindustrie (Kasten 1). Die Qualitätsprüfung ist zeitraubend und nicht immer einfach. Vor allem Patienten sind damit oft überfordert und präsentieren in der Sprechstunde dann Informationen aus dem Internet, die vom Arzt zunächst erklärt und richtiggestellt werden müssen. Andererseits können auf diese Art vorinformierte Patienten in vielen Fällen mit ihrem Arzt schneller zu einer tragfähigen Entscheidung gelangen. Informationen aus dem Internet geben den Patienten potenziell mehr Sicherheit im Gespräch mit dem Arzt. Wie aber steht es mit dem Arzt?

In einer Untersuchung des Psychologischen Instituts der Universität Münster gab weniger als die Hälfte der befragten Ärzte an, häufig bis sehr häufig im Internet zu recherchieren. Ebenso empfahlen nur 25 Prozent der Befragten ihren Patienten Internetseiten, was vermutlich darin begründet ist, dass Ärzte oft keine Kenntnisse über Websites haben, die sich an medizinische Laien richten. Dennoch fanden die Ärzte, dass Internetinformationen die Kommunikation mit ihren Patienten erleichtern und die Mitarbeit bei der therapeutischen Zielerreichung verbessern. In einer US-amerikanischen Untersuchung stimmten zwei Drittel der Patienten und mehr als 90 Prozent der Ärzte darin überein, dass Ärzte ihren Patienten spezifische, medizinische Webseiten empfehlen sollten. Vom Arzt empfohlene Seiten werden als besonders vertrauenswürdig eingeschätzt. In einer europäischen Untersuchung fanden 63 Prozent der befragten Mediziner, dass es wichtig sei, Patienten bei ihrer Internetrecherche unterstützend zur Seite zu stehen.

Auch die befragten Ärzte aus der Münsteraner Studie äußerten mehrheitlich den Wunsch, ihren Patienten qualitativ hochwertige Websites empfehlen zu können. Dabei würden sie am liebsten auf eine zertifizierte Sammlung zurückgreifen. Eine Arbeitsgruppe unter Federführung des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin will Patienten (und Ärzte) bei der Suche nach zuverlässigen Gesundheitsinformationen unterstützen und hat die „Gute Praxis Gesundheitsinformation“ gegründet. Dieses Bündnis, dem mehr als ein Dutzend Verbände, darunter Krankenkassen, ärztliche Institutionen, Selbsthilfe- und Wissenschaftlergruppen, angehören, hat jetzt ein erstes Positionspapier vorgestellt, das auch Grundsätze für die Bewertung von Gesundheitsinformationen enthält. Weitere Publikationen werden folgen (Kasten 2). Ein gutes Internetangebot wäre nicht nur ein Zeichen von Kompetenz, sondern auch eine Dienstleistung, die das Vertrauensverhältnis der Patienten zu ihrem Arzt steigern und das Gewicht der ärztlichen Empfehlung verstärken kann. Cornelia-C. Schürer-Maly, Horst Vollmar

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Cornelia-C. Schürer, Abt. Allgemeinmedizin Universitätsklinikum Düsseldorf, Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf, E-Mail: cornelia.schuerer@med.uni-duesseldorf.de


Webadressen für evidenzbasierte Patienteninformationen
Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ):
www.patienten-information.de

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG):
www.gesundheitsinformation.de

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM):
www.degam.de/typo/index.php?id=fertiggestellteleitlinien

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin:
www.ebm-netzwerk.de/patienten

Websites von Krankenkassen


Qualitätskriterien für Webseiten (für Ärzte und Patienten)
- Interessenneutralität
- Werbefreiheit
- Qualitätssiegel (HON, afgis)
- Gut auffindbares Impressum
- Gut auffindbare Kontaktmöglichkeit
- Aktualität (letztes Update)
- Ausgewogenheit verschiedener Sichtweisen
- Verständliche Sprache (für medizinische Laien)
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1.
Diaz J, Sciamanna C, Evangelou E, Stamp M, Tom Ferguson T: Brief Report: What Types of Internet Guidance Do Patients Want from Their Physicians? J Gen Intern Med 2005; 20: 683–685 MEDLINE
2.
Stadler M, Bromme R, Kettler S: Dr. Google – geschätzter Kollege? ZAllg Med 2009; 85(6): 254–59
1. Diaz J, Sciamanna C, Evangelou E, Stamp M, Tom Ferguson T: Brief Report: What Types of Internet Guidance Do Patients Want from Their Physicians? J Gen Intern Med 2005; 20: 683–685 MEDLINE
2. Stadler M, Bromme R, Kettler S: Dr. Google – geschätzter Kollege? ZAllg Med 2009; 85(6): 254–59

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