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MEDIZIN: Originalarbeit

Kennzahlen und Qualitätsindikatoren einer medizinischen Notaufnahme

Numerical Parameters and Quality Indicators in a Medical Emergency Department

Dtsch Arztebl Int 2010; 107(15): 261-7; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0261

Dormann, Harald; Diesch, Katharina; Ganslandt, Thomas; Hahn, Eckhart G.

Hintergrund: Trotz der Forderung nach verbesserter Qualität und mehr Effizienz in Notaufnahmen existieren kaum Qualitätsindikatoren und eine Methode zur Effizienzberechnung ist bisher nicht publiziert. Anhand der vorliegenden Studie sollen beispielhaft Kennzahlen einer medizinischen Notaufnahme dargestellt und potenzielle Qualitätsindikatoren benannt werden.
Methoden: Über einen Zeitraum von 12 Monaten wurden alle Patientenkontakte der medizinischen Notaufnahme anhand von Patientenfluss, Diagnosen und Behandlungseinheiten analysiert. Durch den systematischen Vergleich von Aufnahme- zu Entlassungsdiagnose wurde die diagnostische Übereinstimmung (dÜ) und die diagnostische Effizienz (dEff) als dü × 100/Aufenthaltsdauer berechnet.
Ergebnisse: Von den 6 683 behandelten Patienten wurden 64,6 % stationär weiter versorgt. Das Diagnosespektrum der ambulanten unterschied sich deutlich von dem für stationäre Patienten. Krankheiten des Herzens, des Gastrointestinaltraktes und der Lunge wurden meist stationär behandelt. Die Patientenkontakte folgten einer konstanten Tages- und Wochenrhythmik. Für das Gesamtkollektiv betrug die dÜ 71 %. Bei einer mittleren Aufenthaltsdauer von 116 Minuten betrug die dEff 0,61/min. Mit 92 % war die dÜ am höchsten für Patienten mit Vorhofflimmern/-flattern und die dEff mit 0, 85/min für Patienten mit akuten Myokardinfarkt. In 14 % der Fälle war eine intensivmedizinische Weiterbehandlung notwendig.
Schlussfolgerung: Kennzahlen und Qualitätsindikatoren einer Notaufnahme können transparent dargestellt werden. Die dÜ und dEff können als Parameter zur diagnosebezogenen und abteilungsinternen Qualitätsbeurteilung dienen.
Zunehmend werden Patienten über den Rahmen der ambulanten Notfallversorgung hinaus als Notfälle in Kliniken eingewiesen. So konnten am Universitätsklinikum Erlangen jährliche Steigerungsraten von bis zu 10 % registriert werden. Ein großer Anteil der Patienten stellt sich auch aufgrund der kontinuierlichen Verfügbarkeit von medizinischen Leistungen selbstständig in den Kliniken vor (1, 2).

Die Organisationsstruktur der Notaufnahme ist nicht nur in Abhängigkeit von der Verzahnung mit den Rettungsdiensten und den Rahmenbedingungen einer Klinik sehr heterogen. Unterschiedliche Organisationsformen reichen von Aufnahmeambulanzen, in denen eine Triage durchgeführt wird, bis hin zu Spezial-Notfallambulanzen („chest pain unit“) oder einer Aufnahmestation für Notfälle, in der erst nach einer zeitlichen Latenz – zum Beispiel am nächsten Morgen – über die weitere fachspezifische Verlegung entschieden wird (1, 36).

Obwohl die Etablierung von Sichtungskonzepten zum Qualitätsstandard im Notaufnahmebereich geworden ist und sich hierbei auch Zeitintervalle, zum Beispiel vom Eintreffen des Patienten bis zum Arzt-/Pflege-Kontakt, nachvollziehbar messen lassen, können hieraus keine Aussagen zur Qualität – im Sinne der Korrektheit – oder zur Dauer bis zur Stellung einer Diagnose gemacht werden.

Letztlich fehlen Qualitätsindikatoren in einem heterogenen Feld zwischen ambulanter hausärztlicher und stationärer Krankenversorgung (4, 7).

Die zentralen Anforderungen an eine Notaufnahme sind aber homogen. Sie bestehen darin, den akut bedrohlichen Krankheitszustand des Patienten zu erkennen, ihn adäquat zu behandeln oder ihn einer adäquaten Behandlung zuzuführen. Dieses Vorgehen umfasst eine nach Leitsymptomen orientierte Primärdiagnostik und Risikostratifizierung, die Erstversorgung, sowie die Organisation der weiterführenden fachspezifischen Diagnostik und Therapie (1, 2, 6, 8).

In der vorliegenden Studie soll überprüft werden, ob anhand dokumentationspflichtiger und elektronisch verfügbarer Daten des Krankenhausinformationssystems (KIS) objektivierbare Kennzahlen einer Notaufnahme ermittelt und als potenzielle Qualitätsindikatoren herangezogen werden können.

Methode
In einer retrospektiven Untersuchung wurden alle Patientenkontakte der medizinischen Notaufnahme am Universitätsklinikum Erlangen über einen Zeitraum von zwölf Monaten in die Studie miteinbezogen. Patientenbewegungen im Tages- und Wochenprofil, Aufnahme- und Entlassungsdiagnosen sowie die jeweiligen Behandlungszeiten in der Notaufnahme wurden analysiert.

Die medizinische Notaufnahme des Universitätsklinikums versorgt neben der chirurgischen und der neurologischen Notaufnahme Patienten aus dem Großraum Erlangen mit mehr als 100 000 Einwohnern und dem Umland. Darüber hinaus hat das Universitätsklinikum überregionale Bedeutung, sodass zusätzlich Patienten aus anderen Bezirken über die Notaufnahme ins Klinikum gelangen. Die Universitätsklinik umfasst 23 Kliniken mit circa 1 400 Betten. Patienten werden in der
In der medizinischen Notaufnahme erfolgt dann die primäre Sichtung der Patienten mit weiterführender, leitsymptomorientierter Diagnostik und Therapie anhand klinikinterner Standards.

Die Notaufnahme ist jeweils durch einen Arzt ab dem dritten Weiterbildungsjahr mit der Qualifikation „Notfallmedizin“ oder „Fachkunde Rettungsdienst“ und mindestens einjähriger intensivmedizinischer Erfahrung im 3-Schicht-Betrieb sowie kontinuierlicher fachärztlicher Betreuung als Hintergrund in Rufbereitschaft besetzt. Insgesamt stehen acht Monitorplätze als akute Behandlungseinheit zur Verfügung. Eine kurzstationäre Betreuung in der Notaufnahme ist nicht vorhanden. Weiterführende Interventionen wie zum Beispiel Notfallendoskopien werden in der Endoskopieabteilung oder auf der Intensivstation durchgeführt.

Datenmanagement
Die Datenakquisition erfolgte auf Basis einer zentralen Datensammlung („Data Warehouse“) des Universitätsklinikums. Dort werden Daten sowohl aus zentralen Informationssystemen als auch aus verschiedenen Abteilungssystemen zusammengeführt und somit integrierten Auswertungen zugänglich gemacht. Die Auswertungen wurden sowohl über direkte SQL-Datenbank-Abfragen als auch über eine integrierte Benutzeroberfläche mit grafischen Analysemöglichkeiten umgesetzt (9).

Die gesamte Kohorte medizinischer Notaufnahmen konnte anhand von Organisationseinheiten, Fallartwechseln und ICD-10-Hauptdiagnosen identifiziert, und der resultierende Datensatz unter verschiedenen klinischen Gesichtspunkten analysiert werden.

Diagnosearten
Aufnahme-, Entlassungs- und Krankenhaushauptdiagnosen entsprechen der Definiton der Deutschen Kodierrichtlinien und wurden dem Krankenhausinformationssystem (KIS) entnommen. Die Diagnosen wurden nach Diagnosegruppen (einstelliger ICD) oder nach Einzeldiagnosen (dreistelliger Code) analysiert.

Diagnosenbezogene Aufenthaltsdauer
Die Aufenthaltsdauer bezeichnet ein Zeitintervall in Minuten und wird berechnet aus der Differenz zwischen dem Zeitpunkt der administrativen Registrierung eines Patienten und dem Zeitpunkt der Verlegung zu einer anderen Organisationseinheit als der Notaufnahme, dokumentiert im KIS. Die Aufenthaltsdauer eines Patienten – bezogen auf dessen Aufnahmediagnose – wird im Folgenden diagnosebezogene Aufenthaltsdauer genannt.

Diagnostische Übereinstimmung und diagnostische Effizienz
Die Aufnahmediagnosen basieren auf der Anamnese, der klinischen Untersuchung durch den aufnehmenden Arzt in der medizinischen Notaufnahme, den Notfalluntersuchungen (zum Beispiel Labor, Röntgen und EKG) sowie weiteren diagnostischen Maßnahmen – hinterlegt im KIS als Diagnosecode. Die Entlassungsdiagnose – ebenfalls hinterlegt im KIS als Code – fußt auf den gesamten, während des stationären Aufenthaltes gewonnenen Informationen und Daten, sowie der Kenntnis der Aufnahmediagnose. Diese stellt im Folgenden die Referenzdiagnose zur Ermittlung der diagnostischen Effizienz (dEff) dar. Unter der Annahme, dass eine in der Notaufnahme gestellte Aufnahmediagnose (ICD) als Entlassungsdiagnose verifiziert wurde, kann hierbei innerhalb einer Gruppe die diagnostische Übereinstimmung (dÜ) als relative Häufigkeit einer Übereinstimmung von der Diagnose in der Notaufnahme mit der Krankenhaushauptdiagnose errechnet werden.

Legt man die dÜ und die jeweilige ICD-basierte Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme (kürzeste, längste und mittlere Aufenthaltsdauer in Minuten) zugrunde, kann die ICD-basierte diagnostische Effizienz (dEff) für die kürzeste Aufenthaltsdauer (dEff-kurz), für die längste Aufenthaltsdauer (dEff-lang) und für die mittlere Aufenthaltsdauer (dEff) nach der Formel in Grafik 1 (gif ppt) berechnet werden.

Statistik
Die erhobenen Daten wurden tabellarisch erfasst und mit dem Programm SPSS Version 13 ausgewertet. Die deskriptiven Ergebnisse kontinuierlicher Variablen wurden angegeben als

• Minimum
• Maximum
• Mittelwert
• Median
• Standardfehler (SD)
• Schiefe
• Standardfehler der Schiefe (SF).

Ergebnisse
Im Studienzeitraum wurden in der Notaufnahme 6 683 Patienten behandelt. 4 321 (64,6 %) Patienten wurden stationär im Klinikum weiterversorgt. Das mittlere Alter betrug 67,4 Jahre (min 18, max 104), 52,4 % der Patienten waren weiblich. Von den stationär aufgenommenen Patienten starben im weiteren Behandlungsverlauf 270 (6,2 %). 2 362 Patienten (im Mittel 49,2 Jahre, min 18, max 96; 45,7 % weiblich) konnten nach Diagnostik und Therapie durch die Notaufnahme direkt wieder entlassen werden.

Patientenkontakt im Tages- und Wochenprofil
Das Tagesprofil ergibt unabhängig vom Wochentag den größten Zuwachs an Patienten zwischen 8 und 11 Uhr, wobei um 11, 14 und 19 Uhr Behandlungsgipfel auftraten (Grafik 2 gif ppt).

Parallel zur Zahl der Patientenkontakte, unabhängig von der Tageszeit, entwickelte sich die Zahl der stationären Aufnahmen. Unter den stationär zu behandelnden Patienten wurden 5 % auf eine nichtinternistische Station aufgenommen. 14 % der Patienten wurden intensivmedizinisch weiterbetreut.

Ambulantes und stationäres Diagnosenspektrum
Es wurden 8 626 Aufnahmediagnosen (ICD – einstellig bis dreistellig) durch die behandelnden Ärzte dokumentiert. Hiervon entfielen 4 973 Diagnosen zum Zeitpunkt der Aufnahme auf 4 321 stationäre und 3 653 Diagnosen auf 2 362 ambulante Patienten. Die drei häufigsten Aufnahmediagnosen – fachspezifisch gegliedert – zeigt Tabelle 1 (gif ppt).

Qualitätsindikatoren
Im Folgenden werden Daten des klinischen Informationssystems über Aufnahme- und Entlassungsdiagnosen sowie die diagnosebezogene Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme – zum teil fachspezifisch gegliedert – als Kennzahlen und die daraus entwickelte Übereinstimmung und Effizienz als potenzielle Qualitätsindikatoren dargestellt.

• Aufnahme- und Entlassungsdiagnose
Von insgesamt 4 973 Aufnahmediagnosen konnten 71 % als Entlassungsdiagnose bestätigt werden. Bei 29 % der Patienten wurden zusätzlich 2 160 Behandlungsdiagnosen kodiert. Die Häufigkeitsverteilung dieser Diagnosen ergab eine breite Streuung. Am Häufigsten waren die gastrointestinale Blutung (K92.2), die Exsikkose sowie Synkope und Kollaps (R55), Dyspnoe (R06.0), Angina pectoris (I20.0), Linksherzinsuffizienz (I50.1), der Harnwegsinfekt (N39.0), die akute Blutungsanämie (D 62) und der akute subendokardiale Myokardinfarkt (I21.4).

• Diagnosebezogene Aufenthaltsdauer
Die mittlere Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme betrug 116 Minuten (min 1 Minute, max 952 Minuten, SD 77 Minuten, Schiefe 2, SF 0,038). Die fachspezifische Aufenthaltsdauer ergab folgende Behandlungszeiten:

Gastroenterologie/Hepatologie – In dieser Gruppe konnten Patienten mit gastrointestinalen Blutungszeichen (K92) nach 80 Minuten, akuter Pankreatitis (K85) nach 88 Minuten, sonstigen Krankheiten der Gallenwege (K83) nach 98 Minuten, alkoholischer Leberkrankheit (K70) nach 90 Minuten, nichtinfektiöser Gastroenteritis oder Kolitis (K52) nach 114 Minuten und mit Cholelithiasis (K80) nach 130 Minuten Behandlung verlegt werden.

Bei den häufigsten Einzeldiagnosen fiel auf, dass zum Beispiel Patienten mit einem akuten Ulkus ventrikuli oder duodeni mit Blutung (K25.0, K26.0) nach 55 Minuten beziehungsweise 47 Minuten, aber Patienten mit einem chronischem Ulkus duodeni mit Blutungsstigmata (K26.4) erst nach 138 Minuten verlegt wurden.

Pneumologie – In dieser Gruppe wurden Patienten mit Aspirationspneumonien (J69) nach 88 Minuten, mit respiratorischer Insuffizienz (J96) nach 102 Minuten, mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (J44) nach 108 Minuten und mit Pneumonien (J18; J15) nach 112 Minuten verlegt. Patienten mit Lungenembolie und Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz (I26.0) wurden in der Notaufnahme für 98 Minuten und ohne Zeichen der Rechtsherzinsuffizienz (I26.9) für 156 Minuten behandelt.

Kardiologie – Betrachtet man die häufigsten Diagnosecodes, so zeigt sich für Kreislauferkrankungen (I) bei Vorhofflimmern/-flattern (I48) eine mittlere Aufenthaltsdauer von 109 Minuten und für Herzinsuffizienz (I50) von 123 Minuten.

Im Bereich der Einzeldiagnosecodes zeigte sich ein etwas differenzierteres Bild: So ergab sich für den akuten transmuralen Myokardinfarkt der Vorderwand (I21.0) und den akuten transmuralen Myokardinfarkt der Hinterwand (I21.1) eine Aufenthaltsdauer von 26 beziehungsweise 20 Minuten.

Diagnostische Übereinstimmung und diagnostische Effizienz
Unter den 4 321 stationär behandelten Patienten betrug die dÜ zwischen Aufnahme- und Entlassungsdiagnose 0,71. Tabelle 2 (gif ppt) gibt einen Überblick über die dÜ der drei häufigsten Aufnahmediagnosen. Hierbei zeigt sich, dass die dÜ mit 0,92 am höchsten war für Patienten mit Vorhofflimmern/-flattern (I48), gefolgt einer dÜ von 0,89 für Patienten mit akutem Koronarsyndrom (I20/21) und einer dÜ von 0,89 für Patienten mit chronisch obstruktiver Atemwegserkrankung (J44).

Die mittlere diagnostische Effizienz (dEff) war mit 0,85/min am größten für Patienten mit akutem Koronarsyndrom und mit 0,84/min ähnlich hoch für Patienten mit akuter Pankreatitis, gefolgt von einer dEff von 0,81/min für Patienten mit Vorhofflimmern/flattern.

Die niedrigsten Werte von 0,16/min, 0,19/min und 0,37/min wurden für Patienten mit den Aufnahmediagnosen respiratorische Insuffizienz (J96), Volumenmangel (E86) oder Störung des Elektrolyt-, Wasser- sowie Säuren-Basen-Haushalts (E87) berechnet.

Auf die Gesamtkohorte der Abteilung bezogen betrug die dEff 0,61/min (dEff-kurz 71,00/min, dEff-lang 0,07/min).

Diskussion
Es gehört zu den Herausforderungen einer Notaufnahme, über eine indizierte stationäre Aufnahme zu entscheiden. Befunde und Symptome werden durch den Notaufnahmearzt einer Aufnahmediagnose zugeordnet, die die stationäre Aufnahme rechtfertigt und einer Überprüfung zum Beispiel durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) standhalten muss.

Primäre Fehlbelegungen gilt es hierbei ebenso zu vermeiden wie die „blutige Entlassung“ (1, 2, 3, 6, 10, 11). Die Indikation zur Aufnahme war in dieser Studie unabhängig von der Uhrzeit und entwickelte sich parallel zur Gesamtzahl der Patientenkontakte pro Zeiteinheit.

Die Patientenfrequentierung (Grafik 2) zeigt einen für Notaufnahmen typischen circadianen Rhythmus, der nicht durch die Erkrankungsschwere geprägt wird (1, 4, 10, 12, 13). Während ambulant behandelte Patienten ein breites Diagnosenspektrum aufweisen, und Symptome wie Fieber, Übelkeit, Husten oder unspezifischer Oberbauchschmerz mit einem Gesamtanteil von 44 % dominieren, stehen bei den stationär betreuten Patienten mit 59 % klar definierte fachspezifische Diagnosen im Vordergrund. Symptome und abnorme Laborbefunde standen an vierter Stelle der stationären Diagnosen, wobei die Synkope/Kollaps eine dominierende Rolle einnimmt. Eine leitsymptomorientierte Vorgehensweise in der Primärdiagnostik erscheint daher als Standard in Notaufnahmen sinnvoll (1, 6, 8, 13).

Die Korrektheit der Diagnose stellt hierbei ein Qualitätsmerkmal einer Notaufnahme dar (14). In der vorliegenden Studie wurde diese durch die dÜ retrospektiv abgeschätzt. Es zeigte sich, dass spezifische Diagnosen wie Herzrhythmusstörungen, das akute Koronarsyndrom, die chronisch obstruktive Atemwegserkrankung oder die akute Pankreatitis überdurchschnittlich häufig bereits in der Notaufnahme richtig erkannt wurden. Demgegenüber wurden unspezifische Verlegungsdiagnosen wie Störungen des Elektrolythaushaltes oder die respiratorische Insuffizienz als solche zumeist nicht bestätigt.

Da in der klinischen Notfallmedizin der Zeitfaktor eine wesentliche Rolle für die Prognose darstellt, wurde neben der dÜ die diagnosebezogene Aufenthaltsdauer als weitere Maßzahl hinzugezogen (1518).

Die diagnosebezogene Aufenthaltsdauer als alleiniger Qualitätsindikator birgt jedoch die Gefahr der Fehleinschätzung bei der Effizienzbeurteilung einer Notaufnahme (19, 20). So stellt zum Beispiel die in der Literatur viel zitierte „golden hour“ oder „door to ballon time“ lediglich den Zeitaspekt für den Patienten mit bereits gesicherter Diagnose in den Vordergrund (17, 18). Aus der Perspektive einer Abteilungskohorte werden falschnegativ diagnostizierte Fälle aber nicht erfasst, und somit kann keine mittlere Aufenthaltsdauer bestimmt werden (19, 20). Demgegenüber wird dem Spagat der Notaufnahme, nämlich der korrekten Diagnosestellung pro Zeiteinheit, nicht Rechnung getragen. Durch die dEff als neues kombiniertes Kriterium fließen aber beide Maßzahlen in die Qualitätsbeurteilung mit ein. Theoretisch können (bei einer Behandlungsdauer > 1 min) Werte zwischen 0 und 100 für die dEff errechnet werden. Da der Diagnoseprozess Schritte erfordert, die auch im optimalen Fall eine Mindestzeit beanspruchen (zum Beispiel Beinvenenthrombose: Untersuchung, D-Dimere, Sonographie) kann der maximale Wert von 100 praktisch nicht erreicht werden. Der in der jeweiligen Diagnosegruppe optimale Behandlungsfall wird durch die dEff-kurz und der Fall mit der längsten Aufenthaltsdauer durch die dEff-lang berechnet.

Eine Optimierung des Diagnoseprozesses ist durch die systematische Identifikation solcher besonderen Fälle erst möglich.

In der vorliegenden Arbeit betrug die dÜ 0,71 bei einer dEff von 0,61/min für das Gesamtkollektiv.

Die höchste diagnosebezogene dEff mit 0,85/min (dEff-kurz = 88,97; dEff-lang = 0,11) wurde hierbei für Patienten mit akutem Koronarsyndrom erreicht. Die niedrigste dEff mit 0,16/min (dEff-kurz = 18,92; dEff-lang = 0,06) ergab sich für Patienten mit unspezifischen Diagnosen wie respiratorische Insuffizienz, die häufig Ausdruck einer unklaren Diagnose zum Verlegungszeitpunkt sind. Eine der Notaufnahme zugeordnete Bettenstation würde wahrscheinlich zu einer Steigerung der dÜ und eventuell der dEff für diesen Behandlungsbereich beitragen (21, 22).

Die Abhängigkeit von den örtlichen Gegebenheiten sollte hierbei aber eine untergeordnete Rolle spielen, weil es, wie bereits erwähnt, für die Behandlung bestimmter Diagnosen Zeitvorgaben („door to needle time“) gibt, die auch in unterschiedlichen Kliniken durch organisatorische und technische Maßnahmen (zum Beispiel Katheterbereitschaft) sichergestellt werden müssen (15, 23, 24).

Kritisch muss angemerkt werden, dass im Rahmen dieser Studie die Daten retrospektiv aus der Dokumentation des KIS gewonnen wurden. Ob es im Falle einer prospektiven Erfassung solcher Daten zum Zwecke der Qualitätsdokumentation zu signifikanten Abweichungen kommt, muss prospektiv untersucht werden. Ferner unterliegt die Korrektheit (Zuverlässigkeit und richtige Zuordnung) der Diagnosencodes der jeweiligen Kodierqualität. Wie aus Sektionsstudien bekannt, unterliegt die klinisch diagnostische Richtigkeit zur Ermittlung von Diagnosen einer bestimmten Fehlerquote, die in dieser Studie wie auch im Großteil anderer klinischer Studien nicht berücksichtigt wurden (19, 20). Eine weitere Limitation der Studie ist, dass nicht die Zeitdauer vom Eintreffen des Patienten bis zur Verlegung sondern die Zeitdauer von der administrativen Aufnahme bis zur Verlegung erfasst wurde. Zudem ging nicht in die Analyse mit ein, wie sich die Art der Aufnahme (zum Beispiel Einweisung, Notarzt), des Aufnahmezeitpunktes (Tag, Nacht) oder des jeweiligen Ausbildungsstandes der Ärzte auf die dEff auswirken. Für nicht internistische Krankheitsbilder (weniger als 5 %) wurde keine dEff berechnet. Die Auswirkungen der Qualitätsindikatoren auf wichtige Hauptzielkriterien wie beispielsweise die Zeitdauer bis zum Ansprechen der Therapie, die Krankenhausaufenthaltsdauer, den Genesungserfolg oder die Mortalität wurden nicht untersucht. Die Etablierung der in dieser Studie neu vorgestellten potenziellen Qualitätsindikatoren setzt daher einen Validierung voraus. Dennoch handelt es sich um elektronisch aus dem KIS generierbare Kennzahlen, die den Arbeitsablauf einer Notaufnahme charakterisieren und jeder Notaufnahme zur Verfügung stehen. Es wurden bewusst klar definierte Parameter wie Zeitintervalle und codierte Diagnosen gewählt, die auch einer externen Begutachtung standhalten.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 6. 11. 2008, revidierte Fassung angenommen: 14. 9. 2009


Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Harald Dormann
Klinikum Fürth
Jakob Henle Straße 1
90766 Fürth
E-Mail: harald.dormann@klinikum-fuerth.de


SUMMARY
Numerical Parameters and Quality Indicators in a Medical Emergency Department
Background: Despite calls for improved quality and efficiency in medical emergency departments, there exist hardly any quality indicators, and no methods of calculating efficiency have been published to date. The present study illustrates a means of presenting numerical parameters of a medical emergency department and of identifying potential quality indicators.
Methods: Over a period of 12 months, all patient contacts of the medical emergency department in the University hospital of Erlangen were analyzed with respect to patient flow, diagnoses, and treatment units. The diagnostic agreement (DA) parameter was calculated from a systematic comparison of admitting and discharge diagnoses, and diagnostic efficiency (DE) was defined and calculated as the quotient of DA x100 divided by the length of stay in the emergency department.
Results: Among the 6683 patients treated, 64.6% underwent further in-hospital care. The diagnostic spectrum of the outpatients differed markedly from that of the inpatients. Patients with diseases of the heart, gastrointestinal tract, and lungs were usually admitted to the hospital for further treatment. Patient contacts had a characteristic circadian and weekly rhythmic pattern. For the overall patient collective, the DA was 71%. The mean length of stay in the emergency department was 116 minutes, and the DE was therefore 0.61/min. The DA was highest (92%) among patients with atrial flutter or fibrillation, while the DE was highest (0.85/min) among patients with acute myocardial infarction. 14% of the patients required further treatment in intensive care.
Conclusion: Numerical parameters and quality indicators for a hospital emergency department can be presented in transparent fashion. DA and DE can be used as parameters for diagnosis-related and intradepartmental quality assessment.

Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2010; 107(15): 261–7
DOI: 10.3238/arztebl.2010.0261

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
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