SCHLUSSPUNKT
Schach: Ein komponierender Urologe
Dtsch Arztebl 2010; 107(15): [108] / [108] / [108]


Dr. med. Helmut Pfleger
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Die „Sächsische Zeitung“ muss eine gute Zeitung sein. Schließlich berichtete sie im November 2008 ausführlich über die Schacholympiade in Dresden und ließ dabei sogar mich einmal zur Doping-problematik zu Wort kommen. Keine Angst, nichts davon an dieser Stelle. Sehr wohl will ich aber mitteilen, dass der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück während der Olympiade in dieser Zeitung einen höchst vergnüglichen Artikel unter der Überschrift „Warum Schach dem Fußball ebenbürtig ist“ schrieb. Bevor Sie jetzt empört aufschreien und das „Königliche Spiel“ nicht auf eine Stufe mit ordinärem Fußballgekloppe gesetzt sehen wollen – als Einsprengsel dazu Umberto Eco: „Als mein Vater mich als Junge einmal mit ins Fußballstadium nahm und ich 22 Menschen hinter einem Ball herlaufen sah, um diesen mal in die eine, dann in die andere Richtung zu treten, verstand ich erstmals die Absurdität der Welt“ –, will ich Steinbrück selbst zitieren: „. . . Zu den unerklärlichen Phänomenen unserer Zeit gehört neben der Wettervorhersage und dem Steuerrecht (sic!), dass Schach in Deutschland ganz weit hinter König Fußball rangiert. Das muss nicht so bleiben. Hoffentlich werden viele merken, dass Schach und Fußball zumindest ebenbürtig sind, was Dramatik und Spannung angeht, von Strategie und Taktik ganz zu schweigen. Und dass Schach – von Trainerwechseln, Elfmetern und Platzverweisen abgesehen – viel mehr Abwechslung bietet als Fußball: Hier fallen keine Tore, sondern Bauern, Türme, Springer, Läufer und Damen – und am Ende der König. Klassische Zweikämpfe dauern keine zehn oder maximal 20 Sekunden, sondern Stunden und gehen gelegentlich sogar über mehrere Tage.
Und es gibt noch mehr Gründe, warum Schach so viele Menschen jeden Alters ans Brett fesselt: Weil es hierbei auf strategisches Denken, auf Mut zum (kalkulierten) Risiko, Durchhaltevermögen, Geradlinigkeit, Geduld und die Fähigkeit ankommt, den entscheidenden Zug im richtigen Moment zu tun – also wie im richtigen Leben.
Boris Becker setzte sogar noch eins drauf, als er erklärte, Schach sei schon deshalb ein sehr realistisches Spiel, weil niemand stärker als die Dame sei. Das zu kommentieren, will ich mir mit Blick auf die Kräfteverhältnisse in der Bundesregierung und bei mir zu Hause verkneifen. Sonst bin ich schon vor dem ersten Zug schachmatt.“
So weit der leidenschaftliche und gute Schachspieler Steinbrück, der einmal dem russischen Weltmeister Wladimir Kramnik fast ein Remis abgetrotzt hätte – Steinbrück: „Das wäre besser als Minister gewesen.“ Nun aber zum Dresdener Urologen Dipl.-Med. Matthias Hentschel, der in der „Sächsischen Zeitung“ regelmäßig die von ihm komponierten Schachprobleme veröffentlicht. Einige schickte er mir lustigerweise auf der Rückseite der Aufforderung zur Harnflussmessung und Restharn-bestimmung (bitte ausreichend trinken und mit gefüllter Harnblase in der Praxis melden!) zu, unter anderem das folgende: Wie erzwingt Weiß ein Matt in drei Zügen?
Bei der Gelegenheit vielleicht eine Anregung: Warum nicht die Probleme auf eine Tapete drucken und an die Wand der Toilette kleben? Vielleicht fördern ja Erfolgserlebnisse beim Lösen den Urinfluss? Oder ist es dummerweise umgekehrt?
Lösung:
Der Schlüsselzug ist 1.La3! Schwarz ist gezwungen, den Turm zu schlagen: 1. . . . Kxe3. „Beseitigung hinderlicher Masse“, schreibt Dr. Hentschel dazu. Nun aber kommt der Läufer schnurstraks zurück: 2. Lc1+ und zwingt den schwarzen König ebenfalls wieder auf sein Ausgangsfeld: 2. . . . Kd4. Nur ein kleiner Unterschied zur Ausgangsstellung: Der hinderliche Turm ist weg und so der Platz frei für den Bauern: 3. e3 matt.
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