POLITIK

Das Gespräch mit Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. mult. Karsten Vilmar, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer: „Die Ärzteschaft muss sich in die Gesundheitspolitik einmischen“

Dtsch Arztebl 2010; 107(16): A-736 / B-644 / C-632

Jachertz, Norbert

Hoch angesehen und vielfach geehrt: Karsten Vilmar wird zwar am 24. April 80 Jahre alt, ist aber aktiv wie eh und je – in zahlreichen Ehrenämtern auf nationaler und internationaler Ebene. Aus der Erfahrung von mehr als 40 Jahren Engage­ments für die Ärzteschaft kommentiert der ehemalige Präsident der Bundes­ärzte­kammer im Gespräch mit Norbert Jachertz und Heinz Stüwe, dem früheren und dem heutigen Chef­redakteur des Deutschen Ärzte­blattes, die gesund­heits­politische Lage.
Über Wirtschaftlichkeit in der Medizin und humane Gesundheitsziele. Von Teamgeist im Krankenhaus und Aufgabenteilung zwischen ambulant und stationär. Über die Wiedervereinigung und das persönliche Amtsverständnis

Links von Vilmar ein Bild von Albert Schweitzer in Öl. Es wirkt ein bisschen altmodisch in dem kühlen Besprechungsraum. Der Blick fällt auf das nagelneue Gebäude des Gemeinsamen Bundesausschusses, des Wächters der gesetzlichen Krankenversicherung über Nutzen, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit in der Medizin.

Wir sitzen mit Professor Karsten Vilmar an einem frischen Frühlingstag im Haus der Bundesärztekammer in Berlin, um, ja, nicht um eine Lebensbilanz zu ziehen, obwohl Vilmar am 24. April 80 Jahre alt wird, sondern um über aktuelle Gesundheitspolitik zu sprechen. Denn der langjährige Präsident der Bundesärztekammer hat zwar Abstand gewonnen, seitdem er 1999 von Bord ging, doch er mischt noch immer mit. Als Ehrenpräsident der Bundesärztekammer nimmt er zuverlässig an (fast) jeder Vorstandssitzung teil.

Unverändert ist Vilmars Art zu formulieren. Trocken und treffend. Zur Freude seiner Freunde, zur Entrüstung der Gegner. Auch jetzt wieder kommentiert er, fröhlich provozierend, die Lage: Nimmt etwa das ökonomische Denken unter Ärzten überhand? „Nicht generell“, meint Vilmar. „Geld ist nun mal das adäquate Erziehungsmittel für Erwachsene.“ Doch von Ärzten werde dauernd gefordert, wirtschaftlich zu denken. „Es wird von Gesundheitswirtschaft gesprochen, und dann guckt man erstaunt, wenn sich die Leute so verhalten, wie das in der Wirtschaft üblich ist.“

Oder: Die Umstellung auf Diagnosis Related Groups habe das betriebswirtschaftliche Denken im Krankenhaus erheblich gefördert. Nachteil sei, dass „damit der Patient wie ein Werkstück am Fließband bearbeitet wird“. Vorteil sei jedoch die Übersicht über das Leistungsgeschehen und damit die Chance zu einer besseren Krankenhausplanung: „Statt des mitternachtswarmen Betts sollte die Leistungsfähigkeit zugrunde gelegt werden.“

Dieses Arbeitgebergewinsel . . .
Oder: „Das Arbeitgebergewinsel wegen der Lohnnebenkosten ist mir unverständlich.“ Vilmar spricht von der Lohnnebenkostenlüge („Der Begriff stammt ursprünglich von mir.“). Denn mehr als die Hälfte der Lohnnebenkosten sei freiwillig von Arbeitgebern und Gewerkschaften vereinbart worden.

„Wenn wir bei der jetzigen Finanzierung des Gesundheitswesens bleiben, dann werden wir irgendwann priorisieren müssen.“ Fotos: Georg J. Lopata
Ein Vilmar-Diktum wurde legendär: das „sozialverträgliche Frühableben“, das „Unwort“ des Jahres 1998. Vilmar hatte damit auf die Folgen einer konsequenten Budgetierung – von der Finanz- über die Leistungs- zur Lebenszeitbudgetierung – sarkastisch aufmerksam machen wollen. „Das darf nicht Ziel einer humanen Gesundheitspolitik sein“, rief er 1999 auf dem Deutschen Ärztetag in Cottbus der damaligen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) zu. Bis heute sieht er keinen Anlass, von seiner Analyse abzurücken. So habe er schon 1977 vor der Wittheit, einer wissenschaftlichen Vereinigung in Bremen, argumentiert. „Wir können nicht alles, was wir technisch und wissenschaftlich machen könnten, durchführen, weil dazu die Mittel nicht reichen, Das ist so wie mit der Mondfahrt: Wir können Menschen zum Mond bringen und zurück, wir können daraus aber keinen Linienverkehr machen.“ Er habe damals schon davor gewarnt, den betriebswirtschaftlichen Begriff der Wirtschaftlichkeit auf die Medizin zu übertragen.

Trotz oder vielleicht gerade wegen solcher Vorbehalte setzte sich Vilmar in seinen umfangreichen Referaten auf Deutschen Ärztetagen immer wieder mit der Ökonomie auseinander. Er gehörte auch zu den Ersten, die auf die Folgen der demografischen Entwicklung für die medizinische Versorgung aufmerksam machten. „Die Ärzteschaft hat sich lange dagegen gewehrt, über die Kosten zu reden, gerade auch in der Bundesärztekammer. Ich habe es nie für glücklich gehalten.“ Heute erst recht nicht. „Denn wenn wir bei der jetzigen Finanzierung des Gesundheitswesens bleiben, dann werden wir irgendwann priorisieren müssen.“ Sollte die Ärzteschaft selbst Vorschläge machen, wie zu priorisieren ist? Vilmar signalisiert Zustimmung, wenn auch sehr vorsichtig: „Das muss im Konsens mit anderen geschehen. Wir wollen uns nicht alleine den Schwarzen Peter zuschieben lassen.“ Als Alternative zur Priorisierung schlägt Vilmar ein Modell nach Art der Kraftfahrzeugversicherung vor. „Jeder muss nachweisen, dass er eine Krankenversicherung gegen die Großrisiken hat. Wo man sich versichert, kann sich jeder aussuchen. Dann hätten wir wirklich Wettbewerb.“

Kennzeichen: Beharrlichkeit
Karsten Vilmar stammt berufspolitisch aus dem Marburger Bund (MB). Dessen Vorsitzender war er, bevor er 1978 auf dem Deutschen Ärztetag in Mannheim überraschend – Professor Hans Joachim Sewering hatte das Handtuch geworfen – Präsident der Bundesärztekammer wurde. Der an sich für die Nachfolge anstehende Vizepräsident Professor Horst Bourmer war einige Tage zuvor zurückgetreten, weil er nicht in die öffentlichen Diskussionen um Sewering hineingezogen werden wollte. Vilmar aber blieb, „obwohl Bourmer mich angerufen hat, ich sollte doch auch zurücktreten“. Beharrlichkeit. Die hat Vilmar stets ausgezeichnet, und sie kam ihm jetzt zugute. Sein Nachfolger im MB wurde Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der ihm auch 21 Jahre später als Präsident der Bundesärztekammer nachfolgte.

Bis heute erinnert sich Vilmar lebhaft an seine MB-Zeit. Etwa wie man 1970/71 das Teamarztmodell entwickelt habe. Viele Namen fallen – halten wir nur zwei fest: Ulrich Kanzow und Paul Erwin Odenbach. Das Teamarztmodell entstand, wie so manche Vilmar’sche Initiative, aus den Erfahrungen vor Ort, an seiner Unfallklinik, zu Hause in Bremen („Wir haben unser Papier bei mir zu Hause in der Küche gedruckt“); Fortsetzung beim MB auf Bundesebene; schließlich mündete das Modell als Fachgruppenarztsystem 1972 auf dem Deutschen Ärztetag in die Westerländer Leitsätze. Vilmar sieht rückblickend: „Alles landete in den Aktenschränken. Das hierarchische Denken ist mehr oder weniger noch immer da.“ Programmatische Arbeit lag Vilmar. Er hat die zuvor eher beiläufig betriebene Arbeit der Bundesärztekammer an gesundheits- und sozialpolitischen Vorstellungen beharrlich vorangetrieben. 1980 verabschiedete der Ärztetag in Berlin erstmals das von Vilmar (sowie Eberhard Weinhold, Gerhard Jungmann und J. F. Volrad Deneke) stark geprägte „Blaue Papier“, es wurde zweimal revidiert, zuletzt 1994. Danach tat sich wenig. „Wenn sich niemand die Arbeit macht, dann passiert eben nichts.“ Zuletzt passierte doch noch was: Der Deutsche Ärztetag beschloss 2008 das „Ulmer Papier“. Vilmar glaubt unverdrossen daran, dass sich die Ärzteschaft mit ihren Auffassungen in die Gesundheitspolitik einbringen muss.

Der Arzt, ein freier Beruf
Sein Credo formuliert er so: „Für uns Ärzte gilt, dass im Patient-Arzt-Verhältnis der Arzt nicht Anwalt des Staates oder der Kassen ist. Der Patient kommt vielmehr zum Arzt in der Erwartung, dass der ihm mit bestem Wissen und Gewissen das für ihn Gute und Vernünftige rät. In der Bundesärzteordnung steht: Der Arztberuf ist kein Gewerbe, er ist seiner Natur nach ein freier Beruf, ob niedergelassen oder angestellt. Es geht also immer um eine sehr persönliche Dienstleistung dem Patienten gegenüber, die kann nicht von einer Behörde angeordnet werden.“

Wie das Teamarztmodell im Schrank verschwand, so auch die von Vilmar propagierte Lösung für eine Nahtstelle zwischen Krankenhaus und Praxis, die Ambulanz. „Dabei ging es nie darum, die ambulante Behandlung an das Krankenhaus zu ziehen. Wir konnten – und können bis heute – doch die Normalarbeit nur mit Überstunden bewältigen, wie sollten wir dazu noch eine große Ambulanz betreiben? Nein, ich habe immer für die vernünftige Lösung plädiert, die schwer diagnostizierbaren oder therapierbaren Fälle ans Krankenhaus zu geben, durch Überweisung der Kollegen. Ärztetag und KBV-Vertreterversammlung haben dazu auch Beschlüsse gefasst. Und dann ist an der Peripherie nichts passiert.“ Vilmar vermerkt, dass von den großen Klinikketten heute solche integrierten Diagnose- und Behandlungsabläufe organisiert werden. „Das hätte früher und besser laufen können.“

So kommt in unserem Gespräch in Berlin schließlich doch noch so etwas wie eine Bilanz heraus. Wie jede Bilanz mit Plus und Minus.

Ein einzigartiger Höhepunkt war die Wiedervereinigung. „Der Aufbau der ärztlichen Selbstverwaltung ist wirklich gut gelaufen. Schon im November 1990 hatten sämtliche Kammern der neuen Länder die -Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft der nunmehr deutschen, und nicht mehr nur westdeutschen, Ärztekammern beantragt.“ Vilmar: „Ich habe zu Hause Kopien all dieser Kammerschreiben.“

Bereits 1993 fand der erste Deutsche Ärztetag nach der Wende in den neuen Ländern statt. In Dresden und unter Vilmars Leitung. Der 100. Deutsche Ärztetag 1997 in Eisenach bildete protokollarisch ein Highlight. Vilmar absolvierte ihn wie alle Ärztetage mit hansestädtischer Nüchternheit und jener Contenance, die auch die unruhigsten Delegierten zu dämpfen vermochte: „Das können wir alles durch Abstimmung klären.“ Auch jetzt im Gespräch ist da wieder der gewisse Seitenblick, mit dem sich Vilmar zu vergewissern pflegt, ob seine ironischen Spitzen beim Gesprächspartner auch angekommen sind.

Welchen Namen man auch antippt, Vilmar weiß dazu eine Geschichte. An welchen Gesundheitsminister erinnert er sich spontan? An Herbert Ehrenberg, Arbeits- und Sozialminister unter Helmut Schmidt von 1976 bis 1982, und natürlich an Horst Seehofer, Helmut Kohls Gesundheitsminister von 1992 bis 1998. „Mit denen konnte man reden.“

Gleich, im Anschluss an unser Gespräch hat Vilmar noch einen Termin in Berlin, um eine Reise nach Nordkorea vorzubereiten. Anschließend fährt er zurück nach Bremen. Mit dem Auto. Mehr als 30 Jahre hat er solche Fahrten zwischen seiner berufspolitischen Heimat Köln, seiner beruflichen – bis 1995 operierte der Unfallchirurg Vilmar an den Städtischen Krankenanstalten Sankt-Jürgen-Straße – und der privaten Heimat absolviert. Vilmar ist verheiratet und Vater zweier außerhalb der Medizin erfolgreicher Söhne. Nun eben Bremen–Berlin und zurück. Statt Opel wie ehedem jetzt BMW. Die Zeiten ändern sich nun mal.
Norbert Jachertz
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