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Pflegekräfte: Rückfall in alte Reflexe

Dtsch Arztebl 2010; 107(18): A-833 / B-729 / C-717

Hibbeler, Birgit

Dr. med. Birgit Hibbeler. Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Alle reden vom Ärztemangel: über den Numerus clausus, mehr Medizinstudienplätze und darüber, wie man junge Ärzte aufs Land locken kann. Aber wer spricht eigentlich über die Probleme der Pflegekräfte? Niemand. Das zumindest beklagt der Deutsche Pflegerat. In der Diskussion um den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen gehe es ausschließlich um die Mediziner. Verantwortlich dafür ist aus Sicht des Verbandes das Bundesgesundheitsministerium, das sich allein auf die Belange der Ärzte konzentriere. Dabei drohe auch in der Pflege ein Nachwuchsmangel.

Für viele Pflegekräfte steht mittlerweile fest: Mit Philipp Rösler (FDP) sitzt nicht nur erstmals ein Arzt im Gesundheitsministerium, sondern er ist nun doch zum „Ärzte-Minister“ geworden – entgegen seiner Bekundung, alle Berufsgruppen im Blick zu haben. Und so kommen Gefühle hoch, die man eigentlich längst überwunden haben wollte. Die alten Komplexe sind wieder da: Keiner schätzt unsere Arbeit, und niemand nimmt uns ernst. Vorbei sind die Zeiten, als die Pflegekräfte mit Ulla Schmidt (SPD) eine verlässliche Fürsprecherin hatten. Von Professionalisierung und Akademisierung der Pflege war da die Rede. Manche träumten schon von einer Verkammerung der Pflegeberufe.

Sicherlich gibt es auch Ärzte, die das mit einer gewissen Genugtuung erfüllt. Solidarität mit den „Kollegen“ aus der Pflege: Fehlanzeige. Das ist einerseits verständlich. Denn umgekehrt hat sich die Pflege in der Vergangenheit auch nicht für die Probleme der Mediziner interessiert. Fast jeder Arzt wird sich an eine Situation im Krankenhaus erinnern, in der ihm die Pflegekräfte – zahlenmäßig überlegen – das Leben schwergemacht haben. Andererseits ist es ein unhaltbarer Zustand, dass in Deutschland die Professionen immer noch gegeneinander arbeiten. Während in anderen Ländern Teamarbeit völlig selbstverständlich ist, verfallen die Berufsgruppen hierzulande immer wieder in unprofessionelle Muster. Dann geht es nicht um den Patienten, sondern um Macht und gekränkte Eitelkeit. Wenn Politiker dieses unsägliche Phänomen verstärken, indem sie aus ihren Sympathien für bestimmte Berufsgruppen keinen Hehl machen, ist das nicht akzeptabel.

Der Blick in die Ära Schmidt zeigt außerdem: Manche vollmundige Ankündigung über die sich die eine Berufsgruppe freut, muss nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte werden. Um die Pflege zu entlasten, versprach Schmidt ein Sonderprogramm für zusätzliche Pflegekräfte in den Krankenhäusern. Ende 2008 wurde mit dem Krankenhausfinanzierungsreformgesetz eine Förderung von 17 000 Pflegestellen über drei Jahre beschlossen. Ob das Programm den gewünschten Effekt hatte – nämlich den Abbau von Pflegestellen in den vergangenen Jahren zu kompensieren –, ist bis heute unklar. Nach Untersuchungen des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe sind die zusätzlichen Stellen und die damit verbundene Entlastung in vielen Kliniken nicht angekommen. Zehn Prozent der Kosten müssen die Häuser selbst tragen. Für manche ist möglicherweise selbst das nicht finanzierbar. Offizielle Zahlen des GKV-Spitzenverbandes zur Ausschöpfung der Fördermittel liegen zurzeit noch nicht vor.

Sympathiebekundungen allein nützen niemandem – ganz gleich, von welcher Partei sie kommen. Die Berufsgruppen im Gesundheitswesen dürfen sich von warmen Worten nicht täuschen lassen. Und vor allem sollten sie sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
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