DEUTSCHER ÄRZTETAG

Organspende und Ethik: Mehrheit für Widerspruchslösung

Dtsch Arztebl 2010; 107(20): A-991 / B-867 / C-855

Klinkhammer, Gisela; Richter-Kuhlmann, Eva A.

Der Legalisierung der aktiven Sterbehilfe erteilte BÄK-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe eine klare Absage.
Mit einer unerwartenden Wendung ging der Ärztetag zu Ende: Die Delegierten votierten ohne Diskussion für eine gesetzliche Neuregelung der Organspende.

Eine Überraschung hielt der 113. Deutsche Ärztetag in Dresden noch kurz vor seinem Ende bereit: Auch in Deutschland soll bei der postmortalen Spende von Organen künftig eine Widerspruchslösung gelten. Zumindest sprach sich das Ärzteparlament für den entsprechenden Antrag von Dr. med. Karl Breu, Delegierter der Bayerischen Landesärztekammer, aus – unerwartet und ohne Diskussion.

Bislang gilt hierzulande die erweiterte Zustimmungslösung. Sie führt nach Ansicht des Ärztetages jedoch dazu, dass nur ein geringer Teil derjenigen, die der Organspende positiv gegenüberstehen, auch tatsächlich Spender werden. In eine gesetzliche Neuregelung der Organspende setzen die Delegierten nun die Hoffnung auf eine größere Anzahl an gespendeten Organen.

Das Votum des Ärztetages für eine Widerspruchslösung war nicht zu erwarten gewesen, denn vor erst drei Jahren beschloss der 110. Ärztetag, die Einführung der Widerspruchslösung so lange nicht zu empfehlen, bis nicht alle anderen Optionen ausgeschöpft seien. Dr. med. Martina Wenker vom Vorstand der Bundesärztekammer riet den Delegierten, den Antrag Breus an den Vorstand zu überweisen, da die Bundesärztekammer derzeit Vor- und Nachteile der Widerspruchslösung prüfe. Doch Breu appellierte an das Ärzteparlament: „Lassen Sie sich die Entscheidung nicht aus der Hand nehmen. In vielen Bereichen wurden bereits die Organisationsstrukturen verbessert, Finanzmittel erhöht und Motivationskampagnen gestartet. Trotzdem ist die Zahl gespendeter Organe in Deutschland erneut deutlich von 4 140 im Jahr 2007 auf 3 879 im vergangenen Jahr gesunken.“ Verlaufsstudien aus anderen Ländern hätten jedoch gezeigt, dass die Einführung der Widerspruchslösung die Anzahl der Spender um ein Mehrfaches steigern könne. Die Bundesärztekammer wird die Konsequenzen des Beschlusses nun prüfen.

Engagement für Behinderte und Illegale
Uneingeschränkt unterstützte der Deutsche Ärztetag die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit einem Jahr in Deutschland gilt. Dabei setzten sich die Delegierten besonders für eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderungen ein, die „der Qualität und dem Standard der Versorgung von Menschen ohne Behinderungen entspricht“. Ein wichtiger Schritt sei die aktuelle Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission (ZEKO) bei der Bundesärztekammer (DÄ, Heft 11/2010). Das Ärzteparlament begrüßte den avisierten Aktionsplan der Bundesregierung, der konkrete Maßnahmen enthalten soll. Zudem bittet der Ärztetag den Gesetzgeber, den Zugang zur medizinischen Versorgung von Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus zu erleichtern. Dazu schlägt das Ärzteparlament vor, einen anonymen Krankenschein einzuführen.

Bei der Eröffnungsveranstaltung des 113. Deutschen Ärztetages in Dresden erteilte der Präsident der Bundesärztekammer der Legalisierung der Sterbehilfe erneut eine klare Absage. Töten dürfe keine Option im therapeutischen Instrumentarium des Arztes sein, betonte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der noch wenige Tage vor dem Ärztetag eine Überarbeitung der Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung angekündigt hatte. Auch dem Patientenverfügungsgesetz steht Hoppe kritisch gegenüber. Dabei verwies der Bundesärztekammerpräsident auf die überarbeiteten Empfehlungen zum Umgang mit Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung der Bundesärztekammer und der ZEKO (DÄ, Heft 18/2010). Nach seiner Ansicht ist und bleibt das Gespräch mit dem Patienten und seinen Angehörigen entscheidend.
Gisela Klinkhammer, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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