

Vor gut 70 Jahren veröffentlichte Deutschlands damals führender Chirurg, August Bier, einen Artikel
mit dem Titel "Wie sollen wir uns zur Homöopathie stellen?" (4). Bier versuchte darin darzustellen, daß
vielleicht doch etwas an der Homöopathie dran sei und daß man ihr mit Offenheit begegnen sollte. Mit dieser
Publikation beschwor er unversehens heftigste Angriffe seitens der Schulmedizin herauf (7). 1992 publizierten
16 Professoren die "Marburger Erklärung zur Homöopathie" in der sie diese Medizinform als "publizistisch geschürten
Aberglauben" bezeichneten. Es folgten heftigste Angriffe aus den Reihen der Homöopathie (23).
Die Debatte um die Homöopathie wird seit ihrem Bestehen von beiden Seiten emotional und polemisch geführt
(15). Dies ist nicht selten kontraproduktiv (6) und hilft letztlich dem Patienten wenig. Im folgenden soll daher
versucht werden, die Argumente und Gegenargumente in aller Nüchternheit und Offenheit objektiv abzuwägen.
"Die Konzepte der
Homöopathie sind absurd"
Dies ist wohl das am häufigsten verwendete Argument gegen die Homöopathie. Es bezieht sich vornehmlich auf
die Ähnlichkeitsregel (Therapie von Symptomen mit Mitteln, die ebensolche Symptome am Gesunden auslösen)
und die These vom "Gedächtnis des Wassers" (homöopathische Verdünnung jenseits der Loschmidtschen Zahl
führt nicht zum Verlust, sondern zur Potenzierung der Aktivität einer homöopathischen Zubereitung). Beide
Thesen sind Grundpfeiler der Homöopathie. Beide sind nicht zu vereinbaren mit den Gesetzen der Physik und
Chemie, so wie wir sie heute kennen.
Homöopathie-Gegner führen aus, daß "praktisch sämtliche naturwissenschaftlichen Gesetze . . . [erst] nach
Hahnemanns Tod entdeckt" wurden (25); in der Homöopathie habe man es in der Folgezeit vermieden, sich
diesen neuen Erkenntnissen anzupassen. Homöopathie-Anhänger dagegen meinen, daß ganz offensichtlich ein
Defizit im heutigen Erkenntnisstand der Wissenschaften vorliegen muß. Mit exakter Forschung müßte es
irgendwann einmal möglich sein, diesen Widerspruch als scheinbar und nicht wirklich existent zu entlarven (26).
Sei es, wie es sei - fest steht, daß bei weitem nicht alles, was in der Medizin therapeutisch eingesetzt wird und
wurde, auf einem plausiblen Rationale basiert. Wer von uns würde davor zurückschrecken, beispielsweise
Acetylsalicylsäure einzusetzen, wenn fest stünde, daß damit Krebs geheilt werden kann, ohne daß über den
Mechanismus einer solchen Wirkung auch nur das geringste bekannt wäre? Was in der klinischen Medizin
letztlich zählt, ist also nicht die Plausibilität, sondern der Wirksamkeitsnachweis; anders ausgedrückt, die
(derzeit noch?) offensichtliche Absurdität der homöopathischen Konzepte sollte keinen absoluten
Hinderungsgrund für die Anwendung der Homöopathie darstellen.
"Homöopathische
Arzneimittelprüfungen sind nicht reproduzierbar"
Die Anwendung der Ähnlichkeitsregel setzt voraus, daß homöopathische Arzneimittel zuvor am Gesunden
geprüft wurden (16). Diese Prüfungen sind in vielerlei Hinsicht kritikwürdig (5). Unter anderem ist unklar, nach
welchem Protokoll (es existieren fast ebenso viele Protokolle wie Prüfer) geprüft werden muß und ob die meist
lange Liste von Symptomen, die ein Arzneimittelbild ausmachen, nicht nur eingebildete
Befindlichkeitsstörungen sind. Sogar der Hahnemannsche Selbstversuch mit Chinin, der ihn zur Entwicklung der
Homöopathie veranlaßte, wirft erhebliche Zweifel bezüglich seiner Reproduzierbarkeit auf (23).
Die Tatsache, daß hier vieles (oder fast alles) im argen liegt, wird nunmehr auch von homöopathischer Seite
erkannt (5); es wird eine radikale Verbesserung der Arzneimittelprüfung gefordert. In Abwesenheit einer
ausreichenden Anzahl wissenschaftlich exakter Prüfungen läßt sich weder der Wert noch der Unwert der
homöopathischen Arzneimittelprüfung belegen.
"Scheinbare Heilerfolge
der Homöopathie sind
Scheinerfolge"
Dieses Argument ist so alt wie die Homöopathie selbst (17). Es erschöpfte sich zunächst im Anekdotischen.
Homöopathen verwiesen auf ihre Heilerfolge, Gegner auf den Plazeboeffekt. Später wurden Statistiken
angeführt, zum Beispiel über bessere Überlebensraten in homöopathischen Krankenhäusern bei Epidemien.
Kritiker entgegneten, daß diese Zahlen mittels Selektionsvoreingenommenheit und anderen methodischen
Schwächen, nicht aber durch die Wirksamkeit der Homöopathie zu erklären seien (18).
Inzwischen sind wir hier einen (wenn auch kleinen) Schritt weitergekommen. Wir können uns heute auf
kontrollierte Studien und Metaanalysen stützen. Derzeit existieren drei unterschiedliche Metaanalysen von drei
unabhängigen Arbeitsgruppen (22, 3, 19) sowie eine systematische Übersicht von anerkannt hoher Qualität (21).
Diese Publikationen kommen ohne Ausnahme zu einem positiven Ergebnis (sie implizieren, daß Homöopathika
Plazebos überlegen sind), räumen jedoch alle ein, daß methodische Schwächen der Einzelstudien eine definitive
Schlußfolgerung nicht zulassen. Es ist in der Tat nicht möglich, auch nur eine einzige Studie zu finden, die einer
strengen Kritik standhalten würde (5).
Die im Auftrag der Europäischen Union erstellte Analyse (19) ist deswegen besonders hervorzuheben, da sie von
einem Team aus Anhängern und Kritikern der Homöopathie sowie unparteiischen Experten erarbeitet wurde (der
Autor der vorliegenden Arbeit war Mitglied dieser Gruppe und zählt sich zur letztgenannten Kategorie). Hier
wurden mit enormem Aufwand alle Homöopathie-Studien gesammelt und diejenigen, die randomisiert sowie
plazebokontrolliert waren, analysiert. Sie kommt zu folgendem Schluß: "Es ist wahrscheinlich, daß unter den
untersuchten homöopathischen Ansätzen einige Studien Effekte aufweisen, die über Nulltherapie oder Plazebo
hinausgehen."
Das Argument der Homöopathie-Gegner "daß die Homöopathie vielfach von Wissenschaftlern hohen Grades,
von staatlichen Kommissionen, in Spezialkliniken von Hochschulen überprüft wurde, aber keine spezifische
Wirkung gezeigt hat" (25) ist also irreführend. Weitaus schlagkräftiger ist das Argument, daß die Datenlage
durch Publikationsvoreingenommenheit (das heißt Studien mit negativem Ergebnis gelangen seltener zur
Publikation als solche mit positivem Resultat) verzerrt wird und daher nicht dem tatsächlichen Sachverhalt
entspricht (2). Der Autor dieser Zeilen weiß beispielsweise von mehreren homöopathischen Studien, die negativ
ausfielen und (deshalb?) nicht publiziert wurden.
Ein weiteres Argument bezieht sich auf die Glaubwürdigkeit von Homöopathen: "Die sektiererische Natur der
Homöopathie wirft ernste Fragen auf über die Rechtschaffenheit homöopathischer Forscher" (20). Unredlichkeit
mag in vielen Bereichen der Medizin existieren. Ehe man sie einem Bereich pauschal vorwirft, sollte man jedoch
Beweise für diese Anschuldigungen in der Hand haben. Das Argument überzeugt also nicht.
Wichtiger erscheint der Hinweis, daß keine Therapie als wirksam angesehen werden sollte, ehe nicht die
Wirksamkeit bewiesen ist (20). Für die Homöopathie ist bis heute die Wirksamkeit nicht zweifelsfrei belegt. Das
von Homöopathen häufig ins Feld geführte Argument, die oben genannten Analysen bewiesen nicht die
Unwirksamkeit der Homöopathie, ist daher irrelevant.
"Homöopathie kann
zumindest nicht schaden"
Auch diese These ist weit verbreitet. Sogar die EU-Richtlinien zur Zulassung von Homöopathika beruhen zum
Teil darauf: hochverdünnte Mittel benötigen keinen Nachweis der Medikamentensicherheit (2). Dennoch ist die
Homöopathie nicht gänzlich risikofrei. Eine Reihe von Nebenwirkungen und Komplikationen sind in der
Literatur dokumentiert. Die Inzidenz derartiger Nebenwirkungen ist allerdings nicht bekannt. Daneben existieren
auch bedeutsame indirekte Risiken, zum Beispiel die Verhinderung effektiver Maßnahmen durch Homöopathen
(29). Ein Paradebeispiel ist hier die negative Einstellung vieler Homöopathen dem Impfen gegenüber (10).
Homöopathische Mittel mögen unschädlich sein, Homöopathen sind es offenbar nicht in jedem Fall.
Homöopathen kontern für gewöhnlich, daß dennoch die Homöopathie im Vergleich mit der Schulmedizin um
Größenordnungen weniger Sicherheitsprobleme aufweist. Dem ist entgegenzuhalten, daß erstens die
Nebenwirkungen der Homöopathie vielleicht doch häufiger sind als allgemein angenommen (1) und daß
zweitens
bei nicht sicher einschätzbarem Nutzen (siehe oben) eine Nutzen-/Risiko-Bewertung, auf die es in diesem
Zusammenhang letztlich ankäme, schlichtweg unmöglich ist.
"Es existiert gar keine
einheitliche Homöopathie"
"Praktisch gibt es so viele Homöopathien, wie es Homöopathien gibt" (25). Es ist richtig, daß sich seit
Hahnemann diverse Schulen der Homöopathie herausgebildet haben. Diese sind sich zum Teil durchaus uneins.
Dieser Umstand erschwert erheblich die Beurteilung der Homöopathie. Das Argument sticht jedoch nicht, wenn
es um die Diskreditierung der Homöopathie an sich geht. Auch in anderen Bereichen der Medizin gibt es
unterschiedliche Ausrichtungen. Es wäre die Aufgabe einer jeden derartigen Strömung, ihren Stellenwert zu
belegen. Diese Forderung sollte auch an die Homöopathie und ihre diversen Strömungen gestellt werden.
"Homöopathen bereichern sich an Patienten"
Der Vorwurf, daß es hier um Profit geht und daß somit der Tatbestand der Quacksalberei erfüllt sei (20), ist
ebenfalls so alt wie die Homöopathie selbst. Homöopathen haben zu aller Zeit gekontert, daß dies erstens falsch
sei und daß zweitens die Profitgier ein allbekanntes Problem vor allem der Schulmedizin darstelle (8). Wie
bereits ausgeführt, Unredlichkeit mag es hier wie dort geben. In Abwesenheit von Beweisen tut man jedoch gut
daran, derartige Anschuldigungen zu unterlassen.
Brauchen wir weitere
Forschung?
Diese entscheidende Frage wird uneinheitlich beantwortet. Viele Homöopathen meinen, die Homöopathie sei so
"anders", daß sie sich nicht mit den heute akzeptierten Methoden erforschen läßt (13). Dies stimmt nur sehr
bedingt. Es gibt Beispiele für kontrollierte Studien, die allen Ansprüchen auf Individualisierung, Diagnose und
anderes gerecht werden (26). Ferner existieren innovative Prüfdesigns, die auf die besonderen Bedürfnisse der
Homöopathie eingehen, ohne an Wissenschaftlichkeit einzubüßen (11). Selbst einige Kritiker der Homöopathie
nehmen gegen weitere Forschung auf diesem Gebiet Stellung (28). Dieser Personenkreis argumentiert, daß angesichts der Mittelknappheit medizinische Forschung sich auf die
aussichtsreichsten Projekte zu konzentrieren habe. Homöopathie sei nicht plausibel und gehöre daher nicht in
diese Kategorie.
Obschon in dieser These eine nicht zu leugnende Logik steckt, ist sie (meiner Meinung nach) zu verwerfen. Die
Homöopathie erfreut sich heute einer immensen Beliebtheit (14). Solange große Teile der Bevölkerung
(irgend)eine Therapie anwenden, wäre es schlichtweg unethisch (9), nicht zu versuchen, die essentiellen Fragen,
die sich auf den Nutzen und das Risiko beziehen, zu beantworten.
Fazit
Der Streit um die Homöopathie ist so alt wie diese Behandlungsform. Die Argumente sind inzwischen bestens
bekannt, aber nur zum Teil zutreffend. Eine Lösung ist von diesem Dauerstreit kaum zu erwarten. In dieser
Situation kann wohl nur exakte neue Forschung weiterführen. Was wir brauchen, sind nicht weitere ein- bis
zweihundert unschlüssige Studien, sondern zwei bis drei adäquat angelegte und von Unparteiischen
durchgeführte Studien zum Wirkungsnachweis. Zweihundert Jahre Diskussion, so will es scheinen, macht nicht
das eine oder das andere Lager, sondern die Medizin als solche lächerlich. Was schlimmer ist, sie schadet
letztlich unseren Patienten.
Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1997; 94: A-2340-2342
[Heft 37]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck,
anzufordern über den Verfasser.
Anschrift des Verfassers
Prof. Edzard Ernst MD PhD
Department of Complementary
Medicine
Postgraduate Medical School
25 Victoria Park Road
Exeter EX2 4NT · Großbritannien
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