POLITIK

EU-Richtlinie zur Qualität und Sicherheit von Organtransplantationen: Mehr Solidarität bei Organspenden

Dtsch Arztebl 2010; 107(22): A-1102 / B-973 / C-961

Spielberg, Petra

Für Transplantationen sollen künftig vermehrt Spenderorgane aus dem EU-Ausland zur Verfügung stehen. Grundlage hierfür bilden gemeinsame Qualitäts- und Sicherheitsstandards.

Bislang werden in der Europäischen Union (EU) nur maximal 20 Prozent aller Organe außerhalb ihres Ursprungslandes übertragen, und zwar vornehmlich zwischen Deutschland, Österreich, den Beneluxstaaten, Kroatien, Slowenien und den skandinavischen Ländern. Die Quote zu steigern und zugleich die Qualität und Sicherheit von Organtransplantaten zu verbessern, ist das Ziel einer EU-Richtlinie und eines Aktionsplans, die das Europäische Parlament (EP) kürzlich verabschiedet hat. Die Zustimmung der EU-Regierungen gilt als sicher, weil der Text mit Vertretern der 27 Staaten abgestimmt wurde.

Der gemeinsame Rechtsrahmen verpflichtet die EU-Länder dazu, von 2012 an bei Organtransplantationen einheitliche Qualitäts- und Sicherheitsstandards anzuwenden. Sie müssen eine Institution bestimmen, die die nationalen Regeln auf Grundlage der EU-Standards festlegt und deren Einhaltung kontrolliert. Diese Aufgabe kann auch durch eine Organisation wie die Deutsche Stiftung Organspende wahrgenommen werden. Darauf hatte unter anderem die Bundesärztekammer (BÄK) bestanden. „Die zunächst diskutierte Einrichtung einer nationalen Behörde zur Überwachung von Organspenden und Organtransplantationen hätte lediglich zu mehr Bürokratie geführt, nicht aber den Mangel an Organen behoben“, erklärte Dr. med. Martina Wenker, Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation der BÄK.

Ja zur Organspende: In Spanien kommen 35 Organspender auf eine Million Menschen. In Rumänien sind es gerade einmal 0,5. Deutschland liegt mit 14 Spendern auf eine Million Einwohner im unteren Drittel. Foto: vario images
Die Regelungen basieren ferner auf dem Grundsatz der freiwilligen und unentgeltlichen Organspende, die auch für Lebendspenden gilt. Eine lückenlose Dokumentation soll die Rückverfolgbarkeit jedes transplantierten Organs gewährleisten. „Dadurch trägt die Richtlinie auch zur Bekämpfung des Organhandels bei“, betonte EU-Gesundheitskommissar John Dalli.

Die Vorschriften setzen Mindeststandards
Das Regelwerk soll nach Aussage des Berichterstatters des EP, des konservativen slowakischen Abgeordneten Miroslav Mikolasik, vor allem den Staaten in Mittel- und Osteuropa helfen, Anschluss an das hohe Niveau in der Transplantationsmedizin der westeuropäischen Staaten zu finden. Die Vorschriften setzen gleichwohl nur Mindeststandards. Die EU-Länder können strengere Regeln einführen und auch festlegen, ob der Hirntod oder der Herztod Voraussetzung für eine Organentnahme ist.

Die EU erhofft sich von einer engeren grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei Organtransplantationen überdies, dem Organmangel entgegenwirken zu können. „In einem vereinten Europa ist es ein Unding, dass ein Patient im Grenzgebiet kein Organ aus seinem Nachbarland erhalten kann und verfügbare Organe verloren gehen, wenn im eigenen Land kein Empfänger bereitsteht, während im Nachbarland dieses Organ dringend benötigt würde“, kritisierte der gesundheitspolitische Sprecher der Europäischen Volkspartei, Peter Liese. Auch in Deutschland würden Organe nach dem Hirntod häufig nicht entnommen, obwohl ein Spendeausweis vorliege und die Krankenhäuser gesetzlich dazu verpflichtet seien, potenzielle Spender zu melden. „Das liegt vor allem daran, dass Ärzte zu wenig Zeit dafür haben“, meinte der Parlamentarier.

Da die EU keine Rechtsgrundlage hat, um das Problem der Organknappheit zu regeln, kann sie nur Forderungen äußern. In einem 10-Punkte-Plan regt sie deshalb an, in jedem Krankenhaus Fachkräfte zu benennen, die die Organspenden und Transplantationen koordinieren. „Wir gehen davon aus, dass durch Verbesserungen in der Krankenhausorganisation pro Jahr europaweit 20 000 Menschen zusätzlich ein Organ zur Verfügung gestellt werden kann“, sagte Liese. In Deutschland könne die Zahl der Organspender somit auf 2 400 verdoppelt werden. Derzeit stehen in der EU etwa 56 000 Patienten auf Wartelisten.
Petra Spielberg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige